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Die Wahrheit · 1927-06-10 · Heft 25 (10.6.1927) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 25 (10.6.1927)
Date
1927-06-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Immer und überall soll das Wort Gottes dir nahe sein. Eine Religion, die nicht so im Volke lebt, daß die Jugend freudig in ihr webt und aufgeht, hat aufgehört eine Volksreligion zu sein. Traurig genug, daß der Lehrer obendrein des Schlüssels so wenig achtete, daß er ihn verlieren konnte. Aber die Jugend, so weiß der andere Lehrer zu raten, sie soll spielen und sie wird den Schlüssel zurückbringen, um den Worten des Lehrers zu lauschen. Unsere heutige Jugend dürfte sich kaum so zum Lehrhause drängen. Sie geht ganz auf in Spiel und Sport- Die erfüllen die Phantasie, das ganze Sinnen und Trachten schon der Schuljugend. Und doch hoffen auch wir, daß diese Jugend einst wieder aus dem Born der Lehre wird schöpfen wollen, wenn nur wir einen anderen Schlüssel nicht verlieren, den Schlüssel zu ihrem Herzen, wenn wir der Jugend auf ihrem neuen Wege zu folgen jung genug bleiben. Einen solchen neuen Weg wollen wir jetzt kurz mit der Jugend gehen. Unsere Jugend denkt realistisch und läßt als Argumente nur Tatsachen, Wirklichkeiten gelten. Und so werden wir einmal einen flüchtigen Blick auf das Land, das an Wirklichkeitssinn und Nüchternheit alle anderen übertrifft und in dem doch die Zehn Gebote höher als sonst irgendwo auf dem Globus in Achtung und Geltung stehen: Amerika. Amerika ist das Land der Freiheit ganz im Sinne des ersten Gebotes. Schrankenlos kann sich jeder betätigen, der Egoismus hat die besten Chancen. Und doch wird nirgends sonst das Ich so in den Dienst des Anderen gestellt wie dort. Freiwillig errichtet und erhält man die großartigsten Wohlfahrtsanstalten. Wie man dort nicht nur für die eigenen Armen, sondern auch für das fernste Ausland sorgt, davon wissen wir Wiener zu erzählen. Und welche Achtung vor dem Eigentum des Anderen! In einer Studentenmensa steht ein Tisch mit kleiner Münze. Jeder zahlt dort, was er verzehrt, und wechselt Kleingeld ein, ohne Kontrolle, ohne Diebstahl. Am Zeitungsständer wirft man sein Fünf-Cent-Stück ein und nimmt sich seine Zeitung. Geht eine Postsendung nicht in den Briefkasten hinein, so legt man sie unbesorgt darauf. Alles Kleinigkeiten, die aber immerhin die Größe des Volkes, die Höhe seiner Moral bekunden. Doch ein Wurm nagt in diesem stattlichen Baume. Das Familienleben lockert sich in Amerika. Der Mann verbringt seine freien Stunden im Klub. Die Frau, wirtschaftlich vom Manne unabhängig, hat ihren eigenen Beruf,, ihr eigenes Auto und ihren eigenen Klub. Und dieser Flucht der Eltern vor dem Heim entsprechend werden die Kinder dem Elternhaus entfremdet. Die kleinen Kinder kommen in den Kindergarten, die Schulkinder haben bereits ihr Home außerhalb des Hauses, wo sie Wahlverwandtschaft schließen, anstatt in den Blutsverwandten im Elternhause ihre Freunde zu suchen. Besonders die Kinder der Eingewanderten blicken auf die Eltern, denen sie an Bildung überlegen sind, mit Geringschätzung herab. Es bestehen Kurse, in denen die Eltern Gelegenheit finfinden, die Lücken ihrer Bildung zu ergänzen, um den Kindern nicht nachzustehen. Trotzalledem klagen die einsichtigen Patrioten Amerikas, daß die Lockerung des Familienlebens den Bestand des Volkes gefährdet und daß dem Geschlecht von heute die Tugenden jener Zeiten fehlen, die Amerika geschaffen und einen Washington und Lincoln hervorgebracht haben. Nur e i n Volk gibt es, das bis auf die neueste Zeit, bis zum Weltkriege etwa diesen Mangel nicht zu beklagen hatte, in dem Familiensinn und Familienreinheit über jeden Tadel erhaben waren, das sind wir Juden. Vielleicht deshalb, weil der Jude durch die Feindseligkeit der Umgebung immer wieder auf sein Haus zurückgeworfen und angewiesen wurde, wo er allein Freiheit und Freude, Achtung und Menschenwürde finden konnte. Das jüdische Heim hat das Judentum erhalten und so muß auch das Judentum, will es fortbestehen, das jüdische Heim erhalten. Das Judentum der Zukunft wird darnach aussehen, wie es uns gelingt, die Zukunft des Judentums zu sichern, indem wir unsere Jugend für das jüdische Haus durch das jüdische Haus erziehen. Nach der Erziehung im Elternhaus gestalten sich die Beziehungen der Gatten im eigenen Haus. Sie werden am ehesten zueinander passen, wenn sie im Elternheim die passende Erziehung genossen haben. Man sagt Mann und Frau passen sich in der Ehe aneinander an. Das gehört zu den Seltenheiten. Entweder heiratet man jung, dann entwickeln sich die Charaktere erst in der