Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 25 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064323--15484-3088271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 11 rerer Kinder die Bestrebungen der Kultusgemeinde in diesem Belange zu fördern und solche Ferienplätze der „Jüdischen Jugendfürsorge", Wien I., Seitenstettengasse 2, unter Mitteilung, ob die Zuweisung von Knaben oder Mädchen und in welcher Altersstufe erwünscht ist, bekanntzugeben. Für die Reisekosten und die Ueberstellung der Schützlinge wird erforderlichenfalls seitens der israel. Kultusgemeinde Sorge getragen werden. * Aktion für tuberkulosegefährdete Kinder. Mehr als 150 Kinder wurden anläßlich der Revision durch die Aerzte der „Jüdischen Jugendfürsorge" als einer besonderen Unterbringung durch mehrere Wochen in Anstaltspflege bedürftig befunden, weil diese Kinder für Tuberkulose disponiert, durch diese Maßnahme noch der vollständigen Gesundung zugeführt, werden können. Der Kultusvorstand hat für diesen Zweck S 7500.— votiert und richtet an die Besitzenden den dringenden Appell, diese so wichtige Aktion durch Beitragsleistungen zu fördern. Spenden für diese, sowie für die Ferienaktion wollen an die Kasse der israel. Kultusgemeinde, Wien I., Seitenstettengasse 4, gerichtet werden. * Ehrungen durch den Kultusvorstand. Seitens des Präsidiums der israel. Kultusgemeinde wurden den folgenden Jubilaren die Glückwünsche der Gemeinde zum Ausdrucke gebracht: Anläßlich des 90. Geburtstages den Gemeindemitgliedern Albert Low Montefiore und der Zar. Von Schi. A n - s k i. (Deutsch von Hermann Blumenthal.) Unsere Leser wird es gewiß interessieren, den Dichter des „Dybuk" als Prosaschriftsteller kennen zu lernen. Als Königin Viktoria von England gekrönt werden sollte, gab es in der Hauptstadt Großbritanniens große Feierlichkeiten, und fast alle Herrscher Europas fanden sich dort ein. Im königlichen Schloß gab es ein Festessen, an dem die fremden Potentaten sowie sämtliche Adelige und Minister Englands teilnahmen. Unter diesen befand sich auch der Premier Moses Montefiore. Der feurige Wein löste die Zungen der Kaiser und Könige. Der eine erzählte von den zahllosen Provinzen, die er beherrschte, der zweite von den ungeheuren Reichtümern seiner Schatzkammer und der dritte von seinem tapferen Heer. Da erhob sich Zar Nikolaus I. von Rußland und rief: „Mein Reich ist das größte der Welt und mein Volk so zahlreich, wie der Sand im Meere. Ich bin mit allen Schätzen der Welt reich gesegnet, doch leben zu viele Juden in meinem Lande, und ich suche vergebens nach einem Mittel, um sie loszuwerden!" Moses_M o n t e f i o r e war über die Worte des Zaren tief empört. Er erhob sich von seinem Platze und sprach, indem er sich vor dem Zaren tief verneigte: „Ich wüßte einen Vorschlag, um Rußland von diesen unerwünschten Einwohnern zu befreien." „Lassen Sie hören, wie das bewerkstelligt werden kann", rief der Zar neugierig. „Ich erkläre mich bereit, Eurer Majestät die russischen Juden abzukaufen", erklärte Montefiore. „Ich zahle für jede jüdische Seele, ob Mann, Frau oder Kind, drei Rubel." „Werden dann die Juden auch mein Reich verlassen?" fragte der Zar. „Kein Jude soll dann in Rußland bleiben," entgegnete Montefiore. Dem Zaren gefiel der Vorschlag Montefiore s. „Ein glänzendes Geschäft," sagte er sich. „Ich werde nicht nur die Juden los, sondern bekomme obendrein noch zugezahlt." So wurde der Handel gleich abgeschlossen und die Vereinbarung getroffen, daß Montefiore drei Monate darauf nach Rußland kommen und nach Erlag des Geldes die Juden fortführen solle. Als der Zar nach Petersburg zurückkehrte, versammelte er alle Minister und Senatoren um sich und erzählte ihnen, welch vorteilhaften Handel er abgeschlossen habe. Aber die Würdenträger waren von dieser Nachricht nicht sehr entzückt. „Das war ein übereilter Schritt, Sire," rief der Finanzminister aus. „Bekommen doch die Staatskassen jetzt für jede jüdische Seele — ob Mann, Frau oder Kind — vierzig Rubel jährlich," und Leon