Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 25 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 BrararammmmnnomRmmiEmi DIE WAHRHEIT IHNIHMIMMMMIHHNM ilMIIMMHUIMHÜM •wf S-M 1 ry r j Wahrheiten vom (Fuge Das Wahlflugblatf der „Werktätigen Juden"» Wir haben in unserer Nummer vom 6. Mai in unserem Berichte über die öffentliche Plenar-Sitzung der israelitischen Kultusgemeinde Wien auch die Auseinandersetzung gestreift, die Dr. Desider Friedmann mit dem Mitgliede des Vertreterkollegiums Dr. Edwin Bader in Angelegenheit eines vor den Wahlen erschienenen Flugblattes hatte, in welchem einige jüdischnationalen Mitglieder des Kultusvorstandes heftig angegriffen wurden. Das Flugblatt, welches von Dr. Friedmann als ein schamloser Angriff bezeichnet wurde, war von Dr. Bader gezeichnet, weshalb Dr. Friedmann die Verantwortung hierfür ganz dem Genannten zuschob. Hierauf suchte Dr. Bader die gegen seine Person erhobenen Anschuldigungen zu entkräften und verwinkelte sich hierbei in eine Kontroverse mit dem Kultusvorsteher Dr. L. Plaschkes, innerhalb welcher Dr. Bader die Bemerkung machte, daß er die „W i e n e r Morgenzeitung" und den Verfasser des Artikels, in welchem er als Lügner und Verleumder bezeichnet wurde, wegen der gegen ihn erhobenen Anwürfe beim Schwurgerichte anklagen werde- Anstatt den Klageweg zu beschreiten, hat jedoch Dr. Bader an Oberbaurat Robert Stricker, der in besagtem Pamphlet auf das gröblichste beschimpft worden war, am 3. Juni folgendes Schreiben gerichtet, dessen Inhalt wir der „Wiener Morgenzeitung" entnehmen: An Herrn Oberbaurat Robert Stricker, Wien. Ich teile Ihnen mit, daß ich mit dem in der Druckerei „Vorwärts" gedruckten Flugzette!, der ehrenrührige Anwürfe gegen Sie enthält, nichts zu tun habe. Ich habe ihn v/eder verfaßt, noch vor der Drucklegung gelesen, noch jemanden autorisiert, meinen Namen als verantwortlicher Redakteur unter das Flugblatt zu setzen, was mißbräuchlich geschehen ist. Es ist mir trotz eingeleiteter Untersuchung nicht gelungen, den Verfasser des Flugblattes zu eruieren. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß ich die im Flugblatt enthaltenen Anwürfe für völlig ungerechtfertigt halte. Hochachtend Dr. E. Bader, m. p. Herr Stricker hat diese Erklärung mit folgendem Brief zur Kenntnis genommen: Wien, am 3. Juni 1927. Herrn Dr. Edwin Bader. Wien. In Ihrem Schreiben vom 3. Juni 1927 stellen Sie fest, daß das von Ihnen gezeichnete Flugblatt, welches gegen mich gerichtete Beleidigungen enthält, ohne Ihr Wissen und Ihre Zustimmung verfaßt und verbreitet wurde, so daß ein Mißbrauch Ihres Namens vorliegt. In Erwiderung dieser Erklärung ziehe ich den meinerseits erhobenen Vorwurf der Verleumdung und Lüge als gegenstandslos zurück, und derselbe fällt auf den bisher leider nicht eruierten Verfasser und Verbreiter des oben erwähnte Flugblattes. Hochachtend Robert Stricker, m. p. Wir haben diesen beiden Schreiben nichts hinzuzufügen. Gegen die antisemitischen Sommerfrischen. Jedes Frühjahr setzt von neuem die Hetze gegen jüdische Sommerfrischler ein und Gemeindevertretungen, „Fremdenverkehrskommissionen" und „Verschönerungsvereine" in zahlreichen Orten der österreichischen Alpenländer suchen auf eine jedem Rechte hohnsprechende Weise ihren Ort als „judenrein" zu proklamieren. Ihnen schließen sich Gastwirte, Hotelbesitzer und private Vermieter an, welche durch Aufschriften, Zeitungsinserate sowie in ihrem Briefwechsel mit Wohnungsuchenden ihren antisemitischen Gefühlen freien Lauf lassen und durch dieses Vorgehen auch zahlreiche nichtjüdische Erholungsuchende abschrecken. Daß durch dieses Verhalten auch judenfreundliche Sommerfrischen schwer geschädigt werden und der ganze österreichische Fremdenverkehr stark in Mitleidenschaft gezogen wird, ist selbstverständlich. Es ist daher der jahrelange Kampf, den die „Union deutschösterreichischer Juden" und „Die Wahrheit" gegen die judenfeindlichen Sommerfrischen führt, nicht nur ein Kampf für die Rechte und Interessen der erholungsbedürftigen Judenschaft, sondern auch ein Kampf für das Ansehen und wirtschaftliche Gedeihen unserer Republik, die auf den Fremdenzustrom im Interesse ihrer Volkswirtschaft in so hohem Maße angewiesen ist. Auch in diesem Jahre war es notwendig, gegen einige krasse Fälle der Judenhetze in österreichischen Sommerfrischen aufzutreten, und zwar mit dem Erfolg, daß sich endlich auch die Tagespresse veranlaßt gesehen hat, gegen diesen