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Die Wahrheit · 1927-06-03 · Heft 23-24 (3.6.1927) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 23-24 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 20 lillllNIlPlllllllllininillll^ DIE WAHRHEIT Erfolg. Die Mittel, durch welche er diesen Erfolg erringen konnte, waren allerdings sehr zweifelhafte, ja geradezu verwerfliche. Er schrieb nämlich in einem wissenschaftlich sein sollenden Aufsatze im „Hammer" folgendes: ,-Der Professor Albert Einstein hielt am 31. März einen Sendevortrag zum 200. Geburtstag Isaak Newtons. Die Hörer mögen soweit sie ein selbständiges Urteil besaßen, über die Kläglichkeit dieser Hersage baß erstaunt gewesen sein — mehr noch über die dreisten Worte, mit denen der Redner drei Klassen großer Männer unterschied, darunter die der größten ..Vergewaltiger und Massenmörder", von denen allein man in der Schule zu hören bekommt. Es wäre an der Zeit, daß dieser polnische Jude dahin ..vergewaltigt" werde, von wo er gekommen ist" Hat es einein Sinn, sich darüber zu emoören oder zu entrüsten? Man kann nur darüber lächeln und Herrn Willibald Hentschel den guten Rat geben, sich nicht so zu benehmen, wie jener Köter, der einmal einen sehr weisem Man?) anbellte, als dieser über d'e Straße ging. Der besagte Hund konnte absolut nicht verstehen, daß sich die Menschen ehrfurchtsvoll vor dem Weisen verneigten, wurde dadurch nochmahir gereizt und bellte um so stärker. Ein Beispiel jüdischer Energie und Zähigkeit. Die New-Yorker Blätter berichten von der Tat einer jungen russischen Jüdin, der Emigrantin Zirl Lederm a n n, welche von außerordentlicher Willenskraft zeugt und wieder einmal die Unrichtigkeit der Redewendung vom „schwachen Geschlecht" schlagend widerlegt. Die Genannte wurde bei ihrer Ankunft im Lande der Freiheit von der Einwanderungsbehörde zurückgewiesen, weil sie nicht lesen und schreiben konnte. Sie hätte gemäß den Einwanderungsvorschriften, welche Analphabeten das Betreten amerikanischen Bodens verbieten, mit dem gleichen Schiffe, mir dem sie gekommen war, nach Rußland zurückkehren müssen; doch dieses Schiff ging erst nach 25 Tagen wieder in See. Und das war ihr Glück; denn 25 Tage sind zwar eine kurze Zeit, doch lange genug für den, welcher sie richtig auszunützen weiß. Zur großen Ueberraschung des Einwanderungsamtes meldete sich nämlich Mis Zirl am Tage der Abfahrt des Schiffes zur neuerlicher Prüfung und bestand diese glänzend. Sie hat mit einer Willenskraft, die verfolgten Juden eigen ist, die Galgenfrist dazu benützt, um Lesen und Schreiben zu erlernen, und sich so davor bewahrt, nach Rußland zurückgeschickt zu werden. Sie wurde zur Landung zugelassen. -Bewährungsfrist" für Theodor Fritsch! In seinem „Hammer" veröffentlicht Theodor Fritsch folgenden Gerichtsbeschluß, der ihm aus Hamburg nach seiner Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis wegen gröblicher antisemitischer Beleidigung des Herrn Max M. Warburg zuging: „Dem Schriftsteller Theodor Fritsch in Leipzig, der durch Urteil der Strafkammer I vom 22. Oktober 1926 wegen Beleidigung zu 4 Monaten Gefängnis verurteilt ist, wird die Möglichkeit eröffnet, durch gute Führung (wie macht er das? D. Red.) die Vollstreckung der Strafe abzuwenden. Dem Verurteilten wird Strafaufschub gewährt bis zum 1. Mai 1929. Falls er bis zum 1. Oktober 1927 eine Geldbuße von RM 1000.— zahlt und ferner bis zum angegebenen Zeitpunkt gut führt, hat er den gnadenweisen Erlaß der Strafe zu erwarten. Im Falle schlechter Führung, insbesondere bei erneuter Begehung einer Straftat wird der Strafaufschub widerrufen. Strafkammer I., gez.: Lührsen, gez.: Helmers, gez.: Schmidt" — Aus der Tatsache, daß Fritsch diesen Gerichtsbeschluß ohne Kommentar veröffentlicht, schließen wir, daß er den Maulkorb brav zu tragen gewillt ist Spaltung der rumänischen antisemitischen Partei. Der berüchtigte rumänische Antisemitenführer C u z a hielt vorige Woche in Jassy eine Versammlung ab, bei der er vier Mitglieder des Vollzugsausschusses, die auch Abgeordnete seiner Partei sind, aus der Partei ausschloß. Die ausgeschlossenen Abgeordneten hielten zu gleicher Zeit in Bukarest eine Sitzung ab, in der sie den Chef der Partei, Professor Cuza aufforderten, sich wegen seiner Abwesenheit zu rechtfertigen, widrigenfalls sie ihn der Präsidentenwürde für verlustig erklären würden. — Leider aber haben wir Juden keine Ursache, die lachenden Dritten bei diesem häuslichen Streit zu mimen denn so weit die Ansichten der feindlichen Brüder auch auseinandergehen mögen — in einem sind säe sich einig: im Judenhaß. Intet HboDDiifen für die „Wahrheit" I x *?