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Die Wahrheit · 1927-06-17 · Heft 26 (17.6.1927) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 26 (17.6.1927)
Date
1927-06-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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£wsdkeint Jeden 9*eiftig (Preis dieME JTuminet: 50 «rroscfieii WAHRHEIT Cesteneidkiscfke Wodkmstfirift für ßüdisdhe Jfnteressen Vevöffemttidiim&en der „Union deutscnösterr. Juden'4 Redaktion und Administration: Wien #/., 3f€eiMMestmo0e JRCw. 13 Perntuf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien» ffljuni 1927 Nummer 26 Die Juden in Frankreich. Von Leo S t e i n f e 1 d, Paris. Die Judengegnerschaft aller Schattierungen arbeitet in ihrem Kampf immer wieder mit dem angeblichen Internationalismus des Judentums, der es verhindern soll, daß der Jude überhaupt sich als Staatsbürger fühlen und damit auch seine Pflichten als Staatsbürger erfüllen könne. Demnach müßte zwischen den Juden Deutschlands und Frankreichs z. B. doch immerhin ein gewisses Band und eine gewisse Gemeinsamkeit zu erkennen sein. In Wirklichkeit liegen jedoch die Dinge ganz anders. Gewiß mag es unter den französischen Juden .manche Anhänger einer Richtung geben, die man, wenn man will, als Internationalismus bezeichnen mag, aber niemals werden sie sich diesem Internationalismus in ihrer Eigenschaft als Juden oder etwa zur Wahrung gemeinsamer jüdischer Interessen verschreiben. Zwischen dem Leben der deutschen Juden, zwischen ihren kulturellen und staatspolitischen Interessen und dem, was die französischen Juden bewegt, ist auch nicht die Spur einer Gemeinsamkeit zu entdecken. Die deutschen und die französischen Juden sind genau so isoliert, freilich auch genau so verbunden wie die beiden Nationen, die mit neuen Hoffnungen in eine Periode eingetreten sind, die für die Völker und für Europa bessere Friedensbürgschaften als die Vergangenheit in sich birgt. Die französischen Juden sind vor allem den staatsbürgerlichen Interessen ihrer Glaubensgenossen jenseits des Rheins völlig entrückt. Nachdem sie bereits mit der Revolution und Napoleon die volle staatsbürgerliche Gleichheit errungen hatten, haben sie eigentlich nie den Kampf gegen den Antisemitismus mit der Schärfe durchzukämpfen gehabt wie die deutschen Juden. Gewiß blieb ihnen die große Prüfung der Dreyfus-Affäre nicht erspart. Aber dieser Kampf, der das ganze sittliche Schicksal des französischen Volkes aufs Spiel setzte, der die geistigen Führer der Nation auf den Plan rief, ging in seiner Bedeutung doch weit über den Kreis der jüdischen Interessen hinaus. Hier war es vielmehr der uralte Gegensatz von Macht und Recht, der zur Debatte stand, und daß es sich dabei um den Fall des jüdischen Hauptmannes Dreyfus drehte, war fast nur eine Zufälligkeit. Immerhin kommt es den französischen Juden zunutze, daß diese Klärung mit solcher Eindringlichkeit durchgeführt wurde und das ganze moralische Gewissen des Volkes wachrüttelte. Seither kann der Antisemitismus in Frankreich kaum noch irgendwelche nennenswerte Positionen verteidigen. Waren es zur Dreyfus-Zeit Kreise des Klerikalismus, die sich mit den Nationalisten verbrüdert hatten, so snielt heute die eigentlich klerikale Judenfeindschaft in Frankreich nur noch eine ganz untergeordnete Rolle. Auch die Action frangaise, die übrigens auch Juden zu ihren Anhängern zählt und mit dem Antisemitismus eigentlich nur rhetorische Demagogie treibt, ist ganz erheblich zurückgedrängt und heute noch weniger ernst zu nehmen als früher. Wohl gibt es auch in Frankreich einen gesellschaftlichen Antisemitismus. Aber das soziale Leben der französischen Juden wird kaum davon berührt, und ein eigentlicher Kampf gegen den Antisemitismus ist in Frankreich überflüssig. Die französischen Juden sind seit ein und einem viertel Jahrhundert im vollen Genuß staatsbürgerlicher Rechte und Pflichten, und ihr volles Aufgehen im französischen Staat wird weder durch Einflüsse der Regierungsautorität noch durch andere aus dem sozialen Unterbau hervorgehende Einwirkungen gehindert. Die Hakenkreuzparole: „Frankreich und der Jude sind eins!" sucht sich gern auf diese gesellschaftlich korrekte Einordnung der französischen Juden in den Staat zu berufen. Wefln es einen Sinn hätte, von diesen Verblendeten Logik zu verlangen, so müßte man aus dieser Stellung der französischen Juden zum mindesten den Schluß ziehen, daß die andere Formel von der Internationalität des Juden damit ad absurdum - ((_. 1 geführt wird. 'i Es erklärt sich somit, daß die französischen Juden, da sie weder gegen die Auswirkuneen von „Rasseinstinkten" noch gegen sonstige judenfeindliche Tendenzen energischer aufzutreten haben, sich weit mehr als ihre deutschen Glaubensgenossen ausschließlich den Interessen der religiösen Gemeinschaft und einer philanthropischen Tätigkeit widmen können. Aber es ist unverkennbar, daß die Entwicklung der Nachkriesrsjahre die große Ruhe, die das jüdische Leben in Frankreich genoß, gestört hat, und daß auch dort Probleme der verschiedensten Natur auftauchen. Zunächst hat sich die Zahl der französischen Juden infolge des politischen Kriegsendes um die elsaß-Iothringischen Glaubensgenossen vermehrt, und ein altes jüdisches Kulturzentrum, das früher im Deutschen Reiche eine Rolle spielte,

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