Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT liililillllluilllilliiilllilllllllüUilllUN Seite 17 Freuen wir uns heute am Jubeltage der Arbeit und des Werkes, aber seien wir eingedenk der Pflichten, die wir tragen. In Eintracht und Liebe, in Gottvertrauen und voll Hoffnung wollen wir wie bisher auch weiter hüten und hegen die heilige Thora, Israels köstlichstes Gut, daß Gottes Segen und Wohlgefallen ruhe auf uns und unseren Werken, um Gunst zu finden vor Gott und Menschen, um Segen zu ernten hienieden und im Jenseits. Amen!" Den Schluß der Feier bildeten die mächtigen Klänge des Psalnuesl „Die Hammel rühmen des Ewigen Ehre" in der Vertonung von Beethoven. Ein besonderes Lob gebührt dem Chor, welcher unter der vortrefflichen Führung des Herrn Viktor T a u s s i g stand und sich aus den Damen Gretl Weiß, Präsidentin des Frauenvereines. Mitzi Gruß, Therese Glaser, Helene Bruckner, Eva Spitz, Olga May, Lotte Lüftschütz, Valerie Glaser, Edith 0 r 1 i k, Hanni Herzhaft, Margarete Bruckner, Gretl Voltär, Erna Gans, und die Herren Camülo Schiller, Ernst U n g e r, Hermann H u s s e r 1, Eduard Spitz zusammensetzte. Rühmend zu erwähnen ist die hervorragende Leistung des Organisten und DLregenten Herrn Georg Wolfsgruber. Um 1 Uhr nachmittags fand im Bildersaale des Kaufmännischen Vereines ein Festbankett zu 130 Gedecken statt, welches von dem unter Führung des Herrn Emil Bruder stehenden Herren- und dem unter der Leitung der Frau Kafka stehenden Damenkomitee arrangiert war und einen glanzvollen Verlauf nahm. Präsident Benedikt Schwager begrüßte die Teilnehmer und ganz besonders die Festgäste aus Nah und Fern und gab einen Rückblick über die Geschichte des Tempels, welche zugleich die Geschichte der neuen jüdischen Gemeinde in Linz ist. Er gedachte in seiner Rede der von einigen Monaten stattgehabten Zentenarfeier des Wiener Stadttempels, bei welcher er die Linzer Gemeinde zu vertreten die Ehre gehabt habe, und hob die innige Beziehung hervor, welche die beiden Schwestergemeinden schon seit Jahrzehnten verbinden. Einen treffenden Ausdruck dieser innigen Beziehungen bietet die Tatsache, daß die Wiener Gemeinde zur Einweihung des Linzer Tempels vor 50 Jahren den besten Kanzelredner seiner Zeit, ihren Dr. Adolf J e 11 i n e k und den Sänger aller Sänger, ihren Salomon Sulz er entsendet hatte. Aber nicht nur mit der Wiener, sondern auch mit den übrigen jüdischen Gemeinden Oesterreichs unterhielt die Linzer Gemeinde die freundschaftlichsten Beziehungen; Beweis dafür sei die .zahlreiche Beteiligung der österreichischen Gemeinden, welche hervorragende Vertreter delegiert haben, an der Feier. Wenn wir uns die Taten und die Wirksamkeit unserer Vorfahren vor Augen halten, dann müssen wir, sagte Präsident Schwager, uns sagen, daß wir ehrlich bestrebt waren, einen Weg einzuschlagen und zu wandeln, den sie uns vorgezeichnet haben; leider hat unsere Gemeinde durch die Stadtflucht viel verloren und besonders durch den Tod, der uns so viele hervorragende Männer und Frauen grausam entrissen hat. Doch eines Mannes muß hier gedacht werden, der glücklicherweise noch unter den Lebenden weilt, des greisen Schriftstellers Albert Low, der erst vor kurzem seinen 90. Geburtstag gefeiert hat und zu den Gründern unseres Tempels gehört. Im Jahre 1911 wurde die Schwestergemeinde Salzburg gegründeter wir zur Selbständigkeit verholten haben. Ich selbst habe die Ehre, mehr als 20 Jahre als Präsident der Kultusgemeinde zu wirken und gehöre dem Vorstand derselben seit 37 Jahren an. Wenn es mir gelungen ist, die Gemeinde über so viele Fährlichkeiten hinwegzuführen und zumal in der schweren Kriegszeit zu erhalten, so habe ich diesder Mitarbeit der Mitglieder des Vorstandes und der treuen und gewissenhaften Pflichterfüllung der Gemeindefunktionäre und Beamten zu verdanken. Ihnen allen sei bei dieser Gelegenheit der herzlichste Dank für ihre ersprießliche Tätigkeit und die mir gewährte wertvolle Unterstützung ausgesprochen. Stürmischer Beifall lohnte die trefflichen Ausführungen des allverehrten Präsidenten. In einer ausgezeichneten Rede schilderte nun Vizepräsident Emil Bruder die großen Verdienste, die sich Benedikt Schwager, der dem Vorstande seit 37 \Jahren angehört, um die Linzer Gemeinde erworben habe. Benedikt Schwager hat bereits als Vorsteherstellvertreter in verhältnismäßig jungen Jahren die Zügel der Gemeinde übernommen und wurde im Jahre 1907 zum Vorsteher gewählt. Der zielbewußten und aufopferungsvollen Führung dieses ausgezeichneten Mannes sei es in erster Linie zu