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Die Wahrheit · 1927-06-17 · Heft 26 (17.6.1927) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 26 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 ÜMi liiiniM^ DIE WAHRHEIT Schüler hat, wie wir zu sagen pflegen, dem Unterrichtsgegenstand Interesse entgegenzubringen. In solchem Falle bringt er dem Neuen Apperzeptionshilfen entgegen, welche gleichsam neue Vorstellungen, Begriffe, Tatsachen und Verhältnisse in sich hineinziehen- Es ist also die erste Aufgabe des Lehrers, den Lehrstoff nach den ihm bekannten geistigen Besitz des Schülers vorzubringen. Er analysiert vor allem diesen Besitz des Schülers in Rücksicht auf das, wes er mitteilen will. Es soll auch geistiger Besitz werden. Daß es das werde, dazu dient vor allem der neue Stoff selbst, besonders dann, wenn er wertvoll ist. Wertvoll kann er durch seinen Inhalt und durch seine Form sein. Durch den Inhalt, wenn er Ideen ethischer Art enthält, durch die Form, wenn er schön ist, das heißt durch Kunst die Sinne fesselt, wie es bei Gedichten der Fall ist. Die Art der weiteren Unterrichtsbearbeitung gehört zur Lehrmethode, die ein andermal behandelt werden soll. Für das Heldenzeitalter unseres Volkes haben wir solche wertvolle Darbietungen im Siegeslied Moses und der Mirjam, 2. Buch Mosis, Kapitel 15 und im Liede Deborahs im Buche der Richter, Kapitel 5, welches als das älteste Schriftdenkmal Israels gilt. Es erschallt im Siegesgesang von Mosis und Mirjam das Lob des einzigen Gottes, der eine herrliche Tat getan und Roß und Reiter gestürzt ins Meer. Die Allmacht und Allgewalt Gottes wird gefeiert und die Niederlage der Aegypter verherrlicht, aber auch schon die Feinde in Kanaan erwähnt, welche erschrecken. Und Deborahs Lied enthält neben den tatsächlichen Verhältnissen auch Lob und hohen Preis des Helfers. In beiden hoch poetischen Darbietungen hören wir von den Heldentaten des kleinen Volkes und Volksteiles, von den Siegen über gefürchtete und mächtige Gegner- Aus ihnen können wir die Geschichte der Israeliten in Aegypten und ihrer Landnahme von Kanaan und des Kampfes um das Land rekonstruieren. An diese wertvollen Erzeugnisse unserer Geschichte knüpfen wir an, wenn wir die Geschichte der Heldenzeit Israels erzählen sollen, um unsere Jugend für die Ideale Israels zu begeistern. Wir bieten diese Geschichte Knaben und Mädchen von 9 bis 10 Jahren, in welchem Alter sie selbst Sinn für Heldentaten haben, wo also die Voraussetzung für das Verständnis gegeben ist. Das Siegeslied Mosis wird vorerst den Kindern deutsch gegeben, um das Verständnis für die folgenden Erzählungen anzubahnen und für das Lesen und Uebersetzen vorzubereiten. Das hebräische Lesen geht mit der Geschichtserzählung parallel. Auch über dieses hebräische Lesen und Erarbeiten muß besonders gesprochen werden. Die Geschichte der ägyptischen Niederlage am Roten ' Meer leitet zur Geschichte Mosis vom Beginne seines Lebens bis zur Befreiung über und führt zur Erzählung von der Ansiedlung der Israeliten in Aegypten bis zur Fronarbeit. Josefs Leben schließt sich an die Berufung Jakobs durch ihn an. Nach der Erzählung von der Befreiung am Roten Meere verfolgen wir den Zug entsprechend der biblischen Erzählung bis Jethros Besuch (Exodus 18) und übergehen die Offenbarung, die Rechtsvorschriften und Sittenlehren, ebenso die Schließung des Bundes durch Gott (Exodus 24), desgleichen die Priestereinsetzung, die Errichtung des Zeltes, das goldene Kalb, die Opfer und Feste, Segen und Fluch, kurz alles, was uns Leviticus, das Priesterbuch, sagt. Diese kultischen und religiösen Einsetzungen müssen in anderem Zusammenhange behandelt werden, wenn die geschichtliche Entwicklung des Volkes vorüber ist und es aus sich seine Kulturmission, die Anbetung des einig-einzigen Gottes, und die aus ihm entspringenden ethischen Ideen geschaffen hat. Das geschah durch jene großen Männer, die wir Propheten nennen und sie, wie die Psalmen, geben den Hintergrund für die mosaische Gesetzgebung, während das Heiligtum, die Feste und Opfer ihren Anknüpfungspunkt bei Salomo haben. Das Heldenzeitalter aber verfolgen wir durch das Buch Numeri (Bamidbor), das die Wüstenwanderung und die Landnahme erzählt, wo wir aber auch nur die Erlebnisse und Taten des Volkes und seiner Führer nehmen. Dasselbe ist der Fall mit dem Buche Josua und der Richter. Die Einsetzung Josuas bedingt auch die Nachricht vom Tode Moses. Sein Abschiedsgesang aber ist eine Huldigung Gottes und Abweisung der falschen Götter. Ihr kommt die Stelle bei den Propheten zu. Bei den Richtern wird nur das Tatsächliche erzählt. Die Erzählungen