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Die Wahrheit · 1927-06-17 · Heft 26 (17.6.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 26 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Der König der jüdischen Zeitungsmänner. In unserer königlosen Zeit hat gerade das Völkchen der jüdischen Redakteure und Journalisten einen. König bekommen, noch dazu einen, der in der größten aller Republiken der Welt lebt, in den Vereinigten Staaten. Es ist dies ein König, der auch unter einem mächtigeren zahlreicheren Zeitungsmänner-Volke, als das jüdische, König sein könnte. Denn das Reich, in dem er herrscht, nämlich die Zeitung, die er herausgibt, hat eine Auflage, von der auch sehr große Blätter in Europa (England etwa ausgenommen) kaum träumen können. Nämlich eine Auflage von zweihunderttausend Exemplaren. Solche Mammutauflagen sind nur in der anglosächsischen Weit, namentlich in Amerika, möglich. Allein, die Zeitungsmänner, von deren jüdischem König hier die Rede ist, sind nicht etwa die bei den Antisemiten so vielberufenen Zeitungsjuden, welche die sogenannten „Judenzeitungen" herausgeben, für die nur das jüdisch ist, welchem sie in weitem Bogen auszuweichen pflegen. Es ist die Rede von dem Redakteur einer ausschließlich für Juden redigierten Zeitung, noch dazu eines Tagblattes in j i d d i s c h e r Sprache, jener Misch-Sorache, bestehend aus einem mittelhochdeutschen Dialekt, vermengt mit hebräischen und slawischen Elementen, den man noch vor wenigen Jahren verächtlich als „Jargon" zu bezeichnen pflegte und den man in Deutschland das „Mauscheln" nannte. Heutzutage haben hervorragende Germanisten, freilich etwas zu spät, eingesehen, daß man besser daran getan hätte, den Jargon zu e r f o r s c h e n, als ihn mit einer geringschätzigen Handbewegung abzutun, denn er birgt kostbare Schätze mittel- und hochdeutschen Sprachgutes, die man im Interesse der germanischen Sprach- und Volkskunde heben müßte, worauf kein Geringerer als der berühmte Philosoph Lötz schon vor Norbert widmen als Dank für seine Güte gegen die Meinigen. Du, mein Geliebter, ich bitte Dich, mich nicht zu vergessen, sondern, wenn Du eine Dich liebende Gattin findest, wenn Kinder Dich erfreuen, dann denke meiner, ich werde glücklich sein, dies von Dir zu hören. Denn rein wie unsere Liebe war, soll sie auch bleiben. Lebe wohl für immer, ich reise noch heute mit Norbert ab. Möge meine Liebe Dir Segen bringen für und für!" Noch stiller ward nun Dora geworden und eine Weichheit trat zutage, welche sie früher nicht besessen hatte. Die alte Mutter, der plötzlich kränkelnde Gatte bedurften ihrer, das große Unternehmen verlangte nach einem Oberhaupt, welches sie nach und nach an Norberts Stelle, von seinem Rate unterstützt, wurde; ihr Leben war also ein bewegtes geworden. Und es war gut so; denn, wenn die Tage auch ausgefüllt waren, in den Nächten, wo alles um sie her schlief, kam die Sehnsucht so übermächtig und riesengroß über sie, daß sie verzweifelt nach dem weinte, den sie verlassen mußte. Jedoch mit jedem Morgen kam die tägliche Pflicht und diese fand einen zielbewußten, ganzen Menschen. Endlich lernte sie auch verzichten, aber aus der blühenden jungen Frau war frühzeitig eine weißhaarige, milde, * abgeklärte, alte Dame geworden. Die Mutter starb, Norbert erblindete und wurde krank und verdrießlich, aber mit rührender Geduld pflegte sie ihn, bis er endlich hochbetagt starb. Mit seinem Tode war auch das letzte Stückchen seelischer Spannkraft und körperlicher Gesundheit in ihr erloschen. Sie fühlte dies, bestellte ihr Haus, bedachte ihre zahlreichen Schützlinge jeder Art reichlich, und eines Tages fand man sie tot im Bette; ein Herzschlag hatte sie dahingerafft. In den Händen hielt sie die Photographie einer Familie, eines Ehepaares mit zwei Kindern, die allen ihren Angehörigen unbekannt war und blieb. 