Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064299-3064322--15455-3088241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEU 8!»^ mm:imn/. Seite 7 $ Dabei haben wir folgende Anhaltspunkte für die weiteren Erzählungen gewonnen: Das Land Charan, die Heimat von Rebeka, der Ursprung Abrahams, die zwei feindlichen Brüder, Der Lernakt verlangt nämlich Apperzeptionshilfen, d. h. vorhandene Vorstellungsmassen, an die Neue anknüpft. So bleiben wir vorerst bei der Familiengeschichte und erzählen die Werbung des treuen Elieser um Rebeka. Er führt uns zu seinem Herrn Abraham und dessen Familiengeschichte, zu Sara und Isak und Hagar und Ismael. Mit letzterem lernen wir wieder ein neues Bevölkerungselement in Kanaan kennen. Man erzählt Isaks Opferung und Abrahams Taten als Mensch und Führer. Aus seinem Bekenntnis zum einig-einzigen Gott entspringen seine Tugenden, welche unseren Schülern ein Muster sein sollen, aber auch seine großen, sozialen Taten, das Eintraten für Lot, für Sodom, seine Uneigennützigkeit und Tapferkeit. Mit Abrahams Geschichte sind wir aber schon aus dem engen Rahmen der Familie in den größeren der Gemeinschaft und des Staates getreten. Es ist eine Erweiterung des Schauplatzes, weshalb auch die spätere Erzählung von Abraham begründet ist. Ein feindliches Brüderpaar, wie Esau und Jakob sind auch Kain und Abel, auch ein Jäger und ein Hirte. Da die Kinder schon von Feindschaft und kriegerischen Verwicklungen und von Strafen durch Gott gehört haben, kann man ihnen schon die wüste Tat Kains erzählen. Von hier kommen wir zu Adam und Eva ins Paradies und ihrem Abschied von dort. Der ethische Kern dieser Frühgeschichten liegt in Gottes Strafe. Die erreicht auch die Menschen durch die Sintflut. Bei deren Erzählung achte man darauf, daß durch die Pflanzung der Rebe die Seßhaftigkeit beginnt. Das Streben darnach hat im Turmbau zu Babel ihren Ausdruck gefunden. Die rationalistische Deutung der Zerstreuung ist die Völkerverteilung auf Erden und das Ergreifen verschiedener Berufe. Das ist der psychologisch geeignete Moment, um Josefs Geschichte und damit die vom älteren Jakob zu erzählen. Da haben wir schon große, staatliche Verhältnisse, schon Handel, Ackerbau, Geld und Gut. Wir haben also auch mit dieser Art der Erzählung unserer Volksgeschichte einen kulturhistorischen Weg durch die Entwicklung der Menschheit zurückgelegt. Von der Schöpfungsgeschichte im ersten Kapitel der Genesis können wir absehen. Das zweite Kapitel erzählt dieselbe einfacher und ohne Zahlen. Diese deuten auf babylonischen Einfluß in der Erzählung und der rechte Platz für ihre Vorführung scheint mir beim Lehren des Sabbat- Heiligungsgebotes, also bei der Erzählung der sinaitischen Gesetzgebung. Ein Haupteinwand gegen unsere Aufstellung dürfte das Abweichen von der Reihenfolge der Erzählungen in der Thora sein. Die Thora ist für Männer gegeben und wir haben vorerst nach den Geboten der Schrift überall die Kinder das Sch'ma zu lehren, was wir tun. Wir haben aber auch die Geschichte unseres Volkes den Kindern so beizubringen, daß sie gleich uns allen nach Heiligkeit, d. h. nach sittlicher Vollkommenheit streben. Die Juden in Linz. Dr. Kurrein, als ständiger Sabbatgast in der „Wahrheit" uns Wiener Juden längst vorteilhaft bekannt, bewährt sich in einer Festschrift anläßlich des 50jährigen Bestandes dies Linzer Tempels (herausg. von der Jüd. Kultusgemeinde in Linz, 26. Mai 1927) auch als gründlicher und gewissenhafter Forscher. Die Aufgabe, die 8hm hier durch einen bestimmten Anlaß gestellt wurde, war