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Die Wahrheit · 1927-06-03 · Heft 23-24 (3.6.1927) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 23-24 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
– (sequence 15)
Language
German
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DIE WAHRHEIT IlllillllilllllllillUlllllillltlll Seite 15 Ein Fest der Linzer Judenschaft. Die Wiederkehr des Tages, an dem vor 50 Jahren der Linzer Tempel feierlich eingeweiht wurde, ist Donnerstag, den 26. Mai, im einer Weise gefeiert worden, auf welche stolz zu sein die jüdische Gemeinde in Linz allen Grund hat. Denn es war nicht nur ein Fest der Linzer, sondern der österreichischen Judenschaft, ja noch mehr, es war sogar ein Fest, an welchem sich auch das nichtjüdische Linz beteiligte. Dieses Fest bildet einen Markstein in der Geschichte der Linzer Juden, welche sich bis in das XIII. Jahrhundert zurückverfolgen läßt. Soweit ins früheste Mittelalter aber auch die Spuren der Juden in Oesterreich ob der Enns zurückreichen, so jung ist ist doch die gegenwärtige jüdische Gemeinde, über deren Entwicklung der überaus verdienstvolle Präsident derselben, Benedikt Schwager, in einer aus diesem Anlasse erschienenen Fes<tschTift folgendes berichtet: Siebzig Jahre besteht unser Linzer Gemeindewesen erst und doch gehören seine Anfänge schon einer für die Generation der Gegenwart geschichtlichen Zeit an, an die zu erinnern, die Abstattung einer Dankesschuld an alle jene Männer, deren Leben und Wirken unsere heutige Feier ermöglicht hat, bedeutet. Jeder Jude, der einmal Schilderungen des müh- und armseligen Lebens der jüdischen Dorfgeher des 19. Jahrhunderts las, wird von Bewunderung für das stille Heldentum dieser einfachen Menschen, der Vorfahren der meisten Mitglieder unserer Gemeinde, erfüllt. In kleine, armselige Orte Südböhmens, Mährens, des Burgenlandes zusammengepfercht, trieb sie die Not in die ländliche Umgebung. Mit ihrer stets gleichbleibenden Last am Rücken wurden sie diie unentbehrlichen und vielfach gerne gesehenen Vermittler zwischen bäuerlichen und gewerblichen Produzenten. Dabei blieben sie, wie schwer es auch war, streggläubige und gesetzestreue Bekenner des Judentums und gerade das hat ihnen die Achtung und das Zutrauen des sonst schwer zugänglichen katholischen Landvolkes erworben. Tief in die Alpenländer, die der Ansiedilung von Juden damals verschlossen waren, drangen sie in regelmäßigen Wanderungen vor. Das aber brachte es mit sich, daß es ihnen unmöglich wurde, den stets geheiligten und geliebten Sabbat, den Tag, an dem auch der Aermste zum Edelmanne wurde, im Kreise der Familie, in der Schul der heimischen Kehilla zu verbringen. Um so freudiger haben sie es daher begrüßt, als der Jude Markus Sonnenschein in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts als einer der wenigen die Erlaubnis erhielt, sich in Linz niederzulassen und hier eine rituelle Garküche zu erichten. Durch Anstellung eines Vorbeters, seines späteren Schwiegersohnes David Kau der, der zugleich auch Schächter und Mohel war, wurde die Abhaltung von Gottesdiensten ermöglicht. Die liberale Auffassung, die sich damals Bahn zu brechen begann, ermöglichte es, daß sich Juden, die bis dahin nur dreitägige Aufenthaltsbewilligung beim Bürgermeister erwirken konnten, nun dauernd in Linz niederlassen durften. Von dieser Erlaubnis haben mehrere Familien, deren Namen noch heute in der Linzer Gemeinde guten Klang haben, Gebrauch gemacht mit der steigenden wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt andere Glaubensgenossen, die in Linz und Umgebung als Fabrikanten, Kaufleute, Gutsbesitzer usw. ansäßig wurden. Die Organisation der Linzer Juden war vorerst eine rein vereinsmäßige. Doch schufen sie sich in dieser Zeit einen Betraum und eine Schule im Hause Badgasse 6, die sich häufig als zu klein erwies. Bedeutsam für die weitere Entwicklung wurde ein Gesetz, das erst die gesicherten rechtlichen Grundlagen für den Aufenthalt der Juden in Oberösterreich und Linz gab. Es ist dies die V e r o r d n u n g vom 18. Februar 1860, betreffend die Berechtigung der Israeliten zum Erwerb und Besitz unbeweglicher Güter, die über Antrag des freisinnigen Abgeordneten von Linz, Dr. Figuly, im Jahre 1863 auch auf Oberösterreich Anwendung fand. Damit war der bisher herrschende, rechtlich etwas labile Zustand legalisiert. Aus dem vergrößerten, der Not des Tages mehr entrückten Kreis der Glaubensgenossen träten tatkräftige Männer hervor, die im Jahre 1863 die Kultusgemeinde gründeten. Der erste Vorsteher war der Rechtsanwalt