Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 26 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 häuptern über ihr Einschreiten von dem vorstehenden Kreisamte gestattet werden, einen häuslichen Gottesdienst unter Aufstellung der Thora (eine sogenannte Minianandacht) abzuhalten, wenn die gedachten Familienhäupter ihren in moralischer und politischer Beziehung untadelhaften Lebenswandel beweisen, durch Alter, Kränklichkeit oder sonstige Ursachen gehindert sind, dem öffentlichen Gottesdienste beizuwohnen, die Personen, die diesem Minjan beiwohnen wollen, namhaft machen und die Bürgschaft übernehmen, daß dabei keinerlei Ueberschreitung der bestehenden Gesetze stattfinde. Es ist denselben zu gestatten, zur Leitung dieser Andachtsübungen eigene Vertreter aufzunehmen, welche jedoch vertrauenswürdige Männer sein, über die Eignung zu dem Vorbeterdienste das Zeugnis eines ordentlichen Rabbiners beibringen müssen und der Bestätigung des Kreisamtes bedürfen. Für den Religionsunterricht der Jugend haben die Israeliten durch befugte Privatlehrer zu sorgen und es bleibt denselben unbenommen, zu diesem Ende an Orten, wo sie in größerer Zahl ' beisammen wohnen, israelitische Privatreligionsschulen ins Leben zu rufen..." Die Rechtsbasis, wenn auch in beschränktem Maße, war somit gegeben. Der Minjanverein bildete nunmer die legale Form für die Organisierung des jüdischen Kultus auf dem flachen Lande. Der freüher erwähnte inoffiziell bestandene Minjanverein in Strebersdorf erhielt zunächst einen Nachfolger in dem unweit gelegenen Jedlersdorf, worauf bald beide einem 185S in Floridsdorf gebildeten größeren Minjanvereine weichen mußten. Dieser erlangte 1862 die Anerkennung der politischen Behörden. Diese zwar sehr kleinen, fast embryonal zu bezeichnenden, aber überaus segensreichen religiösen Organisationen waren das Werk weniger opferfreudiger Männer, deren Namen zum Teil bereits verschollen sind. Einige seien hier — nach den Aufzeichnungen des seligen Dr. Jakob König sowie nach mündlichen Mitteilungen — wiedergegeben. Es sind dies die beiden Brüder Simon (Simche) Pragan und Jakob Pragan, Elias Wimmer, Max Neumann, Markus Duldner, Moritz Grünwald, S. L. Grünwald, Oscher König, Mathias Reich, Josef Reich, Samuel Brecher, Max Treibl, Mathias Hahn, Gerson Skamperl. Als Vorbeter wirkten lange Zeit verdienstvoll Philipp Reininger, Moritz Brakl und Mathias Ehrenfest. Wie die Korallen tief unten im Meere, kaum bemerkbar, gemeinsam an einem Bau schaffen, bis er schließlich über die Oberfläche herausragt, so war es in den erwähnten Minjanvereinen, aber auch um nichts weniger in den anderen auf dem flachen Lande Niederösterreichs. Einzlkräfte, oft übersehen, zumeist aber vergessen, wirkten zusammen und vereinigten sich, bis schließlich eine Körperschaft zum Vorschein kam, die dem Judentum zum Ruhme und zum Segen gereichte. (Fortsetzung folgt.) 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Etwa gegen die empörenden Ausschreitungen, deren Schauplatz in den letzten Wochen der Boden der Universität gewesen ist, oder gegen die skandalösen Vorgänge, welche diesen Ausschreitungen vorausgegangen sind und den mittelbaren Anlaß zu ihnen geboten haben? Protestierte der akademische Senat etwa gegen das Auftreten einer bestimmten Studentengruppe, deren Terrorismus den anders gesinnten Studenten gegenüber keine Grenzen mehr zu kennen scheint, protestierte er gegen den Mißbrauch der akademischen Freiheit, gegen das parteiische Vorgehen der Universitätsbehörden, gegen die hakenkreuzlerischen Gewaltakte? Nichts von alledem. Die Herren Senatoren protestieren gegen die