Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 26 (17.6.1927)
- Date
- 1927-06-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT ist heute wieder zu Frankreich geschlagen worden. Indes wirkt diese Tatsache — schon aus dem Grund, weil sich das Aufgehen Elsaß-Lothringens in der dritten Republik beinahe als eine Unmöglichkeit herausstellt — nicht so sehr als der starke Zuzug ostjüdischer Elemente, der sich naturgemäß in erster Linie nach Paris ergossen hat. Man kann sagen, daß gerade durch diese Erscheinung erst eine eigentliche jüdische Problematik in Frankreich auftaucht, und nur sie erklärt in Verbindung mit den politischen Interessen Frankreichs im nahen Osten die verstärkte Beschäftigung der Oeffentlichkeit mit den ihr sonst so fernliegenden jüdischen Dingen. Die durch das Kriegselend versprengten, ostjüdischen Elemente, die sich in Paris angesiedelt haben, stehen zwar nur zum Teil dem Zionismus nahe. Aber sie haben doch eine neue Note in das Mosaik des Pariser politischen Emigrantentums gebracht. Die ganze Auseinandersetzung innerhalb des Zionismus selbst und um die jüdischen Schicksalsfragen überhaupt ist so auch nach Frankreich getragen worden, und auch die alteingesessenen französischen Juden werden stark davon berührt. So lebhaft jedoch das Interesse geworden ist, — die Kluft zwischen den französischen Juden, die in der Landeskultur aufgewachsen sind, und den Zugewanderten ist zu groß, als daß das französische, Judentum in seiner Gesamtheit in die Diskussion einbezogen werden könnte. Es spielt doch im wesentlichen nur eine zuschauende Rolle, die dadurch erleichtert wird, daß die Probleme, wie sie sich hier darstellen, ähnlich wie in England vornehmlich einen machtpolitischen Charakter tragen. Palästina bedeutet für Frankreich zunächst einmal eine englische Position im nahen Osten, die mit dem angrenzenden französischen Syrien jederzeit in politische Konflikte geraten kann. Man befaßt sich daher sehr ausgiebig auch in nichtjüdischen Kreisen mit der palästinischen Frage, aber dabei steht doch weniger eine jüdische Angelegenheit, als vielmehr die politische Gestaltung Vorderasiens im Vordergrund. Mag der Zionismus so äußerlich in der Tagesdebatte eine erhebliche Rolle spielen, der eigentliche Kreis des französischen Judentums bleibt ihm fremd. Wohl ist die jüngere Generation, vor allem die intellektuelle Jugend, hier und da dem Zionismus nähergetreten, aber die Erklärung hierfür liegt auf der Hand. Der Zionismus ist beinahe die einzige Form, in der den französischen Juden Fragen der jüdischen Gemeinschaft an sich vor Augen geführt werden. Gerade ihre Losgelöstheit von. den Sorgen des Tages, soweit es sich um das Judentum handelt, hat bewirkt, daß sie vorher kaum irgendeine Form von Verbundenheit gekannt haben. Ob sich die Periode des individualistischen Nebeneinanderlebens der französischen Juden unter dem Einfluß der neueren Entwicklung in eine stärkere Gebundenheit verwandeln wird, bleibt abzuwarten, aber die Ansätze hierzu sind offenbar vorhanden. Es kann nicht ausbleiben, daß gerade die französischen Juden, die ihrer ganzen Geschichte und Entwicklung nach sehr stark mit ihrer Heimat verbunden sind, in Zukunft noch weit stärker sich mit den Seiten des Problems beschäftigen werden, die sie selbst betreffen, als dies schon seither geschehen ist. Im übrigen ist der Zionismus in Frankreich eine vorwiegend literarische Angelegenheit. Die Diskussion geht hier, wie dies auch sonst sehr beliebt ist, stark ins Feuilletonistische über, und die Hauptsache ist, daß jüdische wie nichtjüdische Schriftsteller in Palästina Sujets mit dem ein wenig exotischen und kosmopolitischen Anstrich finden, der sich heute einer besonderen Beliebtheit erfreut. Die soziale Struktur des französischen Judentums jedoch g\ Feuilleton Der Interpellant Von Dr. V. K u r r e i n. „ . . . . warum erhebt ihr euch über die Versammlung Gottes?