von Gideon, Abimelech, Jephta und Simson illustrieren die Kämpfe mit Israels Erbfeinden und diese selbst. Kulturhistorisch ist Israel in Aegypten ein Bauernvolk geworden. Es lernte das Pferd kennen, den Städte- und Festungsbau und wurde nach und nach ein Eroberervolk, das zum Königtum drängte. Dieses staatliche Emporsteigen ist das Resultat von Israels Heldenzeit. Für die Bearbeitung des hebräischen Urwortes empfehle ich den Segen Jakobs über Josef und dessen Söhne (Genesis 48) und den Segen über seine eigenen Söhne (Genesis 49), doch beide erst nach Beendigung der Erzählung von der Landnahme. Die Geschichte Mosis wird durch die Erzählung von seiner Sendung (Exodus 3 und 4) eingeleitet, das heißt sie begleitet diese Gedichte.. Zur Besitzergreifung Kanaans gehört die Geschichte von B.alak und Bileam (Numeri 22. 23. 24); aus den Richtern ist die Parabel vom Dornbusch (Cap. 9) und Jephtha's Zug gegen Ammons, sein Gelübde (Cap. 11) heranzuziehen. Durch das Schmelzfeuer von Gefahren, Kämpfen und Heldentaten entstand auch den Kindern Israels das Kleinod des Nationalgefühls, dessen Inhalt der Glaube an einen Gott war und ist und das sich in den Zeiten der Könige entwickelte und festsetzte und jenes Kulturgut wurde, das die Juden wie das Volk später hieß, der ganzen Welt gegeben hat und das größer und reicher ist als die Kulturgaben aller anderen Völker. Und Oesterreich? Eines der sensationellsten Ereignisse dieses Jahres ist sicher der Kampf des Vatikans gegen die A c t i o n f r a nc a i s e. Die katholische Kirche hat aus ihrem streitbaren Charakter niemals ein Geheimnis gemacht. Während aber bisher nur ihre Gegner ein Lied davon zu singen wußten, richtet sich in diesem Falle die Schärfe ihres Schwertes gegen eine Partei, die in Frankreich geradezu als der politische Wegbahner des katholischen Klerikalismus galt. Daneben verfocht sie allerdings auch national-chauvinistische und antirepublikanische Ziele. Daß dabei auch antisemitische Schlagworte nicht verschmäht wurden, versteht sich beinahe von selbst. Und nun ist über diese Partei nichts Geringeres als der Kirchenbann verhängt worden, eine Maßregelung, die sonst nur gegen erklärte Feinde oder entlarvte Widersacher der katholischen Kirche gerichtet wurde, ist diesmal dazu bestimmt, den fanatischen Eifer klerikaler Chauvinisten zu lähmen. Selbstverständlich denkt der Vatikan nicht daran, irgend jemandem Hindernisse in den Weg zu legen, vondem er sich eine wirksame Vertretung seiner Interessen versprechen darf. Gerade deshalb ist seine Abkehr von den Methoden des nationalen Chauvinismus und der Glaubensverhetzung symptomatisch. Denn die Führung der katholischen Kirche war zu allen Zeiten durch eine besonders feine Witterung für das jeweils Opportune ausgezeichnet. Darum ist es ein Symptom von weittragender Bedeutung, daß just von solcher Seite mit der geistigen Abrüstung Ernst gemacht wird, während der Völkerbund sich dieser Aufgabe — seiner vornehmsten! — leider noch nicht gewachsen gezeigt hat. Die katholische Kirche hat mit der Zuwendung, zu Toleranz und politischem Fortschritt schon gute Erfahrungen gemacht. Vielleicht noch nicht in Frankreich, wo sie jetzt ihre Getreuen zu hartem Umlernen zwingt, wohl aber in Deutschland, wo sie ihre Umgruppierung schon vor längerer Zeit schmerzlos vollzogen hat. Die antisemitische Zeitschrift „F r i d e r i c u s" hat sich vor einigen Monaten den Scherz geleistet, durch judenfeindliche Zitate aus der Zentrumspresse der Vorkriegszeit die Schwenkung zu veranschaulichen, die das Zentrum in der Nachkriegszeit ausgeführt hat. Diese vermeintliche Satire hat indessen, wenn überhaupt eine, so höchstens d i e Wirkung gehabt, daß die Zentrumspolitiker zu nutzbringenden Vergleichen, zwischen ihren Positionen von einst und jetzt angeregt wurden. An solcher Anregung fehlt es auch sonst nicht. Das Zentrum ist im Reich mit den Rechtsparteien, in Preußen mit den Linksparteien verbunden. Auch diese verschiedenen Konstellationen fordern zu Vergleichen heraus, die ganz gewiß nicht bloß machtpolitischen, sondern auch geistigen, sittlichen Belangen dienen. Es ist deshalb besonders erfreulich, daß alle für den Außenstehenden deutlich werdenden Symptome, so auch auf dem dieser Tage abgehaltenen preußischen Parteitag, ganz unverkennbar verraten, die größere Sympathie des Zentrums gehöre den Vertretern der Demokratie und der religiösen Toleranz. Diese Neigung bleibt durchaus nicht auf äußerliche Parteitaktik beschränkt. Wie sehr vielmehr der reichsdeutsche Katholizismus beflissen ist, den Geist der Duldung zu v e r-

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