Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 16 W1111I101IIIIIII!1!1IIIII!1!!IW DIE WAHRHEIT gemeinde waren fast voüzäMig versammelt; an der SpitzeS Präsident Benedikt Schwager, Vizepräsident Emil Bruder, der als Obmann des Festkommitees die glanzvolle Durchführung aller Feierlichkeiten organisiert hat, Vizepräsident Dr. Morgenstern und Tempelvorsteher Ing. Otto 0 r 1 i k, welcher sich um den würdigen Verlauf der Tempelfeier das größte Verdienst 'erworben hat, sowie Mitglieder der Linzer Bnei-Britfa-Loge ..Ehrmann". Oberkantor Bernhard Löwen söhn, der Gelegenheit hatte, sein gediegenes Können zu zeigen, leitete die Feier mit einem ..Matauwuh" ein,' worauf das Ausheben der Thorarollen unter den Klängen des Psalmes 24 vorgenommen wurde. Nach dem Gebet des Rabbiners Dr. V. K u r r e i n vor der Bundeslade wurden die wertvollen, mit prächtigem Silberschmuck gezierten Thorarollen in feierlichem Zuge herumgetragen, wobei Psalm 150 gesungen wurde. Das Einheben der Thorarollen unter den Klängen der Orgel und Instrumentalbeigleitung machte auf alle Anwesenden ohne Unterschied der Konfession einen mächtigen Eindruck. Unter großer Spannung bestieg sodann Rabbiner Doktor V. K u r r e i n die Kanzel und hielt folgende Festpredigt: „Andächtige Festversammlung! Choni hameagel, ein gefeierter Lehrer des Judentums, traf einst einen Mann, der damit beschäftigt war, einen Baum zu pflanzen, der erst nach siebzig Jahren Früchte trägt. „O Torheit", ruft Choni jenem Manne zu, „wozu diese Plage, da du die Früchte dieses Baumes doch nicht genießen wirst." „Das kümmert mich wenig", versetzte der Landmann, „ich habe schon Früchte genossen, die ebenfalls ihre Zeit brauchten; wie die Vergangenheit für mich arbeitete, so arbeite ich für die Zukunft." Der Gelehrte setzte seinen Weg fort, rastete dann und schlief ein — schlief siebzig Jahre. Indessen ging die Welt ihren Gang. Sieben Jahrzehnte sind um, Choni erwacht. Fremd und unbekannt erscheint ihm die Welt, doch das Erste, das er wiedererkennt, ist ein Baum — der Baum, den jener Mann vor siebzig Jahren gepflanzt hatte und dessen Früchte ein Enkel jenes einheimst. Choni hameagel wach auf, sieh den Baum, den Großeltern und Eltern vor 70 Jahren gepflanzt, dessen Früchte heute den Enkeln reifen! Andächtige Festversammlung! Siebzig Jahre zurück liegt die Gründung der jüdischen Gemeinde Linz. Der Mann, der damals das erste Saatkorn ausgestreut hatte, ruht in kühler Erde, aber aufgegangen ist der Same, zur Höhe gewachsen der Baum und steht da als Denkmal für eine Gesinnung und I.ebensanschauung. die spricht: „ich arbeite für die Zukunft!" Ein schlichter Landmann war es, der einst so gesprochen, und gleich ihm waren auch die. die hier das erste Saatkorn in den schützenden Boden gelegt hatten, schlichte Männer ohne Rang und Titel, aber mit einem Herzen voll Liebe zu Gott und Glauben, voll starker, unerschütterlicher Zukunftshoffnung. Sie schufen einen Raum zum Beten, eine Stätte für das gemeinsame Gebet, denn beten muß der Jude inmitten seiner Brüder; vereint muß Reich und Arm, Alt und Jung den Gnadenruf zu Gott erheben. Gleich König David, der einst gesprochen: „Siehe, ich wohne in einem Hause von Zedern und die Lade Gottes weilt in einem Zelte", hatte auch der Jude die bessere, glücklichere Zeit, die ihm blühte, nicht nur seinem eigenen Wohle, seinem eigenen würdigerem Dasein nützen wollen; seinem Gotte sollte eine Stätte werden, die von sonnigen Tagen der Freiheit kündet, von schönerem, segensreicherem Lose, das dem Juden auf Erden geworden. Zeichen gibt. Andächtige Festversammlung! War es unrecht, war es Hochmut und Ueberhebung, als auch die kleine Schar der Juden in Linz das alte, enge Gotteshaus verließ und einzog in den neuen, schönen Tempel, den sie erbaut, geschmückt und hingestellt hatten auf freiem, ehrenvollen Platz? Nein, Liebe will geben, schmücken, verschönern. Und Liebe zu Gott und Glauben war es, die die schwachen Kräfte stark machte, die gab nach ihrer Kraft und über ihre Kraft. Nicht Hochmut und Hoffart — Liebe zu Gott und Glauben ließ das neue Gotteshaus erstehen, und ein Tag der Herzensfreude aller war vor fünfzig Jahren, als man einzog in diesen schönen, neuen Tempel. Nun ist er gealtert Ein halbes Jahrhundert ist an ihm vorbeigegangen. „Fünfzig Jahre alt geworden, soll man stille stehen und Rat pflegen", sagt ein Wort des Talmud. So ist denn dieser Tag heute, da unser Gotteshaus seinen 50. Geburtstag feiert, Grund und Anlaß, daß wir. die Nachfolger jener, die ihn gegründet, ihm eine besondere1 Stunde der Andacht weihen. Hier, in diesem Tempel standen Vater und Mutter, die Gott für das Geschenk eines jungen, neuen Lebens dankten. gen Gottes wurde auf das Kind in der Wiege herabgefleht. Ihr, andächtige