verdanken, daß die Linzer jüdische Gemeinde trotz den Fährlichkeiten der letzten zwanzig Jahre aufblühen und gedeihen konnte und daß keine jüdische Institution in Linz bestehe, die nicht mit dem Namen Benedikt Schwager aufs engste verknüpft sei. Ganz besonders hob Herr Bruder die Tätigkeit des Vorstehers während des Krieges hervor, in welchem er sich nicht weniger als 20.000 der verarmten und bedauernswertesten ostjüdischen Flüchtlinge mit der ihm eigenen Herzensgüte angenommen habe. Die danbkare Gemeinde habe ihm, in Anerkennung seiner großen Verdienste das Höchste, was sie überhaupt zu geben habe, die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Ein Beifallssturm brauste durch den Saal, als Präsident Schwager nun vom Vizepräsident Bruder das Ehrendiplom, das ein künstlerisches Meisterwerk ist, entgegennahm. Geistvoll und packend wußte Dr. O r n s t e i n. der namens der Wiener Gemeinde sprach, aus der Festschrift, die historische Arbeit über „Die Juden in Linz" für den festlichen Tag zu nützen. Die Erinnerung an zwei Männer, so führte er aus, denen das Judentum dauernden Dank bewahren muß, wird jetzt lebendig. Die Anwesenheit der Frau Professor Dr. K u r r e i n, die eine Tochter des gefeierten Orientalisten und Begleiters Montefiores, Dr. Louis Loewe, ist und vor 50 Jahren die Verbindung der Gemeinde Linz mit dem großen Philantrophen Montefiore geschaffen hatte, führt zu diesem Vorbilde für Glaubenstreue und Menschenliebe. Die historisch-denkwürdige Tatsache des Aufenthaltes Reuch- 1 i n s in Linz, der hier bei dem jüdischen Leibarzte Friedrichs III. Jakob ben Jechiel L o a n s lernte, verbindet uns mit dem großen Humanisten, der als erster für das Bürgerrecht der jüdischen Wissenschaft und der Juden selbst mutvoll und erfolgreich eingetreten ist. Menschenliebe und Menschentum auf der einen Seite, auf der anderen eine traurige Erinnerung, die die Festschrift wachruft: Die sogenannten „Repressalien", denen die Juden auf den Linzer Märkten unterworfen waren. Aber gerade dies zeigt im Widerspiel den Satz: alle Juden haften für einander. Doktor Ornstein ließ eine Fülle blendender Gedanken spielen und begeisterte zu rauschendem Beifall. Gemeinderat Dr. Hermann Schneeweiß toastierte auf die Festgäste, unter ihnen besonders auf Frau Professor Doktor Kurrein, indem er begeisterte und begeisternde Worte deren Gatten, seinem einstigen Lehrer, widmete und das Bild des als Rabbiner, Redner und Lehrer in gleicher Weise verehrten Mannes dem des Vaters würdigen Sohne gegenüberstellte und der Gattin und Mutter dieser Männer unter stürmischem Beifalle aller sein Glas weihte. — Für Graz sprach Herr Schwarz, für Brünn Herr Sonderling,«worauf Herr Medizinalrat Dr. Bloch-Linz, geistvoll, launig und mit bekannter Rednergabe den Damentoast ausbrachte. Die Reihe der Rede unterbrachen die schönen Gesangvorträge der Frau Schließer-Kocholl und des Direktors Harb and, deren ausgeglichene Kunst mit reichem Beifalle bedankt wurde. Nachdem noch Rabbiner Dr. P a p o - Salzburg, schön und geistvoll, Herr Paul Stein hebräisch und deutsch, Herr W e i n e r - Klosterneuburg, Herr Dr. Menzel und Redakteur Gans als Vertreter der Linzer „Tagespost", wie immer fein und witzig, gesprochen hatten, feierte zum Schlüsse Rabbiner Dr. Kur rein den vielverdienten Tempelvorsteher, Herrn Oberinspektor Orlik, dessen Tüchtigkeit, Eifer und Umsicht das Gelingen der ganzen Feier in erster Linie zu danken sei. Der vorbildlichen Führung der Tempelagenden, wie sie Genannten eigen ist, der großen Arbeit und Mühe, die er besonders in diesem Falle geleistet hat, gebührte uneingeschränkter Dank. Volles Lob gebühre auch der prächtigen Leistung des Linzer freiwilligen Tempelchores. Zahlreiche Gratulationen, so u. a. vom Landeshauptmann Dr. Schlegel, Bürgermeister D a m e t z, Magistratsrat Dr. Kien er, Stadtpfarrer Koller, Direktor der Linzer Studienbibliothek Dr. Schiff mann., dem deutschen Konsulate in Linz, von den Direktionen der Linzer Mittelschulen, den Bezirkshauptleuten von Gmunden und Urfahr, sowie von den Rabbinaten und Vorstehungen der jüdischen Kultusgemeinden des Bundesstaates und des Auslandes, von Körperschaften. Vereinen und einzelnen Persönlichkeiten gelangten sodann, freudig akklamiert, zur Verlesung. Mit dem Tischgebete, das Herrn Oberkantor B. Löwensohn weihevoll rezitierte, schloß die schöne Feier, die der Gemeinde Linz ebenso zu Ehre wie allen Anwesenden zur Freude gereichte und allen, die ihr beizuwohnen Gelegenheit hatten, noch lange in bester Erinnerung bleiben wird. l. H.