Dr. Kohn, der Tempelvorsteher Jakob Gans. In der Marienstraße, im Hause Nr. 11, wurde aus einem Glassalon ein Tempel geschaffen und von Rabbiner Dr. Ehrenteil aus Horitz bei Prag eingeweiht. An ihm wirkte der 1862 als Religionslehrer und Prediger nach Linz berufene Dr. Wilhelm Stern. Dr. Josef Kohn legte wegen seiner Kränklichkeit seine Vorsteherstelle zurück, die von Dr. Leopold Winternitz übernommen wurde. Der auf Dr. Stern folgende Rabbiner Dr. Abraham Salomon Frank und die rührigen Vorstandsmitglieder J. W a 11 e r s t e i n und Ignaz Hahn gingen nun daran, die Mittel zum Bau eines Tempels aufzubringen. Sie unterzogen sich der Mühe, Anteillose zu verkaufen und Spenden» zu sammeln, um den Bau nach den Plänen der Oberösterreichischen Baugeseüschaft durchführen zu können. Hier muß auch des Mannes gedacht v/eden, ohne dessen großmütige Widmung der Bau des heutigen Tempels trotz aller Initiative der leitenden Männer noch lange Jahre hinaus wohl unmöglich gewesen wäre. Herr Isaak S e g a 11, ein rassischer Jude, in Linz ganz fremd, erkrankte auf einer Reise in dieser Stadt und hinterließ der Gemeinde, als er daselbst nach längerer Krankheit starb, einen Barbetrag von 10.000 Franken, der den Grundstock zum Tempeibaufonds gebildet hat. Unerwarteterweise wurde Dr. Frank nach Köln am Rhein als Rabbiner berufen. Sein Nachfolger in Linz wurde 1876 der junge St. Pöltner Rabbiner Dr. Adolf Kur rein, ein hinreißender Redner, tüchtiger Pädagoge und großer Talmudkenner. Er wurde auch der eifrige Nachfolger Dr. Franks in der Förderung des Tempelbaues, so daß noch 1876 zur Grundsteinlegung geschritten werden konnte. Im Mai 1877 war das Werk vollendet, das Gotteshaus in seiner heutigen Gestalt erstanden. Die feierliche Einweihung fand am 17. Ijar statt. An diesem Tempel zu wirken war Dr. Kurrein nur sieben Jahre beschieden. Er wurde von der größeren Gemeinde BieÜtz berufen und nahm diesen ehrenvollen Ruf auch an. Auch der Vorsteher Dr. Winternitz trat von seinem Posten zurück. An seiner statt wurde der Industrielle I. V. Mautner gewählt. Den Rabbinersitz bezog im Jahre 1883 Moritz Friedmann aus Neu-Rausnitz in Mähren, der 40 Jahre seines Amtes waltete. Geachtet und geehrt von seiner Gemeinde, schied er im Jahre 1926, 90 Jahre alt, aus dem Leben, Im Jahre 1889 gab es einen heftigen Wahlkampf in der Kultusgemeinde, aus dem Ignaz Hahn, Fabrikant in Linz, als Vorsteher hervorging. Ignatz Hahn, ein tatkräftiger, mit großen Gaben des Geistes und Gemütes ausgestatteter Mensch, wirkte im Verein mit Herrn Benedikt Schwager, dem gegenwärtigen Präsidenten der Kultusgemeinde Linz und den Herren Bernhard T a u s s i g, Simon Schubert, Jonas Treichlinger, Siegmund Kafka, Max Bruder, Heinrich Freund, Albert Sternschein viele Jahre erfolgreich für die Linzer Gemeinde. Tempelieier. Der herrlich dekorierte und wirkungsvoll beleuchtete Tempel war bis auf das letzte Plätzchen von Festgästen gefüllt, unter welchen man erblickte: In Vertretung des Landeshauptmannes Dr. Schlegel Landesamtsdirektor A11 e m s, in Vertretung des Bürgermeisters Dametz, Obermagistratsrat Dr. R a c h e r, Stadtrat S c h e r b a n t i n, ferner Polizeidirektor Hofrat Dr. Scholz, in Vertretung des Brigadekommandos Nr. 4 Oberstleutnant H o 1 z i n g e r, Hof rat Hans C o m - menda, weiter waren vertreten: die evangelische Kirchengemeinde durch den Kurator-Stellvertreter Moritz Geier und Th. L a c k n e r, die altkatholische Filiaikirchengemeinde Linz durch den Stadtpfarrer Siegmar-Rehm, den Vorsitzenden des KircheniratesKlement Prüher und die Kirchenräte Hecht und H e n g 1, die Vorsteherin des altkatholischen Frauenvereines Frau Krämer, die Methodistenkirche durch den Prediger Weinbrenner; von auswärtigen jüdischen Kultusgemeinden hatten sich eingefunden: aus Wien: Vizepäsident Dr. O r n s t e i n, Chefredakteur L. Hirse Ilfeld; aus Graz: Vizepräsident Karl Schwarz, aus Salzburg: Rabbiner Dr. Papo und Vorsteher R. L ö w y, aus Brünn: Tempel Vorsteher -Sonderling, sowie Vertretungen der Gemeinden Steyr, Gmunden, Amstetten, Klosterneuburg, ferner Tempelverwalter M. Schwager aus Wien und der Vertreter der zionistischen Landesorganisation Paul Stein. Eine besondere Freude löste das Erscheinen der Frau Jessie K u r r e i n aus Tepliz-Schönau aus, die es sich nicht nehmen ließ, zur Feier des 50. Bestandes des schönen Tempels zu erscheinen, den ihr in Gott ruhender Gatte, Prof. Dr. Adolf Kurrein eingeweiht hat und an dem ihr Sohn Dr. Viktor Kurrein segensvoll wirkt. Die Mitglieder der Linzer Kultus-

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