Gemeinde, wäret es, deren Geburtsstunde bedankt und gesegnet wurde — in diesem Tempel. Als dreizehnjährige Knaben habt ihr hier vor der Thora das Gelöbnis zu Gott und Glauben abgelegt, die Lehren und den Segen der Religion empfangen, die erste, große Feierstunde in eurem jungen Leben erfahren. Hier habt ihr unter dem Trauhimmel im Glücksgefühle junger Liebe den Bund fürs Leben geschlossen, hier wurde euch die Weihe des heiligsten und schwersten Schrittes im Leben. Hier stieg auf das Gebet der Gemeinde, wenn Krankheit und Todesengel ein Leben bedrohten, hier wurde Hilfe erfleht von Gott, in dessen Hand ist Tod und Leben. Hier habt ihr, als Schmerz und Trauer um einen geliebten Toten das Herz niederdrückte, in wehmütiger und frommer Demut das Kaddisch gesprochen, Gott verherrlicht und seine Wege und sein Walten anerkannt. Hier feiert ihr Feste, hier gedenkt ihr der Toten — und immer ist die Gemeinde um euch, Anteil nehmend an Freud und Leid, in brüderlichem Sinne, in heiligem Bande der Gemeinschaft Israels. Haltet inne auf dem Wege des treibenden Lebens, pflegt Rat mit Herz und Seele! Wollt ihr dieses Gotteshaus in eurem Leben missen? — Freund und Berater, Lehrer und Tröster ist es unserem Leben. Vertraut ist seine Stimme, vertraut sein Ruf uns allen; das Band fünfzigjähriger Liebe und Treue verbindet Gotteshaus und Gemeinde. Wie einst Liebe es erbaut hat, hat Liebe es erhalten. Aber die Schätze des Tempels sind nicht Gold und Silber, Geld und Gut. Reichtum und Pracht unseres Tempels ist die Thora Gottes. Sie, die vieltausendjährige, die altehrwürdige, ist auch die ewig junge, immer neue Quelle geistigen Reichtums. Sie ist es, die Heiligkeit diesem Räume, Hoheit unserem Gottesdienste gibt, deren Worte hier verkündet werden, in die Herzen dringen und uns ins Leben hinausbegleiten. Man hat das Bethaus der Juden „Die Judenschu 1" genannt. Ein größeres, schöneres Lob hätte man ihm niemals spenden können. Denn eine Schule für Alt und Jung im besten Sinne des Wortes für Gotteserkenntnis und Gottesfurcht, für Menschenliebe und Sittlichkeit wollte und sollte es sein. Das war auch noch immer jedes Gotteshaus in Israel. Hier waren die Lehrer, die kündeten, was gut und edel, sittlich und recht ist, und hier waren die Schüler, die gern und freudig, fleißig und willig lernten. Andächtige Festversamlung! Das Gotteshaus ist das Herz der Gemeinde. Es ist der Sitz des Lebens, der Pulsschlag der Kraft, die Quelle der Gefühle, der Freude und des Leides. „Mehr als alles hüte dein Herz, denn dort äst der Sitz des Lebens", sagt der weise Salomo. Hüten und behüten müssen auch wir das Herz unserer Gemeinde, das Gotteshaus, daß es, gesund und lebensstark. Kraft und Leben dem Gemeindekörper spende. Wie des Herzens Schlag Tag und Nacht, unaufhörlich, ohne Stillstand im Körper vernommen wird, so muß die Stimme des Gebetes und der Lehre Tag um Tag hier gehört werden. Gotteshaus und Judentum sind auf Tod und Leben miteinander verbunden. Ohne Gotteshaus gibt es kein Judentum. Denn unser Gotteshaus ist der Juden Schul! Mit stolzem Mute sagen wir es. Der Tempel auf Zion ist vom Sieger und Zerstörer Roms in Trümmer gelegt worden, aber die Thora Gottes hat Rom nicht vernichten können. Denn die Gotteshäuser des in alle Welt verstreuten Judentums wurden Lehrhäuser der Thora, Schulen der Religion und des Glaubens. Was jener Landmann einst zu Choni hameagel gesprochen: „Ich arbeite für die Zukunft" — steht mit unsichtbarer und dennoch deutlicher Schrift über jeder Schule und war auch die Losung jeder Schule der Juden. Wir stehen im Schatten des Baumes, dessen Same vor siebzig Jahren in dieser Stadt gelegt wurde. Würdig der Eltern und Vorfahren müssen auch wir uns zum Ziele setzen: „Arbeit für die Zukunft!" Zurückschauend auf vergangene Jahre sehen wir im Geiste all die frommen, wackeren Männer und Frauen, die in Werken des Glaubens, der Frömmigkeit und Nächstenliebe tüchtig und vorbildlich waren; dankbar blicken wir zu ihnen empor. Um uns schauend sehen wir die Gemeinde, deren frommer Wille und gebefreudige Kraft Gotteshaus und Gemeinwesen erhält und, wie einst König Salomo bei der Einweihung des heiligen Tempels gebetet hat, sprechen auch wir: „Gott, unser Hieirr, sei mit uns, wie Du mit unseren Vätern gewesen; verlasse und verstoße uns nicht." Gott sei mit den Männern, die heute und seit vielen Jahren die Bürde und Last der Sorgen und Arbeit für Gemeinde und Gotteshaus tragen, er gebe ihnen Leben, Kraft, Ausdauer und Vertrauen. Uns alle einige er zu seinem Dienste in Willigkeit und Innigkeit. Denn nicht nur gepflückt und geerntet haben wir die Früchte von dem Baume, der uns gepflanzt ward, wir waren auch die treuen Gärtner, die ihn gehütet und betreut, vor Schaden bewahrt haben.