Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 25 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 MI ItilDIlllilllllimitlllfillJllillB DIE WAHRHEIT Von jüdischen Fliegern. Charles A. Levine zum Gruß. Die bevorstehende Anwesenheit des kühnen Begleiters und Beistandes Chamberlins in unserer Stadt erinnert an frühere Leistungen der Juden auf dem Gebiete der A v i a t i k und Aeron a u t i k. Der Oesterreicher, der das Deutsche Museum in München besucht, wird von gemischten Gefühlen bewegt. Mit Stolz sieht er, wie Oesterreicher im Brücken-, Bahn- und Tunnelbau Pionierarbeit geleistet haben. Aber Wehmut beschleicht ihn, wenn er als erste Bergbahn die Bahn auf den Kahlenberg verzeichnet findet und bedenkt, was aus ihr wie aus dem ganzen Oesterreich, jetzt geworden ist. Die Stimmung belebt sich aber wieder angesichts der Würdigung, die einem Siegfried Markus und anderen zuteil wird, deren Erfindungen auf Wiener Boden das Licht der Welt erblickt haben. Daß zu denen, die dort genannt werden, aber auch zu solchen, die übergangen sind, Juden zählen, verdient auf diesen Blättern besondere Betonung. Aus einer Uebersicht über „Juden als Erfinder und Entdecker", die der Unterzeichnete im Jahre 1913 in der Zeitschrift „Ost und West" zusammengestellt hat, und aus der dann Auszüge in verschiedene Bücher und Blätter Eingang gefunden haben, sei hier einiges angeführt. S. Markus, meist nur als Erfinder des Benzinautomobiles bekannt, hat bereits in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hier in Wien die Verwendung des Benzinmotors für ein Luftschiff geplant. Popper-Lynkeus beschäftigte sich seit seinem 16. Lebensjahre mit dem Problem der Luftschiffahrt. Auf dieser Bahn erfand er den Luftkondensator. Außer in einigen Zeitschriftenaufsätzen behandelte er den Gegenstand in seinem 1889 erschienenem Buche „Flugtechnik" und in dem 1911 herausgegebenen Werke „Der Maschinen- und Vogelflug". Praktisch verdankt man ihm die Anwendung des Gyroskops in der Flugtechnik, die Anregung zur Herstellung von Landungshäfen für lenkbare Luftschiffe, sowie eine Verbesserung der Propellerschraube. Als jüdische Erfinder von Flugmaschinen sind Davidson und der Wiener R u m p 1 e r zu nennen. Von jüdischen Luftschiffern kommen in Betracht der Oesterreicher Berson, Professor an der aeronautischen Station Lindenberg bei Berlin, dessen Bild neben dem Wilhelms II. auf den deutschen Fliegerdiplomen zu sehen ist, A bramowitsch, ein Enkel des bekannten Schriftstellers Mendele Moicher-Sforim, eine große Anzahl von Militärfliegern, über deren hervorragende Taten ein eigenes Buch berichtet, sowie Aufsätze im „Schild'* dem Vereinsorgan der jüdischen Frontkämpfer Deutschlands. Der hier in Wien verstorbene und beerdigte David Schwarz ist als Erfinder des ersten lenkbaren Luftschiffes aus Aluminium zu nennen. Das Modell eines Luftschiffes nach einem neuen System ist dem Kürschnermeister Goldschmied in Wien 1911 in Oesterreich patentiert worden. Die astronomische Ortsbestimmung eines Luftschiffes wird durch Apparate ermöglicht, die Professor Markuse an der Berliner Universität erfunden hat. In der „IIa" in Frankfurt war mancher Jude vertreten. Unter den Förderern der Aviatik ist nun neben Deutsch de la Meurthe in Paris und anderen auch L ev i n e zu nennen. Dr. M. Grunwald. Privilegierte jüdische Aerzte. In Rom, in der vormals allbekannten deutschen Buchhandlung von Löscher, nunmehr P. Maglione & C. Strini, ist vor einigen Jahren ein Buch des jetzt in Palästina weilenden Dr. Qiacomo Blustein: Storia degli Ebrei in Roma — Geschichte der Juden in Rom — herausgekommen, aus dem wir eine Probe in der