50 Jahren aufmerksam machte. Der „Jargon" kümmerte sich wenig um seine Verächter hüben und drüben und brachte eine Reihe höchst wertvoller Dichtungen in Versen und in Prosa hervor, die sogar der Uebersetzung in die höchstkultivierten europäischen Sprachen gewürdigt wurden und in diesem neuen Leserkreise starkes Aufsehen erregten. Große Augen würde so mancher europäische Leser machen, wenn er in New York, Broadway den zehnstöckigen Wolkenkratzer erblicken würde, in dem die größte Zeitung, die in diesem Jargon erscheint, ihre Residenz hat. Die Zeitung heißt „V o r w ä r t s" und ihr Herausgeber, eben jener jüdische Zeitungskönig, heißt Abraham Kahan. Die Zeitung konnte vor kurzem das 30 j ä h r i g e Jubiläum ihres Bestehens feiern. Seit der Gründung der Zeitung gehört Kahan ihrer Redaktion an, seit 1903 ist er ihr Leiter und er ist es, der sie zu dieser Höhe emporgebracht hat. Abraham Kahan hat eine reich bewegte Vergangenheit hinter sich. Geboren 1860 in einem kleinen Städtchen bei Wilna als Sohn eines armen jüdischen Kinderlehrers, mußte er schon als junger Knabe sich durch eigene Arbeit fortbringen. Unter ungeheuren Anstrengungen und Entbehrungen benutzte er die karge freie Zeit, um sich Bildung und Wissen zu erwerben. Mit 17 Jahren konnte er seine Aufnahmsprüfung in das Wilnaer jüdische L.ehrerinstitut bestehen und nach Beendigung seiner Studien wirkte er einige Jahre als Volksschullehrer. Da er in einen politischen Prozeß verwickelt wurde, war er 1882 gezwungen, nach Amerika auszuwandern, wo er eine Zeitlang in den sogenannten „SchwitzWerkstätten" arbeitete und das Leben der jüdischen Arbeiter gründlich kennenlernte. Mit einer gewissen Naturnotwendigkeit mußte es kommen, daß Abraham Kahan in der jüdischen Arbeiterbewegung, die sich immer mehr in den Vereinigten Staaten ausbreitete, eine hervorragende Rolle spielte. Er entdeckte sein großes organisatorisches Talent in der Gründung der jüdischen Trade Unions im Jahre 1885. Etwas früher noch trat sein hervorragendes literarischpolitisches Talent hervor in einer erschöpfenden Abhandlung, in russischer Sprache über die Politik der Vereinigten Staaten, die in der angesehensten fortschrittlichen Monatsschrift „Wjestnik Jewropy" erschien. Gleichzeitig brachten mehrere englische Zeitschriften aus seiner Feder Skizzen und Bilder aus dem Leben der jüdischen Einwanderer. Um diese Zeit fing die jüdische sozialistische Presse in Amerika an, sich zu kristallisieren. Im „Abendblatt" und der „Arbeiterzeitung" schrieb Kahan eine große Anzahl populärer Artikel über verschiedene wirtschaftliche und politische Fragen. Dann verschlang die kolossale Entwicklung des „Vorwärts" seine ganze Arbeitskraft. Die Juden in den Vereinigten Staaten besitzen 10 Tagesblätter in jüdischer Sprache. Die überwiegende Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung gehört dem mittleren und unteren Bürgerstande an, und nur ein verhälntismäßig geringer Bruchteil, und zwar der am wenigsten begüterte, gehört dem Arbeiterstande an. Und dennoch ist das Organ der Arbeiterklasse, der

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