Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 26 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Deutschland. Frankreich sucht geradezu den Zuzug aus dem Süden und Osten, und die ostjüdischen Elemente sind zunächst nichts anderes als ein Bruchteil der halben Million Polen, die nach Ende des Krieges nach Frankreich gewandert sind. Beider gerät der brachliegende französische Boden im Süden, der an sich nach Arbeitskräften ruft, mehr in die Hände der Italiener und Spanier, die sich hier um das fruchtbare Land reißen. Die jüdischen Zuwanderer sind mit ihren polnischen christlichen Mitbürgern zum wesentlichen von den Großstädten aufgesogen worden, wo sie zunächst in der Industrie, die für den Wiederaufbau jeden Arm willkommen hieß, Aufnahme gefunden haben. Nachdem mit dem Stabilwerden des Francs der erste Konjunkturrückgang in der französischen Industrie eintrat, macht sich eine gewisse Rückwanderung bemerkbar, aber es sind doch im wesentlichen nur die ungelernten polnischen Arbeiter, die sich unter den veränderten Umständen als nicht aufnahmefähig erwiesen haben. Die neuen jüdischen Bürger Frankreichs haben sich bereits als eine durchaus wurzelschlagende Bevölkerung bewährt und damit den Beweis erbracht, daß sie zu den Elementen zu rechnen sind, auf deren Zuwachs der französische Staat Wert legt und deren völligem Uebergang in das neue Frankreich nichts im Wege steht. Nicht zu vergessen ist übrigens, daß auch kolonialpolitisch Frankreich mit dem Judentum in Berührung tritt. Nach Kriegsende haben die französischen Protektorate über Marokko, Algier und Tunis eine immer größere Bedeutung gewonnen, und der zivilisatorische Einfluß Frankreichs ist hier unverkennbar. So darf man hoffen, daß auf diese Weise auch das nordafrikanische Judentum, das unter der Herrschaft des Islams in einen Jahrhunderte währenden Schlaf versunken war, wieder erwachen wird. Unter dem französischen Einfluß sind die judenfeindlichen Bewegungen in Nordafrika stark zurückgegangen, und die eingesessenen Juden haben sich als die anpassungsfähigsten Objekte der Kolonisierung bewiesen. Während der Kämpfe Abd-el-Krims waren sie in Marokko zwar vorübergehend in eine etwas schiefe Position geraten, aber nachdem jetzt die französische Kolonisierung sich in ruhigeren Formen bewegt, wird sich ihr Eintritt in die europäische Zivilisation sehr schnell vollziehen. Die zahlreichen Juden Syriens standen schon früher kulturell durch französische Vermittlung mit der westlichen Zivilisation in Verbindung und ihre Assimilierung macht erstaunliche Fortschritte. Zahlreiche junge syrische Juden studieren zur Zeit an der Pariser Sorbonne, und die Zeit wird nicht mehr fern sein, wo auch die jüdische Jugend Nordafrikas kulturell einen Aufstieg nehmen wird. Man sieht, wie vielfältig sich heute die Beziehungen Frankreichs zum Judentum einerseits und die speziellen jüdischen Interessen anderseits darstellen. Ein wesentlicher Teil jüdischer Problematik ist so nach Frankreich verlegt worden, das ein wenig unvorbereitet diesen neuen Eindrücken gegenübersteht. Man findet jüdische Namen ebensowohl als Mitglieder der Regierung, als Vertreter von Kunst und Literatur, wie die namenlosen Scharen durch die Kriegsschrecken vertriebener Ostjuden und Juden als Bestandteile französischer Kolonialvölker. So nimmt Frankreich heute für das jüdische Leben einen ganz besonderen Platz ein. r ji Bezugsbedingungen: Halbjährig: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8 50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei cK60—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.