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Die Wahrheit · 1927-06-17 · Heft 26 (17.6.1927) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 26 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 « iliiPiMijiiiiM öf!illl]lfiilll[]ll!]l!llilll!l!l!l]!ll!i!i!!;i DIE WAHRHEIT Stärkungen von nichtstudentischer Seite durch das rückwärtige UniveTsitätstor herangezogen werden konnten; die Abhaltung des vom Rektorat gestatteten Vortrages wurde verhindert und sechs schwerverletzte Studenten mußten auf die Unfallstation gebracht werden. Es folgte dann die bereits erwähnte Weisung des Bürgermeisters an den Polizeipräsidenten, welche auch von nichtsozialistischer Seite, z. B. von der Deutsch-Demokratischen Hochschüler-Vereinigung in einer Vorsprache bei Seitz mit vollem Recht gebilligt wurde, welche jedoch die Gemüter nicht beruhigte, sondern weitere Demonstrationen und Gewalttätigkeiten der Hakenkreuzler auslöste, ohne daß die Polizei von der ihr gegebenen Ermächtigung Gebrauch machte. Schließlich blieb dem Rektor, dessen Verhalten während seiner ganzen Amtsperiode mitschuldtragend an all dem Geschehen ist, nichts anderes übrig, als die Universität für eine Woche zu schließen und den lernbeflissenen Studierenden um weniger hakenkreuzlerischer Rowdys willen das ohnedies so kurze Sommersemester noch um eine Woche zu verkürzen. Nun kommt der akademische Senat und nimmt zu den traurigen Vorfällen der letzten Woche Stellung und wie er dies tut, ist so bezeichnend für die wahre Gesinnung dieser Körperschaft, daß uns eigentlich weitere Kommentare überflüssig erscheinen: Statt dem wüsten Treiben des Studentenführers K ö r b e r, der der antisemitische Haupteinpeitscher und Arrangeur fast aller Ausschreitungen auf akademischem Boden ist, endlich einen Riegel vorzuschieben, wird der sozialistische Studentenführer Tschadek, wie auch drei andere sozialistische Studenten, von der Hochschule relegiert, angeblich deshalb, weil er vor einem halben Jahre für Zettel mit Angriffen auf den akademischen Senat die Verantwortung übernommen habe. Statt dem Rektor M o 1 i s c h für seine Amtstätigkeit das Mißtrauen, das er sich reichlich verdient hat, auszusprechen, wird gegen die Kundgebung des Bürgermeisters protestiert Die Gesinnung, die aus diesem Verhalten spricht, das ist die wahre, die wirkliche Gefahr für unsere Universität, ja sie ist vielleicht eine noch viel größere Gefahr als es der Verlust einer Autonomie wäre, die aus einem Fundament der wissenschaftlichen Freiheit zu einem Schutzschild des Terrorismus geworden ist. Diese Gefahr zu erkennen, und ihr zu steuern, wäre Aufgabe aller derjenigen, die wünschen, daß Oesterreich nicht nur als Rechtsstaat, sondern auch als Kulturstaatim Rahmen der europäischen Zivilisation einen geachteten Platz einnehmen möge. Parteiunsen und Entzweigungen. Daß sich unter uns Juden zu allen Zeiten Mensiheii finden, die nicht einmal dort, wo sie am furchtbarsten bedrückt werden und am schwersten gegen die antisemitischen Anfeindungen zu kämpfen haben, sich vor den bösartigsten Auswüchsen des Parteihaders und der Parteileidenschaft freizumachen verstehen, daß ihre inneren Zwistigkeiten und Gegensätze selbst angesichts der schadenfrohen Augen der äußeren Gegner immer wieder in persönliche Anfeindungen ausarten, das ist wohl ein schlagender Beweis dafür, daß wir Juden unseren Vorzügen im Verlaufe unserer jahrtausendelangen Geschichte ebenso treu geblieben sind wie unseren Fehlern-, Wir haben daher absolut keinen Grund, uns stolz in die Brust zu werfen und verächtlich auf die Czernowitzer Judengemeinde hinzuweisen, in welcher sich gegenwärtig zwar sehr traurige, aber leider nicht als „unjüdisoh" zu brandmarkende Vorgänge abspielen. Eigentlich sind dieselben nichts anderes als eine Umkehrung der beklagenswerten Geschehnisse, die sich vor drei Jahren in dieser großen jüdischen Gemeinde abgespielt haben. Damals wurde nämlich der langjährige verdienstvolle Gerent dieser Gemeinde, Abgeordneter Doktor Straucher, von seinen von Parteileidenschaft verblendeten Gegnern persönlich auf das heftigste befehdet und als sich die Regierung, dem Anstürme seiner jüdischnaüonalen Widersacher weichend, entschloß, Dr. Straucher seines Amtes zu entheben, und an seine Stelle Dr. Ebner setzte, da ergoß sich eine Flut von Verleumdungen und Beschimpfungen über den seines Amtes Enthobenen. Er wurde zum Verräter am jüdischen Volke gestempelt, nur deshalb, weil er den Forderungen einiger nationalistischer Schreier mit der ganzen Macht seiner Persönlichkeit entgegentrat. Doch diejenigen, welche ihr Parteiinteresse mit dem der gesamten Judenschaft verwechselten und sich nicht scheuten, die Ehre eines Mannes anzugreifen, weil er anderer Gesinnung war wie sie, mußten alsbald erkennen, daß das Feuer der Parteileidenschaft, das sie durch ihre Hetzereien