* IV, 16, 3 „Ein Narr kann mehr fragen, als zehn Weise antworten können," sagt ein jüdisches Sprichwort, und die Pessachhagada kennt und charakterisiert vier Fragesteller, von denen man meint, es seien vier Kinder, während in Wirklichkeit von erwachsenen Menschen die Rede ist. Aus der Art der F»ragestellune: kann man nämlich erkennen, wes' Geistes Kind einer ist. Der weise Salomo sagt: „Antworte dem Toren nach seiner Torheit, damit er sich nicht weise dünke". Es ist eben eine eigene Sache um das Antworten, aber nicht minder um das Fragen. Die erste Fragestellerin war die Schlange des Paradieses, und zu ihren Nachfolgern gehört gewiß auch der alte Korach, der seit den Tagen Moses in seinem unterirdischen Grabe keine Ruhe gefunden hat. Dem Zuge der Zeit folgend, hat auch er sich modernisiert, den alt°n Namen abgelegt und läßt sich nun „Interpellant" nennen. Der Ahnherr stand einst in einer von ihm einberufenen Protestversammlung auf und brachte gegen Moses und Aron die Interpellation ein: „Warum erhebt ihr euch über die Versammlung Gottes?" Schern damals gab es wohl keiinen einzigen am ganzen Volke, der nicht gewußt hätte, daß Gott Moses zum *~""—?r berufen, daß Moses in schwersten Zeiten der Befreier vyptischer Knechtschaft war, das Volk durch die Wüste und Wunder über Wunder getan hat, zur Höhe des Sinai emporgestiegen ist, die göttlichen Tafeln gebracht und sein Führeramt in unsagbarer Mühe und Aufopferung erfolgreich versehen hat. Alle wußten es, nur der Interpellant wollte es nicht wissen. Darin sind sich der alte Korach und der moderne Interpellant gleich geblieben. Die selbstverständlichsten, gerechtesten Dinge, die jeder natürlich finden muß, sind ihnen Fragen, die sie stellen müssen, über die sie nicht ins Reine kommen können. Die Fragen sind überhaupt das Spezialgebiet beider. Erzählt doch die Ueberlieferung von solchen Fragen, die die Pflicht der Schaufäden bei einem ganz aus blauen Purpurfäden gefertigten Kleide oder die der Mesusa bei einem ganz mit jüdischen Büchern gefüllten Hause zum Gegenstande hatten. Man sollte meinen, daß es Fragen von schwerwiegendster Bedeutung sind, von deren Beantwortung Wohl und Wehe der Gesamheit oder gar der Bestand des Judentums abhängt. Mit nichten! Frage und sogar ihre Beantwortung sind unwesentlich für die Allgemeinheit, wesentlich sind sie nur, um Arbeit und Beratung zu stören und bestimmten Tendenzen ein Einfallstor zu öffnen. Die Ueberlieferung erzählt, Korach gab mit' seiner Frage Moses dem allgemeinen Gelächter preis, & h. seine (Korachs) Anhänger stimmten in die Verhöhnung Moses ein. So nimmt es auch der moderne Interpellant mit seiner Frage nicht ernst, will ernste Arbeit auf das Niveau eigener geistiger Oberflächlichkeit hinabziehen und die Unruhe, die er entfacht, für sich und seine Partei ausnützen. Wie der Korach von einst, so bedient auch er sich jener Kampfesweise, der man nicht beikommen kann, nämlich der Fragestellung. . Fragen darf man alles und in der Form einer Frage die grundlosesten, leichtfertigsten Anschuldigungen vorbringen. Für eine Frage ist man nicht verantwortlich noch strafbar, kann sich stets hinter die Antwort, befriedigt oder unbefriedigt, in sicheren guten Schutz scheinbarer Ehrenhaftigkeit zurückbegeben.