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Die Wahrheit · 1927-06-17 · Heft 26 (17.6.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 26 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Öf£ WAHRHEIT IllillliO! Wmm. SeiU 3 wird durch diese Erscheinung nicht im geringsten beeinflußt. Der französische Jude ist heute noch' genau so wie vor Generationen über sämtliche Weltanschauungen und über sämtliche Parteirichtungen Frankreichs verstreut. Man findet in Frankreich weit häufiger als bei uns jüdische Politiker, die den Rechtsgruppen angehören. So gehört z. B. der gegenwärtige Handelsminister Bokanowski zu der Gruppe Poincare, und die ehemalige „graue Eminenz" Clemenceaus, Mandel, ist gleichfalls noch in aller Erinnerung. Sogar die äußerste Rechte, die Action francaise, zählt, wie bereits erwähnt, jüdische. Anhänger. Zahlreich sind jüdische Politiker in der größten politischen Partei, unter den Radikalsozialisten, vertreten, weniger stark unter den Sozialisten, obwohl der gegenwärtige Führer der sozialistischen Partei, Leon Blum, Jude ist. Ebenso ist das Judentum gesellschaftlich in allen Schichten des Volkes anzutreffen. Die jüdische Hochfinanz ist schon seit Geschlechtern mit Kreisen des Hochädels verschwägert; die freien Berufe, Handel und Wirtschaft zählen Juden zu ihren besten Mitgliedern, und ähnlich wie in Deutschland ist das Judentum sehr zahlreich im eigentlichen Mittelstand vertreten. Die politische und kulturelle Einstellung der französischen Juden wird durch diese soziale Gliederung im wesentlichen bedingt, und eine Abdrängimg in ausschließlich oppositionelle Politik ist in Frankreich niemals erfolgt. Auf diese Weise ist allen politischen Parteien <fte Mitwirkung jüdischer Elemente gesichert worden. Aus eben diesem Grunde ist der politische Judenhaß kaum spürbar, da die gelegentlichen Erxtravaganzen Leon D a u d e t s und anderer seines Schlages schon vvon vornherein niemand ernst,nimmt. So vollzieht sich gegenwärtig der Prozeß der Aufnahme der neu zugewanderten Juden aus dem Osten eigentlich ganz isoliert. Die Gäste, die Frankreich beherbergt, verschmelzen sich nicht etwa mit der alten jüdischen Bevölkerung Frankreichs, sondern sie gehen genau so in das Volk auf wie die zahlreichen anderen politischen Emigranten, Russen, Italiener, Spanier, Rumänen und andere mehr. Sie gehören zum Teil dem Proletariat an, zum größeren Teil jedoch dem kleinen Mittelstand. Im Pariser Stadtviertel von Belleville und um das Hotel de Ville (Rathaus) hausen sie noch ziemlich zusammengedrängt; indes vollzieht sich der Prozeß der Assimilierung, vor allem bei den jüngeren Elementen, sehr schnell. Mit der jetzt eifriger betriebenen Naturalisierung werden diese Flüchtlinge auch immer häufiger das französische Staatsbürgerrecht erwerben, und so wird Frankreich bald um eine größere Zahl neuer jüdischer Elemente bereichert sein. Erst wenn die neuen Kreise mit den älteren in eine direkte Fühlung treten, wird man sehen können, ob die Kluft, wie sie heute besteht, sich noch länger erhält oder ob von beiden Seiten eine Anpassung erstrebt wird. An sich darf dieses neue Elemient in Frankreich als eine durchaus günstige Erscheinung angesprochen werden. Auch das französische Judentum leidet an dem für ganz Frankreich typischen G eburtenmangel, und es bedarf ebenso wie das ganze übrige Land in Ermangelung eines eigenen Nachwuchses der Aufnahme fremder Elemente, die zwar zunächst sich nicht ganz leicht einfügen lassen, die aber doch schließlich in den Kreis der alten französischen Kultur