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Die Wahrheit · 1927-06-24 · Heft 27 (24.6.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 27 (24.6.1927)
Date
1927-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£vs€fkeint jeden Sveitag (fteis dieses Hummel: SO Siosiften D/£ WAHRHEIT Cest&rneirfiistfke *Woctkenscfttift für jücliscne JTnfercssen Weröffentficfkun&en der „Union deutscfkösterv. Juden" Redaktion und Administration: Wien /#.« Xefcnestxnße Oft*. 13 Fernruf 42-2*16 XLIII. Jahrgang Wien. 24. Juni 1927 Nummer 2ß Taufe und Judentum. Von Karl Hilmar. Es gibt unter den Juden seltsamerweise auch in dem neuen Deutschland' immer noch Leute, die glauben, wenn auch nicht ihre Beförderungsaussichten als Beamte, so doch ihre gesellschaftliche Position durch Preisgabe ihrer Religion verbessern zu sollen. Als ob sie damit, daß sie dem Judentum den Rücken kehren, dem krassen Antisemitismus gegenüber, der heute auf allen Gebieten des Judenhasses die Führung hat, die Waffe aus dler Hand schlagen. Ja, selbst der Judenmission sind und bleiben sie ein mit einem gewissen Makel der Herkunft belasteter sehr problematischer Zuwuchs zur christlichen Kirche, so daß der frühere Judenmissionsprediger Pfarrer K. F r a n z in Rhbinsberg (Westpreußen) im „Reichsboten" (Nr. 52 der Wochenbeilage „Kirche und Schule", Jahrgang 1916) sagen durfte: „Der maßvolle Stöckerische oder christlichsoziale Antisemitismus und die Judenmission sind wohl v e r e i n b a r", und sich zum Schluß noch einmal resolviert: „Der Antisemitismus rechter Art und die Judenmission gehörlen somit zusammen." Der konsequente Antisemit erblickt eben in jeder Taufe eine Art „Mimikry", eine wie die „Pol. Anthr. Monatsschrift" des Herrn Dr. Schmidt (Giebichenfels) sich einst ausdrückte, „der vielen M a s k e n, die von den schleichenden Eroberern zur Verdeckung ihrer eigentlichen Absichten angewandt werden" — von dem drastischen, dem Kaiser Josef in den Mund gelegten Worte ganz zu schweigen* „Die Juden habeneinenSchurkenverlorenunddie Christlen einen bekommen". Darum hat auch die christliche Mission unter den Juden nirgendwo und zu keiner Zeit eine rechte Befriedigung in der Christenheit ausgelöst. Schopenhauer nannte sie den „Gipfel menschlicher Zudringlichkeit und Arroganz". Und liberale und tolerant (empfindende Geistliche haben ihre Mitwirkung meist versagt. Pfarrer Rode, der Herausgeber der „Christlichen Welt", schrieb einmal in seinem Blatt, er habe in seinem Lbben „nur eine einzige Judentaufe vollzogen, nach langem Unterricht nicht ohne peinliche Empfindungen." Und wie haben sich die Großen unserer Nation, des Deutschtums überhaupt, zu der Frage der Judentaufen gestellt? Die heftige Zudringlichkeit, mit der LavateraufMos/esMendelsohn und andere eindrang, um sie zum Christentum zu bekehren, war Goethe, der sonst für den Schweizer Freund sehr viel übrig hatte, im hohen Grade „ä r g e r 1 i c h", und heute ist sich die christliche Theologie vollkommen darüber einig, daß, wie Rode sich ausdrückt, „düe jüdische Ablehnung glücklicher war als die christliche Einladung". Alexander v. Humboldt hat an den jüdischen Gelehrten Dr. Low, der die Absicht hatte, aus dem Judentum auszutreten, geschrieben: „Um alles aber möchte ich von dem Schritte abraten, Ihre Religion, die mit den Forschungen objektiver Wissenschaft noch am leichtesten zu vereinbarende, mit der in Ihrem Lande dominierenden Trinitas zu vertauschen. Harren Sie aus bei IhrenBrüdern, die einen so merkwürdigen Märchengang durch die Jahrhunderte vollbracht haben und jetzt an der Stelle ihrer Freiheit steinen". Sollte dieses Wort des großen Gelehrten nicht gerade heut, wo zum zweitenmal und hoffentlich endgültig die Schranken des staatlichen und behördlichen Antisemitismus giefallen sind, erneute Beachtung beanspruchen dürfen? Ch. Gg. Lichtenberg, der berühmteste Satiriker des 18. Jahrhunderts, Zeitgenosse und Freund Lessings, ergötzte sich an der Vorstellung „der Idee einiger Missionäre, einen ganzenflof voll Prosely ten mit der Feuerspritzezutaufe n." Selbst bei Neander, Gans und anderen Konvertiten (Aug. Lewald) konnte Karl Gutzkow beim besten Willen keine idealen Motive für ihren Religionswechsel entdecken: er war, wie er meint, zurückzuführen auf „Charakterschwäche und träge Nachgiebigkeit gegen die äußeren Umstände des Lebens". Wie spottete Felix Dahn in seinem Roman „W e 11 u n t e rg a n g" über die, die sich ihres Volkes schämen und lieber mit den Christen die Juden placken wollen, „ihr Volk verleugnen diese Abtrünnigen und Euch, Herr Bischof, lügen sie vor, sie glauben." Ergreifend schildert Peter R o s e g g e r, der sich in seinem Roman „Das ewige Licht" als Waldpfarrer selbst porträtiert hat, die schweren Gewissensnöte eines Sohnes, der den Glaubenswechsel seines Vaters nicht mitmachen konnte: Der junge Ritter von Hark sagt zu demr Waldpfarrer: „Sie wissen ja, daß mteine Familie sich Ihrer Kirche (der katholischen) angeschlossen hat, und daß ich es nicht getan habe. Hat mein Vater Herzensgründe gehabt, es zu tun, so habe ich sie gehabt, es nicht zu tun. Ich muß mich

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