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Die Wahrheit · 1927-06-10 · Heft 25 (10.6.1927) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 25 (10.6.1927)
Date
1927-06-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT mmmmummmmmmmm IllM^ Seite 9 der Edelleute waren, wurden sie von den Bauern auf das bitterste verfolgt. Die gleiche Methode wurde unter der Zarenherrschaft angewendet. Je mehr die Bauern und Arbeiter unter der Zarenherrschaft seufzten, desto häufiger wurde die Volkswut auf die Juden abgelenkt, und es kam zu blutigen Pogromen. Die Juden wurden als die natürlichen Feinde des Volkes erklärt. Aber von demselben Schicksal wurden die anderen Minoritäten des Zarenreiches ereilt, und jetzt erleben wir dasselbe Schauspiel in Polen selbst. „Es gibt unter den Juden Polens," wie ein unparteiisches liberales polnisches Blatt schreibt, „gute und schlechte Menschen, gerechte und ungerechte, nützliche und schädliche — wie bei allen Völkern in der ganzen Welt. Sie sind Fabrikanten, Bankiers, Großkaufleute, aber auch Handwerker, Arbeiter und kleine Kaufleute. Eine Einheitlichkeit und Solidarität besteht bei ihnen nicht." In ganz Polen und Rußland leben gegen fünf Millionen Juden, aber ausschließlich mit dem Handel beschäftigt sich wohl nur eine halbe Million. Die überwiegende Mehrzahl sind Kleinkrämer Vermittler und kleine Kaufleute, die für sich und ihre Familien oft kaum das Nötigste verdienen. Viele sind „Luftmenschen", die froh sind, wenn sie täglich ein Stück trockenes Brot haben. Handwerker und Arbeiter, gibt es ungefähr 450.000, Landwirte etwa 38.000. Auch von diesen muß sich die Mehrzahl im Schweiße ihres Angesichtes ihren Erwerb schaffen und hat oft mit bitterster Not zu kämpfen. Daher rührt die große Auswanderung bei ihnen. Und ein bekanntes Sprichwort sagt mit Recht: „Dem Glück entflieht man nicht!" So beruht die Charakterisierung der Ostjuden als eines „Schädlings" im Staate auf einem unbegründeten Vorurteil. Die Fehler, die man ihnen nachsagte, finden sich auch bei anderen Völkern und in anderen Konfessionen, nur daß sie bei diesen nicht jedesmal als eine spezifische Eigenschaft hingestellt und unterstrichen werden. Ihre Entstehung ist zumeist eine Folge ihres Schicksales, also geschichtlich zu erklären. Nach Lage der ökonomischen und politischen Verhältnisse ist anzunehmen, daß die Ostjuden — und dazu sind nicht nur die Juden Polens und Rußlands, sondern auch die Litauens und der baltischen Staaten zu rechnen — in ihrer übergroßen Mehrheit bodenständig bleiben werden. Trotz aller wohlmeinenden Bestrebungen der Zionisten ist eine Auswanderung dieser vielen Millionen in das kleine Palästina nahezu ausgeschlossen. Als das Geburtsland der Judenheit, als die rechtlich gesicherte Heimstätte, als die jüdische Kulturzentrale wird Palästina für alle Zeiten seine Bedeutung behalten. Einen Weg zur Lösung des ostjüdischen Problems hat das moderne Rußland gewiesen, indem es seinen Juden einen großen Landbezirk im Süden zur Besiedelung freigegeben hat, mit dem gleichzeitigen Recht der Autonomie. Aber auch in den anderen Ländern des Ostens wird eine kluge, voraussehende Politik die Juden zu einem nützlichen Faktor im Staate machen können, wenn man ihnen die volle staatsbürgerliche Freiheit und „einen Platz an der Sonne" gewährt. Sanitätsrat Dr. Scherkel. Glossen. Furchtbare Dinge gehen vor. Die Würde der Wiener Universität ist bedroht. Die Freiheit der Wissenschaft ist in Gefahr. Man will einer sanktionierten Uebung entgegentreten und den hakenkreuzlerischen Burschen das Recht bestreiten, sozialdemokratische und jüdische Studenten aus den Räumen der Universität mit Knütteln hinauszutreiben. * * * Der gefeierte Rektor der Universität Hofrat M o 1 i s c h, der berufen erscheint, immer der unerschütterliche Vertreter der Gleichheit aller Studenten zu wirken, soll angeblich ein Opfer des roten Terrorismus geworden sein. Wie die „Deutschösterreichische Tageszeitung" so schön ausführt, ist der Rektor der Wiener Universität der Vergewaltigung erlegen, indem man ihn unter Drohungen zwang, den Hetzvortrag Tschadeks zu gestatten. Das wagte man gegen einen Mann, wie Hofrat Molisch, der erst vor kurzem dem Idealisten Körber die Erlaubnis zur Abhaltung eines Vortrages gab, der offensichtlich nur zur Beruhigung der Gemüter dienen sollte. * * * Die schamlose Hetze gegen die Wiener Universität soll, wie vielfach behauptet wird, mit der übertriebenen, lächerlichen Rücksicht für die Wiener Freiwilligte Rettungsgesellschaft — einer von den Juden besonders favorisierten Institution — zusammenhängen. Damit die Rettungsgesellschaft nicht bemüht werde, soll den Hakenkreuzlern verwehrt sein, die studierenden Kollegen blutig zu schlagen. * * * In der niederträchtigsten Weise wird den Hakenkreuzlern immer wieder der Vorwurf gemacht, daß sie nicht von einer Begeisterung für die Wissenschaft erfüllt seien. Wird diese Anklage nicht verstummen, nachdem man gesehen, was Hakenkreuzler imstande sind, um sich die Plätze im Bibliotheksaal zu sichern? * * $ Was soll aus der Wiener Universität werden, wenn sich der Bürgermeister der Stadt Wien als Landeshauptmann das ihm allerdings gesetzmäßig zustehende Recht herausnimmt, der Polizei die Weisung zu erteilen, daß Verbrechern, die den akademischen Boden schänden, in ganz der gleichen Weise entgegezutreten sei, wie jedem anderen Verbrecher? Müßte ein Bürgermeister von Wien nicht so viel Achtung vor der Wissenschaft haben, daß er sich von dem Rektor der Wiener Universität darüber belehren ließe, welche zarten Unterschiede denn doch zwischen gewöhnlichen Radaubrüdern und begeisterten Musensöhnen bestehen, die, wenn sie sich schon nicht die eigenen Köpfe über dem Studium zerbrechen, dies doch bei den Köpfen der anderen besorgen. * * * Kann ein denkender, für Recht und Wissenschaft begeisterter Mensch einen Moment darüber im Unklaren bleiben, wer in Wahrheit die Ehre der Wiener Universität vertritt; der Rektor, der sich die begeisterte Verehrung der Hakenkreuzler erworben — oder der Bürgermeister, der sich die Sympathien dieser strebsamen Jünglingie gründlich verscherzt hat? 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