Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT doch war er, der bekanntlich in schwerer Fehde mit Adolf von Nassau lag, nicht in der Lage, den Juden ausreichenden Schutz zu gewahren. Sehr richtig schreibt eine jüdische Clironik (Scheerith israel, 2. Th. d. Jossippon): „Albrecht von Oesterreich hat sehr gerne gewollt verhindern, dass man die Juden gewalt nit soll antun, aber er hat nit gedurft, denn weil es mit ihm schlecht stund; viele wollten haben für einen Kaiser Adolf von Nassau, da hat er Furcht geliabt, dass er sich dadurch selbst das gemaine Volk zu Feinden macht; danach als Albrecht übergewonnen hat, hat er den Juden wiedergegeben ihre erste Freiheit." Im Jahre 1308 brach das Unglück über die österreichischen Juden in Gestalt der Kreuzfahrer herein, doch scheinen die Juden in Linz sich bald von den Schrecknissen jener Zeit erholt zu haben und es gibt uns ein Grabstein aus dem Jahre 1336 davon Kunde, daß um diese Zeit Juden mit Bestimmtheit in Linz gewohnt haben. Das Jahr 1338 brachte über die Juden eine Anklage wegen Hostienschändung und hatten furchtbare Metzeleien unter den Juden in P u 1 k a u, Wolfsberg, Retz, Znaim, Horn, Eggenburg und Z w e 111 zur Folge. Herzog Albrecht II. von Oesterreich ersuchte Papst Benedikt XII. einzuschreiten, und dieser antwortete am 29. August 1338 von Avignon, daß er den Bischof von Passau beauftragt habe, „in Pulka, Lintz und Wechardtdorf, wo Hostien mit dem Verdachte gefunden wurden, als hätten Juden sie entweiht die strengste Untersuchung einzuleiten, damit entweder die entweihenden Juden oder diejenigen, welche solchen Verdacht mutwillig gegen sie erregen wollen, mit dem Tode bestraft werden." Kaum war die Gefahr, welche auch über die Linzer Judenschaft hereinzubrechen drohte, vorüber, als 1349 ein nicht minder schlimmeres Unglück, die großen Judenverfolgungen infolge des schwarzen Todes hereinbrach. Das Jahr 1371 war wieder ein Unglücksjahr für die Juden. Die bereits genannte Chronic Emek habacha weiß darüber zu berichten. „Im Jahre 1371 ließen die Räte des jungen Herzogs die Juden in den Städten seines Reiches ergreifen und ins Gefängnis werfen, woselbst sie lange Zeit blieben, so daß sie ihres Lebens überdrüssig wurden; indes marterte und quälte man sie damals wenigstens nicht" Nun mehren sich die Urkunden, welche uns über die Geschichte der Linzer Juden berichten, von Jahr zu Jahr. Im Jahre 1378 schlichtet Herzog Albrecht einen Streit zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern von Linz. Im Jahre 1395 verbietet Herzog Alb recht IV. den Juden zu Linz mit den dortigen Bürgern irgendeine „Kaufmannschaft" zu treiben. Den Juden wurde das Geldgeschäft zugewiesen und die Herzöge hielten im eigenen Interesse daran fest, daß es dabei blieb. Im Jahre 1415 wurde von Herzog Albrecht V. eine a u ß e rordentliche Judensteuer im Betrage von 10.000 Pfund Pfennigen ausgeschrieben, und mehrere Juden zum Einnehmen derselben bestimmt Unter diesen erscheinen für Linz die Juden M u s c h 1 und S w o 11. Nach dem Unglücksjahne 1420, das die Hostienschändungsanklage von E n n s gebracht hat hören wir eine Zeit lang nichts von den Juden in Linz und wissen nur soviel daß ihre Synagoge im Jahre 1426 in eine Kirche umgewandelt wurde. Eine Chronik des Linzer Stadtarchives weiß zum Jahre 1490 zu berichten: „Zuvor berührte Judenschaft wurde bisher (anno 1522) allhier geduldet, hernach aber gänzlich ab- und aus dem Lande geschaft" Im Jahre 1494 verordnete König Maximilian I.. „daß auch die Juden (welche sonst von ganz Oesterreich ausgeschlossen waren), gegen den beide Märkte zu besuchen zugelassen werden, daß jeder Kopf drei Gulden Maut bezahle, und sie sich in einem Haus von den Christen abgesondert beysammen aufhalten sollen." Dieser Umschwung ist wohl auf die Gesinnung Kaiser Friedrich III. zurückzuführen. Dieser gerechte und humane Fürst nahm sich, wie Grätz X/45 sagt, bis in seine letzte Stunde der von aller Welt Geächtete an. Und diese Gesinnung ist vielleicht wiederum seinem Umgange mit seinem jüdischen Leibarzte Jakob ben Jechiel L o a n s zuzuschreiben. Dieser weilte mit dem greisen Kaiser in seiner Hofhaltung in Linz und pflegte ihn bis zur Sterbestunde. Loans war „doctor raedicinae et eques aureatus" und lernte hier in Linz auch Johannes Reuchlin kennen, den er in die hebräische Sprache und Literatureinführte. Die Regierung Ferdinands I., der den Juden nicht freundlich gesinnt war, ermöglichte es den Juden nicht in Oesterreich ruhig zu verweilen und von 1421 bis gegen