Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 fiiratliMRilM ÜB ÖIE WAHRffliT zeit die heilige Verpflichtung, alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit Rothstock als geistig gesunder Antisemit wieder in den Besitz der beglückenden Freiheit gelange. Er hat es erreicht. Leute, deren Denken weder von Jus noch von Psychiatrie gehemmt ist, meinen, nun werde sich für Jeden mit überzeugender Klarheit ergeben, wann eigentlich Rothstock simulierte, damals als er die Rolle des Idealisten spielte und einen Menschen kaltblütig niederknallte, oder später, als er im Gerichtssaale so gescheit war, um sich zu retten, die Rolle des Wahnsinnigen zu übernehmen. * Daß ein Otto Rothstock wirklich vorbildlich wirken konnte, ersah man aus einer Gerichtsverhandlung, die just an dem Tage stattfand, an dem die Entscheidung des Obersten Gerichtshofes bekannt wurde. Ein sechzehnjähriger Gartenschüler stand vor dem Jugendgericht wegen Amtsehrenbeleidigung und merkwürdigerweise nur wegen dieses einen Deliktes angeklagt. Er hatte einen Schaffner als „roter Hund, Gauner und Pülcher" tituliert. Im Zuge der Verhandlung wurde klar, was die Erbitterung des hoffnungsvollen Jünglings gegen den Schaffner hervorgerufen hatte. Der Schaffner wie auch andere Fahrgenossen hatten das Benehmen des Burschen mißbilligt, der provokante antisemitische Reden führte und schließlich einen alten Herrn, der ihm nicht gleich Platz machte, aus dem Wagen hinauswarf. Der Vater des Sechzehnjährigen gab an, sein Sohn sei, als er noch die Bürgerschule besuchte, an der Kopfgrippe erkrankt und seither habe sich sein Charakter vollständig umgewandelt. Er sei frech und faul. „Das ärgste aber sei" — meinte bekümmert der Vater — „die hakenkreuzlerische Verhetzung des Buben. Ich kann sagen, was ich will, es nützt nichts, ich habe keine Macht über ihn." Der Richter beschloß hierauf, den Geisteszustand des Angeklagten untersuchen zu lassen und vertagte die Verhandlung. Der bedauernswerte Vater möchte manches auf die Kopfgrippe des Jungen schieben, während vielleicht alles auf das Konto der „hakenkreuzlerischen Verhetzung" kommt. Der Richter konnte freilich nur den Beschluß fassen, den Geisteszustand des Angeklagten zu untersuchen. Aber was geschieht mit den eigentlichen Schuldigen, die durch hakenkreuzlerische Hetzreden und Hetzschriften schon die Seelen der Schulbuben vergiften? ♦ * * Ganz unbeabsichtigt hat auch dieser Tage die „Wipag" einen ebenso überwältigenden wie traurigen Beweis für die durch die hakenkreuzlerische Presse gezeitigte Verrohung geliefert. Das städtische Plakatierungsinstitut hatte die Veröffentlichung eines Plakates abgelehnt, in welchem ein Wiener Schriftsteller gegen eine bestimmte Person unter anderem eine Beschimpfung aussprach, in der zweifellos ein strafgesetzlich verpönter Tatbestand gegeben war. Die „Wipag" erklärte nun, sie habe durch die Ablehnung keine Zensur üben wollen, sondern in der Befürchtung gehandelt, daß durch das Anschlagen eines Plakates, in welchem ein Mann als „Schuft" erklärt wird, eine Mitschuld entstünde, die möglicherweise gerichtlich geahndet werden könnte. Die „Wipag", die seelenruhig hakenkreuzlerische Plakate veröffentlichte, in denen alle Juden als „Schufte" bezeichnet wurden, glaubte in diesem Falle offenbar nichts für sich befürchten zu müssen, da die Hakenkreuzler unbehelligt und ungestraft die Juden nach Herzenslust beschimpfen dürfen. * . * * Der Präsident der österreichischen Republik Dr. Michael H a i n i s c h hat gelegentlich der Universitätsfeier in Graz seine Festrede, die wieder Zeugnis von der edlen, hohen Gesinnung dieses Mannes gab, mit den Worten geschlossen: „Wir haben viel verloren, aber eines hat man uns nicht nehmen können — unsere alte, hohe Kultur." Nein, die kann kein siegreicher Feind einem Volke nehmen, diesen Verlust hat, wenn er eingetreten, ein Volk nur sich selbst zuzuschreiben. Haben die hakenkreuzlerischen jungen Herren an der Grazer Universität, die wissenschaftliches Streben und wahres Deutschtum zu bekunden glauben, wenn sie Professoren wegen ihres verdächtigen Stammbaumes beflegeln, die Mahnung des Bundespräsidenten verstanden? Sie war zwar in zarte Worte gekleidet, aber doch nur schwer mißzuverstehen. * , * * Vor einigen Tagen brachte die „Neue Freie Presse" sensationelle Offenbarungen, die Sir Arthur Conan Doyle, der fanatische Apostel des Spiritismus, ihren Korrespondenten über bevorstehende katastrophale Veränderungen im Universum anvertraute, von denen er mit Bestimmtheit annimmt, daß sie, was der Weltkrieg nicht vermochte, die Menschheit endlich zur Vernunft bringen werden. Conan Doyle verdankt, wie er versichert, seine intime Verbindung mit der Geisterwelt, „seinem Führergeist in der anderen Welt", einem gewissen Pheneas, der vor der Zeit Abrahams in Ur lebte. Der berühmte Verfasser der Sherlock Holmes-Romane würde es als eine tödliche Beleidigung empfinden, wenn man auch seinen Pheneas für eine bloß erdichtete Gestalt halten wollte. Er glaubt an sie und will, daß auch die anderen von der, wenn auch nicht leiblichen, so doch geistigen Existenz dieses himmlischen Detektivs überzeugt seien. Ich habe, offen gestanden, nicht im entferntesten die Absicht, mich über den Spiritismus, von dem ich gar nichts weiß, mit einem Manne auseinanderzusetzen, der sich seit 40 Jahren dem unausgesetzten Studium dieser Angelegenheit widmet. Aber ist es nicht auffallend, daß ein Mann, der durch Vermittlung des alten Pheneas sich so ausgezeichneter Beziehungen zu den leitenden Geistern im Jenseits erfreut und er im autoritativsten Tone über die Gegenwart derReligionen urteilt und über deren Vergangenheit und Zukunft sich ausläßt, u. a. folgendes niederschreibt: „In der christlichen Lehre haben wir das Höchste erhalten, das jemals in die Welt gekommen ist — die Lehre: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, die Lehre der Güte, aber die Menschheit hat nicht einen Augenblick auch nur davon geträumt, demgemäß zu leben". Sonderbar! Weiß Conan Doyle wirklich nicht, daß diese Lehre aus dem Alten Testamente genommen ist? Und wenn ihm dieses sicherlich beachtenswerte Detail entgangen ist, wie kommt es, daß der so glänzend versierte Pheneas nie Anlaß genommen, ihn über diesen bedauerlichen Irrtum aufzuklären? Ego.