autorisierten Uebersetzung von Margarete Marasse zum Abdruck bringen. Am 8. August 1385 setzte der Senat den Tribut, den die jüdische Gemeinde zu Rom zu zahlen hatte, um 30 Goldgulden, so lange die beiden Chirurgen und die männlichen Nachkommen des hebräischen Arztes Angelo lebten, herab, und zwar mit der Begründung, daß diese Männer „ihre Dienste willig umsonst leisteten, daß sie den Armen und Bedürftigen helfen, indem sie sie heilend behandeln und daß sie nie danach trachten, Geld zu erhalten." Wörtlich wiedergegeben heißt es im lateinischen: „Libenter gratis serviunt et pauperibus et egentibus in medendo subveniunt, et pecunias exigere non curant." Bonifazius IX. bestätigte im Jahre 1399 die Immunität, welche der Senat dem Angelo und Maduele, „Juden des Stadtviertels Trastevere, die dort als Chirurgen tätig sind", zugesprochen, indem er ausdrücklich betonte, „daß sie gütig sind, daß sie stets bereit sind, den Armen zu dienen, und daß sie sich durch eine außerordentliche Fachkenntnis auszeichnen." Unter den Diplomen, welche Päpste jüdischen Aerzten ausgestellt haben, ist das folgende, hier aus dem Lateinischen übertragen, eines der charakteristischesten: „Im Namen Gottes Amen. Wir, Francesco de Panciaticis, Ritter aus Pistoja und Doktor der Rechte, hochwohlgeborener Senator der Stadt Rom, Wir, Neugestalter der Stadt und Verwalter des römischen Volkes im Frieden und im Kriege, entbieten dem hochgelehrten Magister Elias Sabbas, Jude, Arzt, Physiker und Doktor der Medizin, Unseren Gruß und versichern ihn Unserer Gunst." „Wie entschieden man auch die Ungläubigkeit der Juden, die immerhin Geschöpfe des Herrn der Welt sind, zurückweisen, wie scharf man ihre Hartnäckigkeit in diesem Unglauben bekämpfen muß, so erscheint ihre Erhaltung in gewissem Sinne doch nützlich, ja notwendig für die Christen, vornehmlich diejenige der Männer, die in der Medizin bewandert sind und die sich den Christen dienlich erweisen, indem sie ihnen beistehen, die verloren gegangene Gesundheit zurückzuerobern. Da nun, Du, wie es Uns die Erfahrung lehrt, durch Deine rühmlich bekannte medizinische Kunst sowohl früher wie auch jetzt nicht nur Unsere Mitbürger, sondern auch viele Fremde, die Deine Hilfe anriefen, geheilt hast, und da Wir es gesehen und in Betracht gezogen haben, daß Dein Leben als Wiederhersteller der Gesundheit der Römer und anderer nützlich und heilsam sein kann, so ernennen Wir Dich zum römischen Bürger."*) Der neue Bürger mußte zunächst auf die hebräischen Bücher schwören, er erhielt das Recht, Waffen zu tragen, ein Stipendium von 20 Skudos im Jahre und die Vergünstigung, von den Steuern für das Spiel befreit zu sein. Im Jahre 1392 richtete Papst Bonifazius IX. den folgenden Brief an einen jüdischen Arzt: „Bonifazius etc. Dem geliebten Sohn Angelo, Sohn des Manuele, Jude aus dem Bezirk von Trastevere, Jude von Geburt, Arzt und Unser Diener,' Unseren Gruß zuvor! Da Uns eine sorgfältig geprüfte Erfahrung davon überzeugt hat, daß Pich der Schatz der Rechtschaffenheit, der Gerechtigkeit und kraftvollen Tugend schmückt, daß Du, wie Du es längst bewiesen hast, gern und willig wirkst, mit lobenswerten Vorsätzen und dem allerregsten Eifer, und da wir von Deinem Ruhm und Deiner Rechtlichkeit gehört haben, Dir gewogen und geneigt sind, Dir einen würdevolleren Titel zu verleihen, so nehmen wir dich auf als Unseren Arzt und den des Apostolischen Stuhls und als Angehörigen Unserer Hofhaltung, unter den Schutz der Heiligen Peter und Paul, sowie unter ) Codex diplomaticus domini temporalis S. Sedis. ed. Theiner. Band III. S. 147, zitiert von Berliner, Geschichte der Juden in Rom, Band II, S. 64.