Smolensky; anläßlich der Goldenen Hochzeit: den Ehepaaren Herrn und Frau Alois Fleischmann, Michael K o h n, Leo J o k e 1, Adolf und Rosalia Hahn, Simon und Hanni Geier, Herrn und Frau Julius Pollitzer. Anläßlich des 75. Geburtstages wurde Bürgerschuldirektor David Löwit, anläßlich des 70. Geburtstages wurden Oberlehrer Isidor Faltitschek und der Bibliophile Max Ritter von Portheim vom Kultusvorstande beglückwünscht, welch letzterem bei diesem Anlasse ein Exemplar des gelegentlich der Hundertjahrfeier des Stadttempels faksimilierten „Ersten Statutes dieses Bethauses" überreicht wurde. * Offerentenverzeichnisse für die von der israel. Kultusgemeinde auszuschreibenden Arbeiten und Lieferungen. Das Technische Amt der israel. Kultusgemeinde wurde vom Kultusvorstande beauftragt, die Listen jener Gewerbetreibenden und Firmen, welche bei Ausschreibung von Lieferungen und Arbeiten in Konkurrenz zu ziehen sind, zu vervollständigen. Jene Firmen, welche auf die Aufnahme in die Liste reflektieren, werden eingeladen, dies im Laufe des Monates Juni 1927 schriftlich dem Vorstande der israel. Kultusgemeinde, Wien I., Seitenstettengasse 4, unter genauer Angabe jener Arbeiten, bzw. Artikel, hinsichtlich welcher sie in Konkurrenz gezogen werden wollen, bekanntzugeben. Der Kultusvorstand behält sich die nach Anhörung von Sachverständigen erfolgende freie Auswahl der jeweilig zur Offertstellung einzuladenden Firmen oder Unternehmungen ausdrücklich vor- Da erkannte der Zar, daß er ein schlechtes Geschäft abgeschlossen hatte. „Was ist jetzt zu tun?" fragte er. Die Würdenträger beratschlagten eine Weile. „Ich glaube, ein Mittel gefunden zu haben", rief ein Minister aus. „Einen Juden erkennt man an seiner Tracht, sowie an Bart und Schläfenlocken. Wenn nun ein Ukas erlassen wird, in dem den Juden anbefohlen wird, Bart und Schläfenlocken abzuschneiden und den langen Kaftan abzulegen, dann werden sie nicht mehr wie Juden aussehen. Wenn nun Herr Montefiore herkommt, übergeben wir ihm die paar tausend Karaiten, die bei uns leben und erklären, daß sonst keine Juden in Rußland wohnen." Dieser Rat gefiel dem Zaren, und er befolgte ihn auf der Stelle. Als nun Moses Montefiore zur festgesetzten Zeit nach Petersburg kam, begrüßte man ihn mit den Worten: ..Als Juden sehen wir hierzulande nur die Karaiten an und erklären uns bereit, Ihnen alle in Rußland lebenden Karaiten zum festgesetzten Preis abzutreten." Da nun Montefiore erkannte, daß der Zar nicht gewillt war, sein Wort einzulösen, geriet er in Zorn. Er verließ Petersburg und fuhr, ohne Aufenthalt zu nehmen, bis Wilna. Zu jener Zeit war Graf P o t o c k i Gouverneur von Wilna. Als dieser von der Ankunft des englischen Premiers erfuhr, begab er sich zu ihm und begrüßte ihn feierlichst. Als die beiden im Gespräch beisammensaßen, erschien ein Kurier, der Montefiore ein Schreiben des Zaren überbrachte. Montefiore betrachtete den Brief von allen Seiten und legte ihn dann uneröffnet vor sich auf den Tisch. Darüber wunderte sich Graf Potocki sehr. „Es geziemt sich, daß ein Kaiserliches Sendschreiben sofort gelesen wird," erlaubte er sich zu bemerken. „Kann es sich doch um eine Sache von höchster Wichtigkeit handeln!" „Am Sabbat ist es mir nicht gestattet, Briefe zu öffnen", erklärte Montefiore ruhig. Darauf wollte Graf Potocki selbst die Siegel lösen, doch Montefiore hinderte ihn daran mit den Worten: „Ich kann es nicht zulassen, daß ein Mann von Ihrem Range mich bedienen soll." Da rief der Gouverneur einen Diener herbei, dem er den Auftrag gab, den Brief zu öffnen. > Kaum hatte dieser den Umschlag aufgetan, so fiel er tot zu Boden, denn der Brief enthielt ein schnellwirkendes starkes Gift. Montefiore faßte den Entschluß, das Land sofort zu verlassen, und als er wohlbehalten in England eintraf, begab er sich gleich zur Königin und erzählte ihr, was ihm in Rußland widerfahren war. Die Königin geriet darüber in großen Zorn und erklärte dem Zaren den Krieg. So war der Wortbruch " des Zaren der Anlaß zum Kriege von Sebastopol.