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Die Wahrheit · 1927-06-03 · Heft 23-24 (3.6.1927) · page 19

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 23-24 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
– (sequence 19)
Language
German
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DIE WAHRHEIT 1111DDIM Seite 19 der christlichsozialen Partei die bevorstehende Kriegsführung bereits klar zurecht gelegt haben werde, um für die künftige Regierung sich eine verläßliche Majorität zu sichern. Daß die sozialdemokratische Partei als so starke Minorität sich ihrer Position von vornherein völlig bewußt blieb, steht außer Zweifel. Die Anzahl ihrer Mandate ermöglicht es dieser Partei, alle Gesetzesvorlagen, die ihr nicht passen, zu hintertreiben und auch positiv alle Maßnahmen, welche sie von ihrem Standpunkte aus für opportun hält, durchzusetzen, ohne dabei den verfassungsmäßigen Weg verlassen zu müssen. Diese Partei hat in ihrer bekannten Voraussicht und Beherrschung der Wahltechnik sofort durchblickt, was seitens der christlichsozialen Partei beabsichtigt war, als Dr. Seipel als Bundeskanzler wiederkehrte, und hat die Wahlkampagne und alle Vorkehrungen hierzu zeitgerecht eingeleitet. Daß. die Sozialdemokraten streng vertraulich gefaßte Beschlüsse der Regierungspartei vorzeitig und genauestens erfahren konnten, hat ihnen die Arbeit wesentlich erleichtert und bewirkt, daß der große Generalstab schlagfertig und aktionsbereit bereits in Front stand, als der offizielle Beschluß gefaßt wurde, den überlebten Nationalrat aufzulösen. Um so mehr sollte man glauben, daß auch auf Seite der christlichsozialen Partei alles richtig in die Wege geleitet war. was m den vielen Konferenzen im November und Dezember 1926 festgelegt wurde, allein die Wirklichkeit lehrt, daß dem nicht so ist. Die antimarxistische Front hat gleich in der Stunde ihrer Geburt die Unmöglichkeit bewiesen, mit Erfolg in den Wahlkampf zu treten, denn die Unaufriehtigkeit in ihrenReihen schließt eine erfolgversprechende Arbeitstätigkeit von vornherein aus. Der Bürgerstand und mit ihm die Selbstproduzierenden samt den Angestellten hatten längst erkannt, daß die Konsumierung des Substanzwertes durch die bisherige Wirtschaftstätigkeit die weitere Existenz Oesterreichs unmöglich macht, und gerade sie sollten zusehen, daß es jetzt endgültig dazu kommen soll» daß d i e s o verhängnisvolle Nationalitäten- und Rassenpolitik, die nicht nur jeder VernunftwidersprichJ, sondern auf das Wirtschaftsleben zersetzend wirkt, in Oesterreich verkettet werden soll mit dem christlichsozialen Programme so zwar, daß auf der einen Seite die Tendenz der Sozialdemokraten, die Sozialisierungswünsche und alle anderen Träume der Marxisten möglichst zu erfüllen, auf der anderen Seite aber der Standpunkt, die Arbeit nicht nach ihrer Leistung, sondern nach Herkunft und Gesinnung der Arbeitstätigen zu werten, in Einklang gebracht werden sollen. Zwei derart unvereinbarliche Extreme können auf dem zermürbten Ackerboden unseres Wirtschaftslebens niemals eine Saat gedeihen lassen. Niemals hätte die antimarxistische Front den gesamten Bürgerstand, wie auch die Arbeitnehmer aller Kategorien in sich vereinigen können unter dem leeren Schlagworte von der Ausschaltung der trennenden Momente während des Wahlkampfes dies nur für dessen Dauer, um nachher in die alten Feh 1 er wieder zurückverfallen zu dürfen. Auf dieser Grundlage ist eine wirkliche Einheit nicht zu erzielen gewesen, noch weniger aber durch die Albernheit daß man auch jene Gruppe, welche allein sich zum Arierparagraphen bekennt, mit eingeschlossen hat. Dieser schwere Geburtsfehler, wenn gleich er auch aus angeblich taktischen Gründen im Gewerbeverein verursacht wurde, beweist wie kurzsichtig und unklug die Parteileitung vorging und wie sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Hierzu kommt noch, daß es nur vernünftig gewesen wäre, die Kandidaten nicht lediglich vom Arierstandpunkte aus auszuwählen, sondern sie ohne Unterschied der Konfession der Wahlwerber zu nominieren und so zu beweisen, daß die Einheitsfront ihren Namen verdient. Ein anderer schwerwiegender Fehler haftet der Einheitsliste dadurch an, daß sie wiederum durchwegs nur Männer der Vergangenheit aufweist, gleichviel, ob einer rühmlichen oder einer unrühmlichen, aber jedenfalls zünftige Berufspolitiker, die sich schon allzuviel an Versprechungen geleistet haben, welche sie niemals einlösten und dadurch an Autorität Einbuße, auch in den eigenen Reihen erlitten haben. Taktisch