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Die Wahrheit · 1927-06-10 · Heft 25 (10.6.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 25 (10.6.1927)
Date
1927-06-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT!!!!fflM ltlllllll!lll]IUII!!l!ltllll!l!llll!!ll!l!!!l!!lll!ili Seite 1 liehen Organe unseres Staates und unserer Stadt oder die Willkür unverantwortlicher Ruhestörer ausschlaggebend ist._____ , Die Artikelserie „Materialien zur Geschichte der Entstehung des Kultusgeineindebezirkes Wien XXI. (Floridsdorf), von Rabbiner M. Rosen mann findet in der nächsten Nummer ihre Fortsetzung. Die Ehe. . Aus einer Schabuothrede von Dr. M. Grunwald. Die Zehn Gebote, die, wie wir Juden hoffen, einst die Grundlage der Kultur der Menschheit werden sollen, sind nach einem Ausspruch unserer alten Weisen zunächst Ausdruck dessen, was nach jüdischer Auffassung die Wurzel und Grundlage aller Kultur bildet, des Hauses, der Familie, der Ehe- „Die beiden Tafeln des Bundes sind ein Gleichnis des Brautpaares." Sie lehren uns Bedeutung und Zweck der Ehe in jüdischem Sinne. Die Zehn Gebote, beginnen mit dem Worte: „Ich" und klingen aus in das Wort der „Nächste", der „Andere". Zwischen dem Ich und dem Anderen besteht für den Naturmenschen ein Gegensatz. Der Naturmensch kennt nur sein Ich, er will sich ungehemmt entfalten, über alles, was er sieht, schrankenlos schalten und walten. Dieser Wille stößt auf einen Widerstand, auf den Willen des Anderen, der gleichfalls sein Ich betont. So wird der Andere zum Feind. Der schwächere Feind wird niedergeschlagen oder unterjocht, somit ausgebeutet. Auch das schwächere Weib wird versklavt und so eine Ehe im Naturzustande unmöglich. Dieses Naturgesetz wurde mit dem Auftreten des Judentumes abgelöst durch das Sittengesetz. Das Sittengesetz kennt nicht den Gegensatz „Ich oder Andere", sondern lehrt: „Ich und der Andere". „Als Bruder soll der Andere neben und mit dir leben". „Du sollst den Anderen lieben wie dich selbst". „Ich f ü r den Anderen", das ist der Gipfel der Erfüllung des Sittengesetzes. Doch kein Sittengesetz ist durchführbar, das sich nicht auf ein Naturgesetz gründet. Die natürliche Ichliebe läßt sich nicht unterdrücken. Eine Versöhnung des „Ich" mit dem „Anderen" ist nur möglich durch ein Band, das, indem es bindet, zugleich befreit, das, indem es von dem Ich Rücksicht auf den Anderen fordert das Ich zugleich fördert. Nur ein solches Band gibt es, das uns befreit, all unsere Kräfte zu restloser Entfaltung bringt, indem es uns durch Pflichten an den Anderen kettet, und das ist die Liebe, die Liebe, die die Seele der Ehe bildet. Die einzelnen Glieder dieser Kette bilden die Zehn Gebote, die Worte zwischen dem „Ich" und „dem Anderen." Das erste Gebot sagt: Ich habe dich befreit. Vor Jahrtausenden habe ich freilich deine Voreltern erlöst, aber damit zugleich auch dich, denn in dir leben deine Ahnen fort. Das zweite Gebot lehrt: Was du tust, zeitigt Folgen nicht nur an dir, sondern auch an deinen Kindern bis ins tausendste Geschlecht. Eine Kette läuft von dir hinaus bis zu den spätesten Enkel. Du lebst in ihnen bis zu den fernsten Zeiten. Das dritte Gebot warnt: Entweihe nicht den Namen Gottes! Im Namen Gottes haben deine Eltern dich gesegnet. Entweihe ihn nicht, damit du reinen Herzens und reiner Hand den Segen der Eltern weitergeben kannst an deine Kinder. Das vierte Gebot spricht nicht von Vergangenheit und nicht von Zukunft. Es zeigt die Gegenwart, das Band, das die Mitlebenden um den Tisch des Hauses vereint. „Du und dein Sohn und deine Tochter, das ergebene Hausgesinde des Auf Wunsch zahlreicher Zuhörer ersuchten wir Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Grunwald um einen Auszug aus seiner am vergangenen Schowuothfeste gehaltenen Predigt. Für sein freundliches Entgegenkommen sprechen wir ihm auch an dieser Stelle unseren verbindlichen Dank aus. D. Red. patriarchalischen, gemütvollen Heimes, das treue Haustier und der Fremde, der bei