Ehe und diese Entwicklung kann entgegengesetzte Richtungen nehmen. Oder man schließt die Ehe in reifem Alter, dann sind die Charaktere ausgeprägt und Gegensätze nicht leicht zu mildern, geschweige denn auszusöhnen. Mann und Frau müssen zueinander passen, von Haus aus etwas Gemeinsames mitbringen, aus ähnlichen Kulturkreisen stammen, eine verwandte Erziehung erfahren haben. „Dein Volk mein Volk, dein Gott mein Gott", das gibt e i n Herz und einen Sinn, ein Ziel und einen Weg. (Arnos 3,3.) Zum jüdischen Haus erzielt man aber die Jugend nicht durch Wort oder. Schrift, sondern einzig und allein nur durch das Beispiel. Sehen die Kinder die Eltern in glücklicher Ehe, so werden auch sie angeregt, das gleiche Glück zu suchen. Noch immer gibt es törichte Eltern, die das Kind nicht früh genug aus dem Hause geben können. In fremder Umgebung soll es die teuerste, das heißt, wie man meint, vornehmste und beste Erziehung genießen. Noch immer betrachtet man die Kinder als ein Kapital, das den Eltern Zinsen tragen soll. Man erzieht sie nicht für das Leben, für ihre Zukunft und ihr Glück, nicht für sich selbst.^ sondern für die eigene Eltern-Eitelkeit. Das Kind soll Karriere machen, etwas Großes werden. Man fragt nicht, wie die Kinder werden, sondern was sie werden. Als unserem Stammvater Jakob seine Söhne aus Egypten die Nachricht brachten, daß Josef noch lebe, sich liebevoll zeige und vor allem, welche hohe Stellung er einnehme, da ruft Jakob aus: „Genug, Josef lebt. Mein Kind ist er geblieben." Ihn berührt es nicht, daß Josef in Aegypten Minister ist, sondern daß er am Elternhause hängt, sich sein treues Kindesherz bewahrt hat, das erhebt Jakobs Vaterherz. Man bespöttelt gern das Wort von der Mission des Judentums. Allein das Judentum hatte nicht nur eine Mission an die Menschheit, indem es ihr die Zehn Gebote brachte und erhalten hat. Es hat noch heute eine Mission zu erfüllen, indem es der Menschheit zeigt, daß Menschlichkeit ausgehen muß von gesunder Häuslichkeit und daß ein Volk nicht bestehen kann, wenn die Familie nicht rein, die Ehe nicht auf Liebe und Freiheit fest gegründet ist. Aber auch eine innere Mission haben wir zu erfüllen, unsere Jugend soll zu einer glücklichen Ehe im Elternhause erzogen und gestimmt werden. Im Glück und Frieden des jüdischen Heimes wird sie dann den Weg zurückfinden zur jüdischen Lehre. Achten wir deshalb mit allem, was wir im Hause tun, auf unsere Kinder! Sie sind aufmerksame Zeugen mit scharfem Blick und feinem Gehör. Hören .wir auf jedes ihrer Worte, denn diese Worte sind die beste Kritik des Tuns ihrer Eltern. Und aus häßlichen Worten werden böse Taten. Aus dem alten Karthago wird berichtet: Ein Verbrecher war zum Tode verurteilt worden und auf dem Wege zur Richtstätte äußerte er den Wunsch, noch einmal seine Mutter zu sehen. Die Mutter kam und grässliches geschah- Anstatt von ihr Abschied zu nehmen, biß ihr der entmenschte Sohn ein Ohr ab. Und er sprach: „So geschehe jeder Mutter, die auf die Worte ihres Kindes nicht achtet, nicht hört auf die Stimme ihres Mutter-Gewissens." So mögen denn unsere Frauen dem Rate der edlen Noomi folgen: „Kehret um, ihr Frauen, zum Hause eurer Mutter", erziehet euer Kind wir ihr selbst einst erzogen wurdet! Und unseren Vätern ist zu wünschen, daß sie ihr Kind ein Haus führen sehen, das den Ehrentitel „jüdisches Haus" verdient, daß sie im Hause des Kindes wiederfinden den Geist ihres eigenen Elternhauses. Die Ostjuden im Lichte der Wahrheit. Ueber keine Juden der Welt sind wohl mehr Vorurteile verbreitet, als über die sogenannten Ostjuden, also insbesondere die Juden Polens und Rußlands. Und doch sind sie bedeutend besser als ihr Ruf, und so manches ungünstige Urteil läßt sich an der Hand der Geschichte erklären und widerlegen." Man wirft ihnen vor, daß sie sich zumeist mit dem Handel, zu einem kleineren Teile auch mit dem Handwerk beschäftigen. Aber dadurch sind sie durch die geschichtlichen Verhältnisse gezwungen worden. Sie sind seinerzeit, ebenso wie die Deutschen, von polnischen Königen nach Polen eingeladen worden, unter Erteilung von Privilegien, um dort Handel und Gewerbe zum Aufschwung zu bringen. Die Rechte, die man ihnen gab, erhielten sie jedoch nur für die Städte. Zur Landwirtschaft wurden sie nicht zugelassen, ebensowenig zur Aufnahme in die Innungen, die das ausschließliche Recht zum Handwerksbetriebe hatten. So blieb ihnen nur der Handel übrig. Den von den Großgrundbesitzern bedrückten Bauern wurden die Juden als die an ihrer Not allein Schuldigen hingestellt, und obwohl diese nur die Vertreter und Vermittler

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