richtig wäre es gewesen, neue Männer heranzuziehen, an denen ja kein Mangel ist. Wafkvfkeiten vom Sfage Optimismus. Gewiß ist der Optimismus, das ist die günstigste Auffassung von der Welt und den Dingen, das Vertrauen auf die Zukunft, eine der hervorstechenden Eigenschaften im Charakter des jüdischen Volkes. Wie hätte auch dieses Volk, das wie kein zweites auf Erden gequält, gemartert und in seiner Existenz bedroht wurde, den Glauben an sich selbst nicht verlieren sollen ohne das feste Vertrauen auf eine Besserung seiner Lage? Aber, so groß auch sein Optimismus gewesen sein mag, nie hat es hierbei die Grenzen des Möglichen aus den Augen verloren, niemals hat es sich durch falsche Vorspiegelungen oder durch Selbsttäuschung seinen gesunden Sinn, das Verständnis für das Tatsächliche und historisch Gegebene rauben lassen. Diese Mischung von festem Vertrauen auf die Zukunft und klarer Erkenntnis der Gegenwart, die man mit einem Fremdwort als optimistischen Realismus bezeichnen könnte, sie war die Stärke Israels, sie hat ihm die Kraft verliehen, allen Nöten des Lebens Trotz zu bieten. Behalten wir unseren Optimismus, der gewiß ein Ausfluß unseres Glaubens an Gott ist. aber lassen wir uns auch unseren Sinn für das Tatsächliche und das Mögliche nicht verwirren. Betrachten wir die Dinge, zumal in Palästina, so, wie sie wirklich sind, und nicht wie wir wollen, das sie sein mögen. Versuchen wir nicht, uns selbst oder anderen einzureden, „daß die politische Lage des Zionismus seit 1917 niemals so günstig gewesen sei wie jetz t", wie dies Oberrabbiner Doktor C h a j e s, wenn auch gewiß in bester Absicht, jüngst in einem Vortrage getan hat. Der Genannte, welcher kurz vorher von der jüngsten Tagung des Zionistischen Aktionskomitees in London zurückgekehrt war. hielt nämlich vor kurzem in einer vom Zionistischen Landeskomitee für Oesterreich veranstalteten Versammlung in den Olympiasälen eine interessante Rede über „Die gegenwärtige Lage im Zionismu s", in welcher er die auf der Tagung gewonnenen Eindrücke in dieser optimistischen Form zusammenfaßte. Dr. Chajes berührte zwar auch die furchtbare wirtschaftliche Krise, welche gegenwärtig in Palästina herrscht, doch scheint er das Schwergewicht nicht auf die ökonomischen sondern nuf die politischen Verhältnisse zu legen. Doch selbst dann, v/enn man von der labilen wirtschaftlichen Lage des Landes absieht, kann die politische Lage auch nur einigermaßen als stabilisiert angesehen werden? Dr. Chajes kennt die Schwierigkeiten, mit welchen das britische Weltreich im nahen und im fernen Osten zu kämpfen hat und die durch den Bruch mit Sowjetrußland nur noch vergrößert werden zu sein scheinen, er hat sicher die Araberfrage genau studiert und ihn dürften auch die Anstrengungen, die der italienische Imperialismus macht, im vorderen Orient festen Fuß zu fassen, ebensowenig unbekannt geblieben sein, wie er die äußerst gespannte politische Lage in Aegypten. Dr. Chajes snrach auch über die innere Lage des Zionismus, der aus dem Stadium der Versuche herauskommen und den Weg ruhiger ökonomischer Konsolidierung antreten müsse. Dies ist auch unsere Meinung und wir können dem Herrn Oberrabbiner nur vollkommen beipflichten, wenn er sagte: „Klar ist, daß für uns die Frage des Palästinaaufbaues nur eine rein ökonomische sein kan n." Auf dieser rein ökonomischen Basis wäre auch ein Zusammenarbeiten aller Juden, die den Wiederaufbau des Heiligen Landes erstreben, zu erreichen, vorausgesetzt, daß die politischen Aspirationen im Interesse der Wirtschaft zurückgestellt werden. Und Wirtschaft, das ist ja gerade das, was dem Lande so dringend not tut. Wirtschaften aber heißt, optimistischen Realismus praktisch betätigen: denn keine Wirtschaft ist möglich ohne das Vertrauen der Wirtschaftenden in das Gelingen ihrer Unternehmung, keine Wirtschaft ist möglich ohne die klare Erkenntnis der wirklichen Verhältnisse, ihrer Bedingungen, Erfordernisse und Notwendigkeiten. Isaak Newton. Albert Einstein und Willibald HentscheL Vorerst eine Entschuldigung: Wir wissen recht wohl, welches Verbrechen wir uns haben zuschulden kommen lassen, indem wir diese drei Namen in einem Atemzuge genannt haben. Doch die an diesem Sakrileg Schuldigein sind nicht wir, sondern der letzte der Genannten. Dieser gänzlich unberühmte, und in den weitesten Kreisen unbekannte Herr hat es nämlich durchgestzt, mit zwei so berühmten Männern wie Newton und Einstein zugleich genannt zu werden und das ist immerhin ein

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