skandalösen Unfug aufzutreten. Insbesonders war es der Fall der Sommerfrische Weissense e, der viel Staub aufgewirbelt hat, und zu welchem u. a. „DerTa g", die „Neue Freie Press e", die „Wiener Allgemeine Zeitung" Stellung genommen haben. Die „Neue Freie Presse" veröffentlichte hierzu auch folgende Zuschrift des Präsidenten der „Union deutschösterreichischer Juden" Dr. Jakob Ornstein: „Zu Ihrer im Morgenblatte vom 27. Mai unter dem Titel „Juden sind ungebetene Gäste" enthaltenen Glosse gestatten wir uns zu bemerken, daß die Sommerfrische Weißensee in Kärnten mit dieser Stellungnahme durchaus nicht vereinzelt dasteht. Zu ihr hat sich eine Anzahl gleichgesinnten Sommerfrischen zugesellt. Der unterfertigte Verein hat auf diese bedauerliche und für den Fremdenverkehr höchst bedenkliche Erscheinung zu wiederholten Malen anläßlich der Veranstaltung von Fremdenverkehrskongressen den gegenwärtigen Handelsminister aufmerksam gemacht, ohne daß ein sichtbarer Erfolg dieses Einschreitens zu verzeichnen wäre. Und doch bieten zumindest Gemeinderatsbeschlüsse, wie „den Aufenthalt jüdischer Sommerfrischler nicht zu dulden" (Mank), „laut Gemeinderatsbeschlusses judenrein" (Wolkersdorf) u. a. m., der Regierung eine genügende Handhabe, den Vollzug derartiger gesetzwidriger Beschlüsse zu hindern. Aber die Regierung und der Handelsminister, welcher für die Hebung des Fremdenverkehres in Wort und Schrift so häufig eintritt, läßt sich in ihrer Ruhe auch durch den unglaublichen Beschluß der Gemeinde Efferding, „Aufenthalt für Nichtarier auf 24 Stunden beschränkt", durch welchen Beschluß die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Freizügigkeit aufgehoben wird, nicht stören. Ein nationalsozialistischer Verein in Kärnten verständigte die Gastwirte des betreffenden Ortes, daß nach einem Beschlüsse der Vereinsleitung den Gastwirten verboten werde, Nichtariern Speise und Trank zu verabreichen. Das Einschreiten unseres Vereines gegen diesen nicht nur gegen das Strafgesetz verstoßenden Beschluß blieb erfolglos, die kärntnerische Landesregierung erteilte trotz Urgenz keine Antwort, während die Staatsanwaltschaft in Klagenfurt keinen Grund zum Einschreiten fand. Die Folgen solcher fremdenverkehrsfeindlicher Beschlüsse machen sich immer mehr geltend. Wir erhalten zahlreiche Anfragen aus Deutschland hinsichtlich des Verhaltens österreichischer Bäder und Sommerfrischen gegenüber jüdischen Besuchern. Selbstverständlich meiden sie solche antisemitisch verseuchte Orte und entschließen sich sehr oft überhaupt von einem Besuche unserer Republik zum Schaden unserer wirtschaftlichen Verhältnisse vollkommen abzusehen. Es ist dies ein trauriger Beitrag zu den Bestrebungen, den Fremdenverkehr zu heben. Wir zeichnen in vorzüglichster Hochachtung U\n i o n d e u t s c h ö s\t e rreichischer Juden: Der Präsident Dr. Jakob O r n s t e i n." Durch die Tageszeitungen wurden die weitesten Kreise des In- und Auslandes auf diese trotz des energischen Kampfes der „U n i o n" und der „W a h r h e i t" noch immer viel zu wenig gewürdigten Mißstände aufmerksam und die Judenhetzer bekamen die Folgen ihrer Unverschämtheiten an t der eigenen Tasche zu spüren. Diejenigen, welche um keinen Preis Juden aufzunehmen oder auch nur in ihrem Orte zu dulden gewillt waren, fanden den Preis, den sie für ihre Unduldsamkeit zahlen müssen, doch etwas zu hoch, und nun werden v/ir mit Zuschriften überschwemmt, in welchen „Fremdenverkehrs-" und „Verschönerungsvereine" sowie auch einzelne Vermieter von als antisemitisch bekannten Orten ihre „Judenfreundlichkeit" betonen. Ob es sich hier um Aufrichtigkeit oder Heuchelei ' handelt, können wir derzeit noch nicht feststellen, doch sind wir bereit, diejenigen Orte, die sich offen und ehrlich als nichtantisemitisch bekennen und ihre antisemitischen Beschlüsse reassumieren, aus der Liste der „judenreinen Sommerfrischen" zu streichen. Auf die Brieftaschen der diversen Konjunkturantisemiten Rücksicht zu nehmen, kann man jedoch weder von uns noch von irgendwelchen anderen gesinnungstreuen Juden verlangen. Vom Bürgermeisteramt Mondsee wie vom Verschönerungs- und Fremdenverkehrs- Verein des gleichen Ortes sind der „U n i o n" zwei gleichlautende Zuschriften zugekommen, in welchen erwähnt wird, „daß nicht, ein einziger der nichtarischen Sommergäste Veranlassung hatte, festzustellen, daß ihm etwa seitens der Bevölkerung anders entgegengekommen wird als einem arischen Sommergast." .