reizvoll, wie jede Arbeit, die Neubruch auf bisher unbekanntem Bodien bedeutet. Er dürfte sie auch erschöpft haben, indem er sorgfätig alle erreichbaren Daten über eine verhältnismäßig kleine Gemeinde, wie sie ja die Linzer in der Vergangenheit darstellt, sammelte und durch Einfügung in die historischen ■ Zusammenhänge wissenschaftlich verwertete. Der Gegenstand seiner Untersuchung erwies sich aber auch als dankbar, indem er beachtenswerte Beiträge zur jüdischen Geschichte zu Tage förderte, die zugleich Schlaglichter auf die Unkultur der Umwelt werfen. „Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu", diese Chronik des chronischen Judenhasses, an besonders grellen Beispielen lernen wir sie hier wieder kennen, wieder verabscheuen die Gewissenlosigkeit, mit der man bei jedem. Verbrechen einfach jeden erreichbaren Juden der Tat bezichtigte, ihn auf die Folter spannte, um zu dem Schaden Verlangen Sie überall riginalineral wassei iwasser Direktion Linz: Badgasteiner Thermalwasscr A.-tt Depot Wien: Platz des 12. November Nr. 11 Fernsprecher 25-17 und 60-60 Drahtanschrift: Thermag Linz I., Helferstorferstraße Nr. 9 Fernsprecher 62-0-42 Drahtanschrift: Thermag Wien L. der Name sprMM Mir sidi! nachdem er der Tortur standhielt oder seiner nicht mächtig, das von den Henkern diktierte Geständnis abgab, aus der Stadt zu peitschen oder unter allen erdenklichen Qualen hinzumorden; eine ärgere Lynchjustiz als die in Wildwest noch heute den Nigger, in der Türkei oft den Griechen zum Opfer forderte. Und wenn noch in der Landgerichtsordnung Leopolds I. von den Juden gesagt wird, daß sie auf der Folter eine besondere Stärke bekunden und deshalb diesem Verfahren wiederholt unterworfen werden sollen, so muß man an die Mattel denken, die der jüdische Volksglaube empfiehlt, um sich gegen die Folterqualen unempfindlich zu machen. In Wahrheit verlieh ihnen natürlich ihre Standhaftigkeit das Bewußtsein ilhrer Unschuld und der satanischen Tücke ihrer Ankläger und Richter, deren Herzensroheit den Juden gegenüber man leichter versteht, wenn man noch heute Tierquäler auf dem Lande in Italien sich rechtfertigen hört: „Es sind ja keine Christen!" Wie schauerlich, wenn man echt mittelalterlich jeden Juden für jeden anderen haftpflichtig macht, oder wenn man, wie hier, auf einen alten jüdischen Grabstein, der wohl aus einer Friedhofsschändung herstammt, wie sie im Deutschland der Gegenwart wieder an der Tagesordnung sind, triumphierend einen Hinweis auf die Vertreibung der Juden aus Regensburg meißelt! Die Geschichte der Linzer Juden, die selbst nur ein Ausschnitt aus der Geschichte der österreichischen Juden ist, bildet also im großen und ganzen eine Leidensgeschichte. „ObeT der Enns" wohnen die Juden nicht weniger bedrängt, verfolgt und unterdrückt wie „Unter der Enns", hier wie dort wechselten die relativ kurzen Zeiträume der Sicherheit und Duldung mit langen Epochen qualvoller Entbehrungen und fürchterlichen Verfolgungen ab. Die Anfänge einer dauernden Ansiedilung von Juden in Linz lassen sich zwar nicht genau feststellen, doch ist es sicher, daß dieselben bereits um das Jahr 1300 in dieser Stadt ansässig waren und Eigentum besessen habea Früher als in Linz dürften in E n ns. Steyr, Wels, Juden ansässig gewesen sein, während uns bereits aus dem Jahre 1210 Nachrichten von Juden in Passau zugekommen sind. Jedenfalls wird von den Chronisten der Stadt Linz bezüglich der Juden erwähnt, da3 diese „von altersher in der Altstadt seßhaft und wohnhaft waren". Albrecht 1. war den Juden wohlwollend gesinnt,