-, Amer ika 1V» Doli., Italien Lire 40.—, England Schilling 15.—, Rumänien Lei300.—.Jugoslawien Dinar 100.— Norbert hielt auch Wort. Der Vater fand durch ihn eine behagliche Position, die Schwester verheiratete er, die zwei Brüder stellte er im Ausland auf eigene Füße, kurz, sie hatte niemals Ursache, ihn eines Wortbruches gegen ihre Familie zu zeihen. Aber ihr gegenüber? Daß aus dem jungen, lebensfrohen Geschöpf gar bald eine stille, stille Frau geworden, bemerkten nur einzelne, und von diesen fanden es die meisten ganz natürlich. Kindersegen blieb ihr zu ihrer Verzweiflung versagt und war auch der Gatte nach seiner Art gütig, aufmerksam, ja zärtlich, so blieb speziell diese wohltemperierte Zärtlichkeit ihr stets unbehaglich. Und sein Stolz auf seine schöne junge Frau ließ sie vollständig kalt. Er reiste viel, nahm sie auch öfter auf seinen Reisen mit, aber im großen und ganzen lebte sie, ihre Enttäuschung vor der Welt und den Ihrigen charaktervoll verbergend, stille dahin, sorgte nur für des Mannes Wohlergehen und verzichtete gänzlich auf Eigenleben, da es damals nicht „passend" war, in Abwesenheit des Gatten Theater oder Konzerte zu besuchen, Gesellschaften zu geben oder solche außerhalb aufzusuchen. Nur Lektüre war ihr gestattet und Wohltätigkeit, speziell Kindern gegenüber, übte sie im geheimen, soweit es ihre, trotz des Reichtums ihres Mannes, knappen Mittel erlaubten. Nur ihre geliebte Violine konnte ihr über diese langen, öden Stunden hinweghelfen, obwohl auch in dieser Beziehung ihr Mann es nicht begreifen konnte, daß sie gerne die Konzertlaufbahn ergriffen hätte. Da geschah es, daß sie, der bis dahin jeder Mann gleichgültig gewesen, so viele sich auch um die junge, schöne, gebildete Frau bemüht hatten, in einem Badeort einen Geschäftsfreund ihres Gatten traf, der viele Jahre im Auslande gelebt und in jeder Beziehung ein ausgezeichneter Mensen geworden war. Und so geschah es, wie es häufig in solchen Fällen geschieht. Die unverbrauchte Weiblichkeit der Frau fand in dem Manne ihre Ergänzung, sie fanden sich nach ganz kurzer Zeit, und er bestürmte Dora, sich von ihrem Gatten, der ihr ja in keiner Weise, weder seelisch noch körperlich, nahestünde, an welchen säe auch kern Kind fessle, zu trennen und ihm als geliebte Gattin in seine neue Heimat zu folgen. Dora schwankte und schwankte. Sie konnte sich trotz ihrer heißen Liebe zu ihm und ihrer Sehnsucht nach ein wenig Glück, ein wenig Sonne, zu diesem Schritte nicht entschließen; heimlich wollte sie es nicht tun, und sie wußte, daß sie es ihrem Gatten schwer werde erklären können, warum sie neben ihm so unglücklich sei. Er gab an Wärme, was in ihm lag, was er geben konnte, ihre Sehnsucht nach einem Kinde belächelte er als eine weibliche Marotte und ein Treubruch ihrerseits würde ihn, so fürchtete sie, bis ins Innerste treffen. Da trat eine, ihren Entschluß bestimmende Wendung ein. Ihr Vater starb und Norbert bot Dora in großmütiger Weise an, die Mutter zu ihnen ins Haus zu nehmen, da die anderen Kinder in der Ferne lebten. „Platz haben wir genug," meinte er, „ich bin oft Monate auf der Reise, immer kannst Du mich nicht begleiten, also, wenn Du es wünschest, ich bin einverstanden". Im Geiste sah Dora die Augen der Mutter angstvoll an ihrem Antlitze hängen. Ein schmerzhaftes Zucken ging durch ihr Herz; aber tapfer biß sie die Zähne zusammen und reichte ihrem Gatten die Hand. „Ich danke Dir, ich bin gewiß froh darüber."; i Noch in der gleichen Stunde schrieb sie ihrem Freunde: „Das Opfer meines Lebens wäre unnötig geworden, wenn ich es nicht vollenden würde. Ich werde auch dessen Rest