«m Wodke %u Wocfte ^§ Das Sterbegebet als Lebensretter. Der in Amerika lebende bekannte Kantor Rot mann, der zu kurzem Aufenthalt in London angekommen ist, berichtet in der Londoner „Zeit" von seinen Erlebnissen zur Zeit der furchtbaren russischen Pogrome, die er, der ein russischer Jude ist, in ihrer ganzen Schrecklichkeit miterlebte und von denen er nur wie durch ein Wunder errettet wurde. Oder war es wirklich ein Wunder? Es war im Jahre 1918 in Elisabethgrad, einen Tag nach dem großen Pogrom in dieser Stadt. Die Leichen der massakrierten Juden lagen noch auf den Straßen, als Rotmann ankam, um seine Familie zu holen. Gleich nach seiner Ankunft wurde er von den Heidamaken zusammen mit vielen anderen Juden auf Befehl des Kommandanten unter Knutenhieben zum jüdischen Friedhof getrieben. Dort wurden' sie in einer Reihe aufgestellt. Nachdem der Kommandant den Soldaten den Befehl erteilt hatte, sich schußbereit zu machen, trat Rotmann aus der Reihe und bat den Kommandanten, ihm zu erlauben, vor seinem Tode noch laut für sich und seine tem Tode geweihten Leidensgenossen die Sterbegebete zu verrichten. Der Kommandant erteilte. die Erlaubnis und Rotmann trug weithin hörbar das Sündenbekenntnis und die übrigen Gebete in einer Welse vor, daß der Kommandant vor Rührung den Soldaten den Auftrag gab, ihre Gewehre zu senken. Als Rotmann fertig war, trat er wieder in die Reihe zurück und meldete: „Ja gotow!" („Ich bin bereit!") Der -Kommandant klopfte dem jungen Chasan auf die Schulter und sagte: „Junger Mann, du bist ein außergewöhnlicher Jude. Es wäre eine Sünde, dich zu erschießen. Geh' und nimm die andern mit!" Auf diese Weise erretteten die Sterbegebete den gottesfürchtigen Chasan und seine Genossen vor dem sicheren Tode. Die Geschichte gewährt aber auch einen Einblick in die Tiefen der russischen Volksseele, die trotz der furchtbaren Pogrome und grausamen Judenverfolgungen nicht so schlecht und gefühllos gewesen ist, als es angesichts der furchtbaren Greuel den Arischein haben könnte. Nur eine abscheuliche, von den höchsten Kreisen unterstützte Hetze konnte die im Grunde genommen gutmütigen Menschen zu reißenden Tieren machen, die mordend und plündernd über die Wohnstätten ihrer jüdischen Mitbürger herfielen. Die Warschauer Stadtratswahlen. Die Wahlen in den Warschauer Stadtrat, welche mit Rücksicht auf die noch in diesem Jahre stattfindenden Wahlen in den Sejm von Bedeutung sind, haben keinen arbeitsfähigen Stadtrat ergeben und es ist anzunehmen,, daß es in absehbarer Zeit zu neuen Stadtratswahlen kommen wird. Die jüdische Bevölkerung Warschaus hat infolge der Zersplitterung der jüdischen Stimmen statt der erwarteten 35 nur 27 Mandate erobern können. Von den jüdischen Parteien haben die b ür gerIi ch-na tional en Gruppen eine Schwächung erfahren, sie haben nur 15 Mandate (gegen 19 im Jahre 1919) erlangt. Davon sind 3 Zionisten (früher 3), 3 Orthodoxe (früher 4), 1 Misrachi (0), 3 vorn) Zentralverband der Kaufleute (4), 3 vom Zentralverband der Handwerker (0), 1 vom Verband der Detaillisten (0). 1 vom Verband der jüdischen Frauen. Das Ergebnis der Stadtratswahlen läßt außerdem einen bemerkenswerten Zug nach links unter der jüdischen Bevölkerung Warschaus erkennen, welcher für den jüdischen Arbeiterburid einen Gewinn von 2 Mandaten (jetzt insgesamt 7 Mandate), für die linken Poale Zion einen solchen von 1 Mandat (jetzt 3 Mandate) ergab._ Die vorliegende Doppelnummer ist 24 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint infolge der Feiertage Freitag, den 17. d. M. Eine Konferenz im Gefängnis. In den Zwischentagen des Pessach wurde in W i 1 n a die erste Konferenz der jiddischen Lehrerschaft Polens abgehalten. Grundlagen und Prinzipien des Aufbaues einer normalen jüdischen Schule wurden festgesetzt und beschlossen, daß die jüdische Schule eine weltliche und ihre Unterrichtssprache jiddisch sein müsse, Da die Konferenz illegal abgehalten wurde, wurden die Delegierten von der politischen Polizei verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Dort fanden die Schlußberatungen statt und wurden die Entschlüsse gefaßt.

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