dir Schutz und Hilfe sucht." Ehren sollst du Vater und Mutter, nicht „damit zahlreich seien deine Tage", sondern damit die Jahrzehnte, die dir in diesem Dasein bestimmt sind, „sich verlängern" um Jahrtausende. Ehrst du das Erbe der Eltern, so werden nach deinem Vorbilde es auch deine Kinder ehren, du wirst in frühester Vergangenheit gelebt haben und fortleben bis in die späteste Zukunft. Hast du dieses Glück der Ehe, des Heimes gefunden, dann bist du zufrieden und friedlich gegen den ferner stehenden Anderen. Dir gelüstest nicht nach seinem Besitz. Du tastest nicht an sein Leben, sein Familienglück, seine Habe, seine Ehre. So erweitert sich das Band, das die Gatten vereint, zum Bande der allumfassenden Menschenliebe, auf der Häuslichkeit baut sich auf die Menschlichkeit. Die Zehn Gebote bilden die Grundlage der einen und damit der anderen. Gelten die Zehn Gebote noch heute? Die letzten Wahlen für den Nationalrat brachten neue Parteiprogramme. Eines darunter überraschte durch Originalität. Die Zehn Gebote wollte man zum Programm einer Partei erklären. Ihr schlössen sich besonders die Kleinrentner an, die für Valorisierung ihrer Renten kämpften. Es ist die Frage, ob die Zehn Gebote selbst noch in vollem Werte im Kurse sind und wenn nicht, ob sie sich aufwerten lassen. Man hat gesagt: Schalte nur zehn Minuten lang die Zehn Gebote aus, und die Welt sinkt in das Chaos zurück. Nicht zehn Minuten lang, sondern zehn Jahre hindurch hat man jetzt die Zehn Gebote ausgeschaltet und wirklich ist die alte Welt in Trümmer gegangen, um einem Chaos Platz zu machen. Eine neue Welt aufzubauen gilt es jetzt, Nicht wir Aelteren werden sie aufbauen, sondern die, denen die Zukunft gehört, die Jugend. „Deine Kinder werden deine Erbauer sein." Uns bleibt nur eine Aufgabe: aus dem Schatz unserer Erfahrung die Jugend zu beraten, — wenn sie unseren Rat hören will. Zwischen der Jugend und den Eltern zeigt sich in weiten Kreisen eine Spannung, die sich oft zu offener Feindschaft verschärft. Ein bekannter jüdischer Dichter schrieb einen Roman unter dem Titel: „Nicht der Mörder, sondern der Ermordete ist schuldig". Er schildert darin einen Vater, der so, wie er selbst einst erzogen wurde, streng und hart gegen seinen Sohn, auch als er herangewachsen, die väterliche Autorität geltend macht, nicht sowohl an seine Vaterpflicht denkt, als sein Vaterrecht betont. So erzieht er sich in seinem eigenen Fleisch und Blut einen Todfeind. Und wenn ein solcher Sohn die Mordwaffe gegen den eigenen Vater erhebt, dann ist, so sagt der Dichter, nicht der Mörder schuldig, sondern der Ermordete. Das Judentum will einem solchen Gegensatz vorbeugen, indem es lehrt: „Zeige dich nicht hart und streng gegen das erwachsene Kind, sonst übertrittst du das Verbot: Du sollst vor den Blinden keinen Fallstrick legen." Die heutige Jugend geht neue Wege. Wir können es verstehen. Haben doch die alten Wege zum Weltkriege geführt und unserer Jugend die Kindheit geraubt. Lassen wir sie diese neuen Wege gehen! Schon der biblische Spruchdichter mahnt: „Begleite deinen Sohn auf seinem Wege mit liebevollem Rat", daß sein Weg kein Irrweg werde. Der Talmud erzählt: Eines Sabbats, als der Vortrag im Lehrhaus stattfinden sollte, konnte der Lehrer den Schlüssel zum Beth-Hamidrasch nicht finden. Er holte sich bei einem Kollegen Rat und der empfahl ihm: „Lasse die Kinder nur auf der Wiese spielen, sie werden den Schlüssel finden und dir bringen." Schon damals, so sehen wir, gab es Gemeinden, in denen nur am Sabbat im Lehrhause vorgetragen wurde. Die Lehre soll aber dort, wo das Judentum lebendig ist, Tag und Nacht sich hören lassen. „Wenn du sitzest daheim, wenn du gehest deines Weges, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst" |^| g g LFAB R I K FERNSPRECH-NUMMER 45-1-91 ^^ürtlPPEMHEI WIEN, 2. BEZ., PRATERSTRASSE NR. 30 ^n^nm^n^n^n^n^nm^n^mm^n^mnm Reiche Auswahl solid gearbeiteter Möbel zu billigsten Preisen

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