entfacht hatten, nicht mehr einzudämmen war. Trotz der Verfolgungen, unter denen das rumänische Judentum zu leiden hatte, trotz der offiziellen und halboffiziellen Unterstützung, welche die Cuzisten seitens der Regierung Avarescu fanden, trotz der unsäglichen Bedrohungen, Rechtsverletzungen und Gewaltakte, welche täglich begangen wurden, trotz alledem hörte der wüste Parteizank in Czernowitz nicht auf. Es wurde nunmehr gegen den neuen Gerenten Dr. Ebner, der, wie auch seine Gegner hätten anerkennen müssen, mutig und tapfer der antisemitischen Welle entgegentrat, Sturm gelaufen, es setzte die Verleumdungkampagne von neuem, nur mit umgekehrten Vorzeichen, ein, und hat nun, nachdem die neue Regierung Dr. Ebner abgesetzt und Dr. Straucher wieder zum Gerenten ernannt hat, ihren Höhepunkt erreicht. Abermals werden persönliche Anschuldigungen gegen den ehemaligen Gerenten erhoben und das häßliche Spiel der persönlichen Angriffe und Gegenangriffe aus parteipolitischen Gründen scheint kein Ende nehmen zu wollen, trotzdem die rumänischen Antisemiten selbstverständlich hieraus Kapital schlagen. „Wenn die Juden", so können die Cuzisten anscheinend mit Recht behaupten, „gegen ihre eigenen Führer so schwere Vorwürfe erheben, wie muß es erst in Wirklichkeit um die jüdische Gemeinschaft bestellt sein!" So sind wir Juden nun schon einmal. Immer und zu allen Zeiten war die trennende Kraft innerer Gegensätze und Entzweiungen stärker als das einigende Band der gemeinsamen Gefahr, der gemeinsamen Geschichte und des gleichen Geschickes, und als die römischen Sturmböcke bereits die innersten Verteidigungsmauern der Heiligen Stadt erschütterten, tobten darinnen die heftigsten Parteistreitigkeiten. Es hat sich also in dieser Beziehung nichts geändert. Die Auflösung der Berliner Hitlergarde. Zu der von uns schon gemeldeten Auflösung der Berliner Hitler-Ortsgruppe schreibt uns Dr. Hugo Spiegier: Bei aller Sympathie für jede irgendwie reaktionäre Richtung hatte der Hugenbergsche „L o k a I - A n z e i g e r" über das Berliner Hitler-Debut vom 1. Mai die zurückhaltende Kritik geübt: „Daß der deutsche Hitler vorläufig noch in die Irre geht .... und sich in Ton und Form vergreift, ist menschlich. Wer aber unter uns ohne Fehl ist, der werfe den ersten Stein auf ihn!" Das war unvorsichtig. Man soll im Hause des Gehenkten nicht vom Strick und im Zusammenhang mit einer Hitler-Veranstaltung nicht vom Steinwerfen sprechen. Die Hakenkreuzler nehmen so etwas leicht wörtlich und beginnen — die Voraussetzung ihrer „Ohne-Schuld"-Befindung getrost dem zu erwartenden nachträglichen Gerichtsurteil überlassend — sofort ihrerseits mit dem Bombardement. Daß davon kein Jude betroffen wurde, sondern der Vertreter eines nicht gerade philosemitischen Blattes und ein evangelischer Pfarrer, ist nur auf den Ausschluß der Juden von völkischen Versammlungen zurückzuführen. Darum erscheint mir auch die behördliche Gegenmaßregel gegen die in der verhängnisvollen Hakenkreuzversammlung zutage getretenen Brutalität nicht ganz erfolgversprechend. Die Polizei hat die Berliner Ortsgruppe der Hitlerianer aufgelöst und diesen jede Zusammenkunft verboten. Dadurch verhindert sie aber nur, daß die Völkischen ihren furor teutonicus a n einander austoben, was immer noch erfreulicher ist — wenn schon durchaus getobt werden muß — als die Behelligung Außenstehender. Professor Cuza und der jüdische Arzt. Bukarester Blätter erzählen die folgende Begebenheit aus den letzten Tagen: Die Tochter des blutrünstigsten Antisemitenführers der Gegenwart, des Universitätsprofessors Cuza, stand vor der Geburt eines Kindes. Der Geburtsakt nahm einen äußerst kritischen Verlauf, so daß die Universitätsprofessoren Tanaseski und Mirzesku an das Krankenlager der Frau gerufen werden mußten. Beide Professoren erkannten die äußerste Gefahr, in welcher sich die Patientin befand, und da es galt, keine Minute zu verlieren, schlugen sie Professor Cuza, der in höchster Verzweiflung die Berichte aus dem Krankenzimmer vernahm, vor, den berühmten jüdischen Gynäkologen Dr. Brenner in Jassy zu konsultieren. Cuza lehnte zunächst ab. Als aber die Krise ärger wurde, erklärten die Professoren, für das Leben der Mutter und des erwarteten Kindes nicht garantieren zu können, worauf Cuza endlich einwilligte, den jüdischen Spezialisten einzuladen. Die Behandlung des Dr. Brenner war von Erfolg gekrönt. Die Geburt des Kindes ging glücklich vorüber und Dr. Brenner blieb noch einige Stunden am Krankenlager der schwer erschöpften Frau. Cuza war begreiflicherweise außer sich vor Freude, dankte gerührt dem jüdischen Retter seiner Tochter und überreichte ihm ein geschlossenes Kuvert mit einem ansehnlichen Honorar. Dr. Brenner wies jedoch das Kuvert zurück und erklärte, daß er nicht infolge der Ein-

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