Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-06-17 · Heft 26 (17.6.1927) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 26 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064324--15496-3088284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 6 DIE WAHRHEIT „Vorwärts" das verbreitetste und einflußreichste Tageblatt. Man darf im Durchschnitt auf je ein Exemplar mindestens 5 Leser rechnen, dann zählt der „Vorwärts" wohl rund eine Million Leser. Von den vier Millionen Juden in den Vereinigten Staaten ist demnach wohl jeder vierte ein Leser des „Vorwärts". Da man aber bestimmt annehmen darf, daß dort kaum jeder 25. Jude sich zum Sozialismus bekennt, so geht daraus hervor, daß dieses Tagblatt die erdrückende Mehrheit seiner Leser in den Kreisen seiner ideellen Gegner hat. Denn der „Vorwärts vertritt immer sehr ausgesprochen die Interessen der Arbeiterschaft. Diese seltsame Erscheinung erklärt sich nicht nur durch die Eigenart des amerikanischen Sozialismus, sondern auch durch die eigenartige Begabung des Herausgebers Abraham Kahan. Er versteht die sehr seltene und schwierige Kunst, seine Klassen- und Parteiinteressen so geschickt zu vertreten, daß die Gegner sich gern von ihm belehren und überzeugen lassen. Auf diese Weise wirkt sein Blatt sehr häufig als Friedensstifter zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bei Lohnkonflikten u. dgl. Es wirken sodann mit seine große publizistische und organisatorische Tätigkeit, die sein Blatt das bestunterrichete und bestinformierte unter den Konkurrenten sein läßt. Er weiß sich die besten Mitarbeiter auf allen Gebieten zu sichern und gewährt ihnen völlige Redefreiheit, so daß sie weder von rechts noch von links gefesselt werden und sich frei entwickeln können. Die bestgeschriebenen Artikel über alle Gebiete der Wissenschaft und des Lebens findet man im „Vorwärts" und seiner Monatsbeilage, die „Zukunft". Viele große wissenschaftliche, publizistische und Erzählertalente konnten sich nur im „Vorwärts" unter dem wohlwollenden Schutz von Abraham Kahan entwickeln. Der „Vorwärts" war es, der die große Masse der aus Osteuropa nach Amerika eingewanderten Juden davor bewahrte, der anarchistischen und in den letzten Jahren der bolschewistischen Propaganda zu verfallen, indem er unter ihnen gesundeldeenund nüchterne Kritik verbreitete. Das große Ansehen, dessen sich Kahan in der sozialistischen Welt, namentlich in der deutschen Sozialdemokratie erfreut, hat sehr viel dazu beigetragen, dem Antisemitismus den Eingang in die Sozialdemokratie zu versperren. Während des Weltkrieges hat Abraham Kahan eine großartige Hilfstätigkeit für die Juden im Kriegsgebiete entfaltet. Ihm ist hauptsächlich das Zustandekommen des berühmten Joint DistributionComitteezu verdanken. Namentlich die Juden in Galizien haben sich ihm so sehr zu Dank verpflichtet gefühlt, daß man in der großen Lemberger Synagoge für ihn und seine Zeitung einen Mischbeirach gemacht hat .... Im Jahre 1924 besuchte Abraham Kahan Palästina, wo er die Arbeit der jüdischen Kolonisten kennen lernte. Seitdem ist er ein eifriger Förderer der Aufbau-Arbeit, obwohl er dem politischen und nationalistischen Zionismus nach wie vor ablehnend gegenüber steht. Neben seiner ausgearbeiteten publizistischen und organisatorischen Tätigkeit gab Kahan eine große populäre Geschichte der Vereinigten Staaten und eine Reihe sehr bedeutender Romane heraus, die auch englisch und russisch erschienen. Lektor. Zur Psychologie der Ritualmord-Legende. Von Binjamin Segel. (Schluß.) In meiner Studie über den letzten Hostienschändungsprozeß in Deutschland („Die Märtyrer von Berlin, „Ost und West", 1915. Heft 6, 7, 8), habe ich für eine Reihe von Fällen nachgewiesen daß die Prozesse lediglich aus wirtschaftlichen und politischen