Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 26 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064324--15499-3088287- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Ii Seite 9 innerlichen, zeigt der Ernst, mit dem er sich um die unerläßliche Voraussetzung solcher Verinnerlichung der Toleranzidee bemüht: zum Verständnis fremder Glaubensformen vorzudringen. In dieser Hinsicht ist folgende Meldung aus D e s s a u interessant: Am 17. Mai statteten unter Leitung des neuen Vikars der hiesigen katholischen Gemeinde die katholischen Schü- 1 e r der höheren Knabenlehranstalten sowie die Mitglieder des katholischen Gesellenvereines einen Besuch in der hiesigen Synagoge ab. Rabbiner Dr. Walter übernahm die Führung, wobei er Erklärungen über die jüdischen Religionseinrichtungen und Glaubenslehren gab. Der Besuch währte VA Stunden. In Wien fand vor kurzem ein Weltkongreß der katholischen Gesellenvereine statt. Dabei konnten die österreichischen Gastgeber mit Beschämung entdecken, wie weit ihnen die Kollegen aus Dessau in wahrer christlicher Gesittung voraus sind. Wohl leben auch die Wiener Katholiken in der Einbildung, über das Judentum hinlänglich informiert zu sein; haben doch gewisse Führer ihr Interesse gerade für dieses Thema stets wach erhalten, aber nicht, um den Geist der D u 1 d u n g zu erzielen, sondern in der polar entgegengesetzten Absicht. Darum hat man die Aufklärung des katholischen Volkes von Wien über das Judentum nicht den Rabbinern, überlassen, sondern demagogischen Hetzaposteln. Und man hat es nicht in die Synagogen geführt, sondern ihm die „Protokolle der Weisen von Zion" zu lesen gegeben. Hoffentlich erkennen die Wiener katholischen Gesellen, wenn sie in Weltanschauungsdiskussionen mit ihren reichsdeutschen Gesinnungs- und Berufsgenossen die blamable Unzulänglichkeit ihres geistigen Rüstzeuges gewahr werden, wie hohe Zeit es für sie ist, umzulernen. Dann wird sich endlich auch die christlichsoziale Partei Oesterreichs genötigt sehen, in die Fußstapfen des reichsdeutschen Zentrums zu treten. Sie wird sich dazu um so eher bequemen müssen, als sie sonst gegenüber den katholischen Parteien allerLänder ins Hintertreffen zu gelangen Gefahr läuft, sogar gegenüber den äußerst reaktionären in Polen, wo die Klerikalen plötzlich die „christlichen" Belange über die früher eifrig mitverfochtenen des nationalen Chauvinismus stellen, was ein noch leises, aber deutliches Einlenken in jene Bahnen andeutet, die den französischen Katholiken so energisch vorgeschrieben werden. Es zeigt sich in all dem das Walten eines einheitlichen Willens: der bewußten Tendenz, der kriegswunden, haßzerfleischten Welt endlich den Frieden zu bringen. Zunächst den geistigen als unerläßliche Voraussetzung für den militärischen. Niemand kann diese Entwicklung freudiger begrüßen, als wir Juden. Nicht bloß deshalb, weil wir — abhold jedem Kampfe, zu dem ja unserer Religion die Tendenz und unserer bürgerlichen Gemeinschaft die Macht fehlt — der Toleranz bedürfen, um in der Gegenwart den uns gebührenden Platz an der Sonne zu genießen, sondern vornehmlich in der Erkenntnis, daß diese Evolution die Erlösung der ganzen Menschheit anbahnt, in dem Sinne, in dem das jüdische Prophetentum sie allen Völkern der Erde verkündet hat. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Glossen. Se. Magnifizenz der Herr Rektor Molisch denkt jetzt vielleicht, daß ihm die Vorgänge beim Eintreffen Chamberlins und Levines auf dem Flugfeld in Aspern eine große Genugtuung verschaffen werden. In der Tat haben die Zeitungen fast ausnahmslos der Meinung Ausdruck gegeben, daß sich der Empfang der zwei heldenhaften Männer in der schönsten und friedlichsten Weise abgespielt hätte, wenn die Polizei nicht so aufgeregt um die Aufrechterhaltung der Unruhe und Unordnung bekümmert gewesen wäre. Am Flugfeld war die Situation derartig, daß auf jeden einzelnen, der in Regen und Sturm mit freudiger Spannung und aufgespannten Schirmen harrenden Enthusiasten vier Polizisten kamen! Es verlangt niemand, daß jeder schlagfertige Hakenkreuzler gleich beim Betreten der Universitätsräume unter die schützende Aufsicht von vier Sicherheitsmänner gestellt werde. Aber daß ein Raufbold, der mit eisenbeschlagener Latte auf Studierende, zwar mit Unterschied der Konfession, aber nicht mit Unterschied des Geschlechtes loshaut, vor jedem Zugriff eines Polizisten geschützt bleiben soll, weil er mit weiser Vorsicht sich diese burschikosen Scherze nicht in einem niedrigen „Beisel," sondern aui dem geheiligten Boden der Hochschule gestattet,, das ist schwer einzusehen. * * * Sollte der kleine Unterschied, der zweifellos immerhin zwischen akademischer Freiheit und nichtakademischer Frechheit besteht, so schwer zu erkennen sein? Der Gemeinderat Dr. Friedjung, der der Universität vielleicht doch etwas näher steht als der Abgeordnete Kunschak, meinte, es sei ihm unverständlich, Schlagen mit Knüppeln und mit eisenbeschlagenen Latten „akademische Freiheit" zu nennen. Die Hakenkreuzler, die jetzt den sozialistischen und den jüdischen Studenten die Begriffe über „völkische" Ethik einbläuen möchten, haben ungestraft ihre Vorbilder in den „Völkischen", die vor vielen Jahren an der Grazer Universität mit Knütteln katholische Studenten unter anderem über die ideale Verpflichtung zum Duellieren belehren wollten. Auch damals fanden sich — traurig genug — in allen Parteilagern Leute, die den rohen Raufbolden zu Hilfe kamen, weil sie, dem Popanz der akademischen Freiheit huldigend, übersahen, daß sich diese nur auf den Kampf mit geistigen Waffen beziehen könne. Herr Rektor Moli seil hat Vorgänger, die, wenn die Exzesse allzu arg wurden, schließlich damit drohten, die Universität zu sperren, wodurch im Grunde genommen weniger die nichtStudierenden Skandalmacher als die ernstlich Studierenden bestraft wurden. Die Logik müßte dahin führen, daß niemals davon die Rede sein dürfte, die Universität zu sperren, sondern vielmehr davon, daß freche Gewalttäter — eingesperrt werden. * * Ja wenn man sich von der Logik führen ließe! Ich glaube, wenn der Herr Rektor Molisch geneigt gewesen wäre, sich von der Logik — über die er allerdings nicht liest — beeinflussen zu lassen, so wäre es nicht zu den letzten infamen Ausschreitungen an der Wiener Universität gekommen, die den Landeshauptmann Seitz endlich zu dem Eingreifen zwangen, das hoffentlich in Zukunft die Schändung der wahren akademischen Freiheit an dieser Hochschule verhindern wird. Hier ein Pröbchen, wie TAC. MAYER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wie« II., GlOCkeiigaSSe 24 Tel. 48-4-79 Für Kullusbeamfe und Vereinsfunkllonare gegen Legitimation 10% NachlaB von den Im Skitaufenster meiner Niederlage II.» Taborstraße 44 ersichtlichen Verkaufspreisen *-