Kundgebung des Bürgermeisters von Wien, der es nicht länger mehr dulden zu können glaubte, daß innerhalb seines Wirkungsbereiches Gesetz und Recht mit Füßen getreten wird und straflos Gewalttätigkeiten vollbracht werden, welche das Gesetz mit schweren Strafen bedroht. Er hat sich endlich dazu entschlossen, der Polizei die Weisung zu geben, im Falle als Leben und Gesundheit in Gefahr sind, auch auf dem Boden der Universität den Bedrohten jenen Schutz angedeihen zu lassen, auf welchen sie gesetzlich Anspruch erheben können. Hierdurch hat Bürgermeister S e i t z nicht die Universitätsautonomie gefährdet, sondern ganz im Gegenteil, erst gewährleistet. Allerdings nicht jene Art von Autonomie, wie sich diese der Rektor und die von ihm geschützten deutschvölkischen Studenten vorstellen, eine Autonomie der Fäuste und Stöcke, sondern die Autonomie des Geistes, der freien Wissenschaft und freien Lehre, eine Autonomie, die es jedem Studierenden, welcher Rasse oder Gesinnung er auch sein möge, ermöglicht, ungehindert seinen Studien nachzugehen. Dies aber scheinen die Herren Professoren als „die Gefahr" anzusehen, die der Hochschule droht, während sie für die wahre Gefahr, von der die Universität bedroht erscheint, nicht das geringste Verständnis aufzubringen scheinen: diese aber besteht darin, daß die Wiener Universität immer mehr der Gewaltherrschaft der Hakenkreuzler zum Opfer fällt und auf diese Weise den letzten Rest von Ansehen, den sie sich aus ihrer ruhmvollen Vergangenheit bewahrt hat. verliert. Wäre diese Gefahr rechtzeitig erkannt, wäre sie überhaupt erkannt worden, dann hätte es niemals zu den empörenden und beklagenswerten Ausbreitungen kommen können, dann wäre es auch nicht zu jener Kundgebung des Bürgermeisters gekommen, gegen welche nunmehr feierlich Protest eingelegt wird. Niemals hätte es gestattet werden dürfen, daß in Aushängekasten und Anschlägen in den Räumen der Universität eine ebenso erbitterte, wie gemeine Hetz© gegen jüdische Studenten und Professoren von einer Vereinigung entfacht wird, welche sich den falschen Titel „Deutsche Studentenschaft" arrogiert hat; niemals hätte eben dieser studentischen Vereinigung rechtsradikalen Charakters, welche sich einen offiziellen Charakter zu geben versucht, das Recht eingeräumt werden dürfen, sogenannte „Ämter" auf akademischem Boden einzurichten und sogar eine Schießstätte daselbst zu errichten; niemals hätte dem Führer dieser „Deutschen Studentenschaft". dem Diplomkaufmann Robert Körber, einem der wildesten Antisemiten und lautesten völkischen Schreier, das Recht eingeräumt werden dürfen, auf akademischem Boden Vorträge zu halten zu dem einzigen Zweck, jüdische Professoren und Studenten zu beschimpfen und zu beleidigen. Dieser fortgesetzten, von den Universitätsbehörden nicht nur geduldeten, sondern, wie es scheint, sogar unterstützten Hetz?^ sind dann jene Vorgänge entsprungen, welche den Anlaß zum Einschreiten des Bürgermeister gegeben haben. Um den Schein der „Unparteilichkeit" zu wahren, hat der Rektor dem sozialistischen Studentenführer Tschadek die Erlaubnis erteilt, ebenfalls einen Vortrag an der Universität zu halten. Es wäre daher seine Pflicht gewesen, für den ungestörten Verlauf des Vortrages Sorge zu tragen. Statt dessen wurde den hakenkreuzlerischen Studenten Gelegenheit gegeben, unter den Augen derjenigen Universitätsorgane, welche für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen hatten, einen Ueberfall auf die sozialistischen Studenten vorzubereiten und tatsächlich durchzuführen. Der Ueberfall scheint nun auch restlos gelungen zu sein, da noch im letzten Moment Ver-