Motiven eingefädelt waren. Wenn ich nun das ungeheure Material mustere, welches ich über die Ritualmordprozesse aus verschiedenen Zeiten und Ländern gesammelt habe, so komme ich zu der Ueberzeugung, daß hier der Prozeß zumeist wirtschaftlich und politisch ausgemünzt wurde, aber den Anstoß dazu gab fast immer ein kriminelles Motiv. Die erste Regel der Kriminal-Psychologie ist: jedes Verbrechen muß ein zureichendes Motiv haben. Auch das Verbrechen, einen Mord zum Ritualmord zu stempeln, und ihn auf die Juden abzuschieben! Ein Lust-, Affekt- oder Raubmörder braucht nur dem Opfer etwas von einer Blutwunde beizubringen, und „Ritualmord" zu schreien, so kann er bei günstiger „psychologischer Atmosphäre", sicher sein, lebhaften Widerhall in der Bevölkerung zu finden, und er wird Zeit gewinnen, die Spuren gründlich zu beseitigen. Ist erst die erwünschte Volksstimraung vorhanden, so werden sich unzählige Belastungszeugen melden, die „mit eigenen Augen" gesehen haben, daß der Jude es gewesen ist. In Könitz war es ein Mord aus Eifersucht, in Po 1 n a wurde (wie M a s a r y k überzeugt war), eine unbequeme Erbin von habgierigen Verwandten beseitigt. In beiden Fällen gelang es den Tätern, mittels des Ritualmordglaubens die Untersuchung auf falsche Spuren zu lenken, und selber unentdeckt zu bleiben. Das ältere Strafrecht kannte den Begriff Lustmord nicht. Prüft man die damaligen Ritualmordprozesse im Lichte unserer heutigen Erkenntnis, so drängt sich die Ueberzeugung auf, daß es sich in den meisten Fällen um Lustmorde oder Beseitigung unerwünschter Leibesfrucht handelte. Immer gelang es den Tätern, im Schatten des Ritualmordprozesses zu entschlüpfen. Die Herren Mörder aller Kategorien haben also ein dringendes Interesse an der Aufrechterhaltung des Ritualmord-Aberglaubens, aber ein ebenso dringendes Interesse hat die Rechtspflege daran, daß dieser Durchschlupf für den Verbrecher ein für alle Mal gestopft werde, daß also der gelehrte Richter sowohl wie der durchschnittliche Laie zu der Ueberzeugung komme, daß ein Ritualmord ebenso unmöglich ist, wie das Abzapfen von Blut aus geweihten Hostien. Wohlgemerkt: keiner will behaupten, daß ein Jude nicht auch einmal einen Mord begehen kann. Wenn das Geschrei Ritualmord ertönt, so muß der Untersuchungsrichter zunächst dem Schreien seine Aufmerksamkeit zuwenden, bevor es zu spät wird. Unsere Abwehrarbeit muß auch hier, wie gegen alle anderen Anklagen, auf doppeltem Gleise sich bewegen: wir müssen uns besonders an die Klasse der Gebildeten und Gelehrten, und besonders an die breiten Massen wenden. Erstens müssen wir mit gründlichen, gelehrten Werken kommen, die den ganzen wissenschaftlichen Apparat in streng kritischen Darlegungen bieten, und den Lesern ermöglichen, sich ein wohlbegründetes Urteil zu bilden. Gleichzeitig müssen dieselben Ergebnisse in gemeinfaßlicher, leicht verständlicher Form und populärem Stil für die breiteren Volksmassen vorgetragen werden. Der Verfasser muß die Fähigkeit haben, sich in die Volksseele hineinzuversetzen und zum Volke in seiner Tonart zu sprechen. Das Volk liebt es, daß der Schreiber sich des Sprichwortes und der humoristischen Anekdote bediene. Eine illustrative, an passender Stelle angebrachte Anekdote überzeugt oft sogar den Gelehrten gründlicher, als ein Dutzend logischer Argumente. Und man siegt nicht eher, als bis man die Lacher auf seiner Seite hat. Gesorgt muß aber dafür werden, daß diese populären Schriften in vielen Zehntausenden von Exemplaren unter das Volk kommen. Deutschsprechende gibt es in Europa allein, knapp gerechnet, an die achtzig Millionen, und es sind fast keine Analphabeten darunter. Wenn daher ein so alteingewurzelter Aberglaube in dieser Masse angefochten werden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.