hineingezogen werden und aus deren Verschmelzung mit dem älteren Volkskörper eine neue Synthese erstehen wird. Demgemäß hat auch das ostjüdische Problem für das französische Judentum eine ganz andere Bedeutung als etwa für Darum ist der Interpellant eigentlich ein Feigling, der nicht den Mut besitzt, seine Anschuldigung offen vorzutragen und die Begründung für sie vorzubringen. Tatsächlich hat er gewöhnlich aus sehr trüben Quellen geschöpft, die er selbst kaum zu nennen wagt. Darum stellt der alte Korach seine Frage, der moderne seine Interpellation. Es ist und bleibt eine merkwürdige Sache, daß die Thora den Fall Korach der Nachwelt überliefert hat. Er ist kein schönes Blatt in der heiligen Schrift. Eine alte Sage geht, daß Korach sehr reich war, ja einer von den „zwei Reichen der Welt" gewesen. Vielleicht soll das den Grund aufdecken, der Auftreten und Haltung Korachs begreiflich machen kann. Die Interpellanten von heute sind nicht so reich wie Korach, gleichen ihm nur darin, daß sie, gleich ihm, materielle Opfer für die Allgemeinheit nicht bringen. „Die Söhne Korachs sind nicht gestorben," sagt die Schrift; sie sind später nach Jahrhunderten berühmte Dichter und Sänger geworden, die zur Ehre Gottes Psalmen schufen und sangen. Diese stimmliche und dichterische Begabung, die noch in den Tagen Davids und Josaphats rühmend erwähnt wird, ist in unseren Tagen nur noch in der reichen Phantasie, mit der sie die fadenscheinigsten Interpellationen ausdichten, und in dem Stimmaufwand, mit dem sie sie vorbringen, erkennbar. So ändern sich die Zeiten! Heute braucht man weder reich zu sein, noch Begabung zu haben — es genügt die Stimme oder besser gesagt: die Stimmen. Was nützte das Gebet Moses, was nützte das Gotteswunder, daß die Erde ihren Mund aufgetan und Korach mit seinem Anhange verschlungen hat? Es war nur eine Hilfe für den Augenblick. Der Geist Korachs steigt immer wieder aus dem unterirdischen Grabe hervor. Er spukte in •allen Killestuben, so viele ihrer seither auf dem weiten Erdballe waren, in dem finsteren, engen, mittelalterlichen Elend und schwärzester Glaubensstarrheit ebenso wie in dem modernen freiheitlichen Gemeindeparlamente unserer Tage. Wenn sich die Männer versammeln, um Rat zu pflegen, für die Erhaltung der Einrichtungen des Judentums Vorsorge zu treffen, voraussehend aufzubauen oder fürsorglich abzuändern — wajikach korach, da nimmt sicher auch Korach das Wort und bringt eine Interpellation ein, denn' wir wissen, in dem Interpellanten steckt — ein Korach. Eine altmodische jüdische Frau. Von Sidonie Rosenberg. Es war vor mehr als einem Menschenalter, als in meiner Heimatstadt die Verlobung des reichen Großkaufmannes Norbert mit der achtzehnjährigen schönen Dora Aufsehen, bei den Wohlmeinenden jedoch Kopfschütteln erregte. War er doch nicht nur doppelt so alt als sie, sondern trotz seiner stattlichen Erscheinung weder physisch noch psychisch zu der gesunden, heiteren, mädchenhaften Braut passend, ein krasser Gegensatz in jeder Hinsicht. Die Außenstehenden suchten wohl den Grund in dem Reichtum des Gatten; nur wenige, und darunter ich als ihre vertrauteste Jugendfreundin — eine Freundschaft, die bis zu ihrem Tode währte — wußten, daß eben ihre Einwilligung den Vater vor dem Untergang retten, den Geschwistern eine bessere Zukunft ermöglichen mußte, denn all dies hatte ihr Norbert versprochen, nachdem ihr der Vater seine verzweifelte Lage klargestellt und erklärt hatte, daß nur ihre Heirat sie alle retten würde.

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