Ende des 15. Jahrhunderts durften die Juden, soweit sie überhaupt in Linz sich aufhalten konnten, keinen Handel daselbst getrieben haben. Unter der Regierung M a x i m i 1 i a n II. besserte sich noch dieser Zustand ein wenig und im Jahre 1569 erging der kaiserliche Befehl, den inländischen ansässigen Juden den Handel mit Waren zu erleichtern. Wie die Regierung Ferdinand I. so endet auch die Maximilian II. mit einer vollkommenen Ausweisung der Juden aus Linz, was wohl auf den Einfluß des judenfeindlichsten aller Päpste, Pius V. zurückzuführen sein dürfte. Während der Regierung Rudolf II. brach für die Juden Böhmens eine friedlichere Zeit herein, und wir sehen ihr eifriges Bemühen, durch Handel und Verkehr ihr Brot zu verdienen. In dieser Zeit erscheinen zahlreiche böhmische und mährische Juden auf den Linzer Märkten, die inzwischen sehr an Bedeutung .gewonnen haben. Am 2. August 1669 vertrieb sie noch eine „Generalausschaffung" Leopold I. aus dem ganzen Lande. Zahlreich sind, wie ja naheliegend, die Beziehungen der Linzer zu den Wiener Juden schon seit dem Mittelalter. Daß Juden schon frühzeitig als Federnhändler eine Rolle spielen, erinnert daran, daß noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gaMzische Juden in diesem Artikel eine Art Welthandel betrieben.; i i : | Ji&j Solcher Einzelheiten von kulturgeschichtlichem Belange wären noch viele aus der lehrreichen Schrift Kurreins anzuführen. Statt solcher Aufzählung verweisen wir auf die übrigens mit wertvollen Bildern gezierte Schrift selbst, die sowohl ihrem Verfasser zur Ehre gereicht, als auch der Linzer Gemeinde, die ihrem Festtage damit ein würdiges Andenken ~ von Dauer — gestiftet hat. Dr. M. G. Zur Charakteristik der amerikanischen Juden. In seinem ausgezeichneten Buche „I s r a e 1" beschäftigt sich Ludwig Lewinsohn auch eingehend mit der gesellschaftlichen Stellung der Juden in den Vereinigten Staaten und, was der Verfasser, der ein genauer Kenner des amerikanischen Judentums ist, über die Lage der Juden Amerikas in religiöser, kultureller und sozialer Hinsicht sagt, scheint uns sehr beachtenswert, wenn wir uns auch den Schlußfolgerungen nicht vollinhaltlich anschließen können. Lewinsohn geht von dem Gegensatz aus, der zwischen Majorität und Minorität herrschen muß und der auch in Amerika nicht auszugleichen war, trotzdem dieses Land der Freiheit auch der jüdischen Minorität ehrlich und stolz jene Freiheit angeboten hat, die die einzige ist, die die Majorität einer Minorität zu bieten hat — die Freiheit so zu sein wie sie selbst. Die Minorität nahm dieses Anerbieten zwar mit einer tatsächlch verblüffenden Vollständigkeit an, aber doch nur, soweit sie konnte, ohne ihr Judentum preiszugeben. Es sind also die amerikanischen Juden zwar hundertprozentige Amerikaner, aber doch jüdische Amerikaner und daraus nun will der Verfasser — wie wir glauben mit Unrecht — eine „Störung des Gleichgewichtes" ableiten. „Der Amerikaner der Mittelklasse jüdischen Glaubens hat ebenso wie sein auf der gleichen Kulturstufe stehender nichtjüdischer Mitbürger, gewöhnlich wenig oder gar keinen Glauben. (?) Er mag für einen Sitz im Reformtempel zahlen, ist vielleicht sogar an gewissen hohen Feiertagen in diesem Tempel zu sehen. Trotzdem muß er diesen konfessionellen Zusammenhang aufrechterhalten, denn er ist der zerbrechliche Schild für seine exponierte Lage. (Dieser Vergleich ist typisch für die Anschauung des Verfassers. D. Red.) Gemäß dem Argument, das ihn aufrecht erhält, unterscheidet er sich von den anderen Amerikanern nur durch seine Religion allein. Daher muß er sich an diese Religion klammern. Die Reform seines Kultus ermöglicht es ihm, Sonnabend in seinem Bureau zu sein und am Sonntag dem Gottesdienst beizuwohnen. Am Versöhnungstag aber bleibt er zu Hause, wenn er nicht sogar fastet. Da der Unterschied zwischen ihm und seinen Mitbürgern in der Theorie ein so kleiner ist, sollte es in der Praxis ebenso sein. Aber das Gegenteil ist richtig. Unser amerikanischer Freund jüdischen Glaubens mag blond und gradriäsig sein, er mag in Sprache und Betragen der Mehrheit bewundernswürdig gleichen, er mag einen Sohn in Harvard und eine Tochter in Vassar erziehen lassen, er mag seinen Namen geändert haben; aber wenn er an seiner Tafel präsidiert, werden Lewinsky und Rosenfeld die Gäste sein; an seinem Tisch im Frühstücksklub (wir dürfen ihn wohl für einen Kaufmann oder Rechtsanwalt halten) werden Stimmen zu hören sein, in denen das Echo altväterlicher Gebete und Lehrgänge noch vernehm-