Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 iilliiH DIE WAHRHEIT Sammlung nicht auf Antrieb irgendeiner Organisation oder Gruppe, am wenigsten auf Verlangen der rumänischen Judenschaft selbst einberufen worden sei, und verwies darauf, daß der Wortführer des 'amerikanischen Judentums, Louis Mars hall, erklärt habe, nirgends auf der Welt würden nationale Minderheiten, und besonders Juden, so unterdrückt, wie in Rumänien, und daß Lucien Wolf, der Führer der englischen Judenschaft, auf Grund eingehender Nachforschungen festgestellt habe, die Lage der Juden in Rumänien sei unerträglich. Dr. Ornstein berichtete dann, wie ein Teil der rumänischen Presse den ingrimmigsten Judenhaß predige, ohne von der Regierung auch nur im geringsten behindert zu werden und schilderte hierauf die Vorgänge, die zum Falikprozeß führten. Die Gerichstverhandlung sei eine der schändlichsten Karikaturen gewesen. Man müsse sagen, daß diese Zustände an das Mittelalter streifen. Tatsächlich sei gegenwärtig die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung selbt unter den Augen der Staatspolizei gefährdet. Da alle Rekriminationen fruchtlos geblieben sind, müssen wir hier Klage erheben und wissen uns eins mit dem Weltverband der Völkerbundligen, sowie mit der Liga zur Wahrung der Menschenrechte. Wenn es ein Weltgewissen gibt, so darf es zu solchem Unrecht nicht schweigen. Es wurde hierauf folgende Resolution unter stürmischem Beifall der gesamten Zuhörerschaft einstimmig angenommen : „Die am 30. Mai 1927 tagende ProtestversammluBg der Wiener Judenschaft hat mit tiefer Empörung von den Leiden ihrer rumänischen Glaubensgenossen vernommen. Die antisemitischen Exzesse werden von unverantwortlichen Elementen verursacht, die öffentlich das Judentum beleidigen, den Patriotismus und die persönliche Ehre der Juden angreifen, ihre Aechtung fordern und pöbelhafte Elemente zur Begehung von Verbrechen gegen die jüdischen Mitbürger aufstacheln. Die heutige Versammlung erhebt daher schärfsten Protest gegen die Duldung dieser gesetzlosen, die staatstretie Jüdische Bevölkerung Rumäniens schwer gefährdeten Agitationen und fordert für ihre Glaubensgenossen in Rumänien jenen tatkräftigen Schutz der Gesetze, auf welchen sie als rumänische Staatsbürger nach der rumänischen Verfassung und nach den vom rumänischen Staate übernommenen VertragspHichten vollen Anspruch zu erheben berechtigt sind." Der Lehrplan und die Lehrstoffe für den israelitischen Religionsunterricht. Von Direktor Dr. S. Krenberger. Im Jahre 1905 habe ich in der „Zeitschrift für das österreichische Volksschulwesen" eine kurze Studie über den Lehrplan für den israelitischen Religionsunterricht an den Wiener Schulen veröffentlicht, an den ich jetzt nach fast einem Vierteljahrhundert anknüpfen will. Ich bezeichnete dort als Aufgabe der jüdischen Religionslehrer, die sittliche Kraft in unserem Volke zu heben, ihm die alte, ingenuine sittlich-religiöse Weltanschauung zu geben, es zu neuer, kultureller Fruchtbarkeit anzuregen, die Religiosität, die höchste Form der Sittlichkeit, zu begründen und die jüdische Familie von der Jugend auf zu regenerieren, Gedanken und Forderungen, an denen ich noch heute festhalte. Sie sind in einer wissenschaftlichen, nicht von Einfällen diktierten, sondern aus ethischen und psychologischen Erkenntnissen schöpfenden Lehre begründet. Auch an der damaligen Fassung der Stoffverteilung halte ich noch fest. Sie hat ebenfalls ihren berechtigten Grund in den genannten v/issenschaftlichen Erkenntnissen. Ich schrieb damals: „Erst mit dem achten Lebensjahre soll die Religionsgeschichte beginnen. Vorher werden Vorbereitungen für den Gesinnungsunterricht getroffen durch passende Erzählungen sowie durch das Lernen der Gebete und der Sprache, deren sich die Patriarchen bedienten. Im sechsten und siebenten Lebensjahre ist also vor aller Religionsgeschichte in pädagogisch richtiger Weise beten zu lehren und nach dem Beten das hebräische Lesen, denn die Sprache geht dem Schauen und gebundenen Sprechen voraus. In diesem Alter muß ferner die Schule die Familie fortsetzen und die Zeremonien und Riten kennen, üben und befolgen lehren, damit sie in der Seele festhalten, die Gesittung anbahnen und die Seele für das Religiöse empfänglich machen. In das 9. und 10. Lebensjahr fällt das Heldenzeitalter, das sind Moses, Josua, die Richter. Für das 11. und 12. Lebensjahr paßt das davidische Königtum. Im 13. und 14. Lebensjahr lernen die Kinder an der Hand der Bibel und des Gebetbuches das Zeremonial- und Sittengesetz kennen. Hier werden sie zu Juden gebildet, die die Geschichte ihres Volkes mit dem Herzen erfaßt haben und nun in lebendiger Beschäftigung mit dem Urwort... die Erzeugnisse dieses Kulturstaates in Sitte, Recht, Gewohnheit und Gesetz kennenlernen... Erst nach dem 14. Jahre, wenn sich die Kinder einer höheren Ausbildung zuwenden und fähig sind, die verschiedenen Tendenzen und Meinungen zu prüfen, gibt man ihnen die Entstehung, die Blüte und das Ende der Prophetie und das Werden des Judentums als Religionsbegriff; das alles aber nur an der Hand der Quellen, indem sie selbst den pragmatischen Zusammenhang erschließen." Heute möchte ich die für eine religiöse Erziehung notwendige Lehrstoffanordnung einer Prüfung unterziehen. Bisher hat man durchwegs mit der Schöpfungsgeschichte begonnen. Darauf folgte das Paradies, der Sündenfall, die Sintflut und alles, wie es im ersten Buch unserer heiligen Schrift erzählt wird. Diese ersten Erzählungen in der Thora scheinen mir mit ihrem tiefen, religionsgeschichtlichen Hintergrund für das kindliche Alter zu schwer. Es mangelt ihnen die innere Teilnahme des Kindes. Sie entsprechen nicht der geistigen Entwicklungsstufe der Kinder von sechs und sieben Jahren. Sie sind auch nicht für solche Altersstufen gegeben worden.; : i; . \ Die Erzählungen aber von den Erzvätern führen auf einfache Familienverhältnisse. Dafür haben die Lehrer vorerst die Teilnahme der Kinder zu erwecken und dafür sind die Vorstellungsmassen im Kinde zur Aufnahme bereit. Die Schule Herbart und Ziller hat daher, d. h. aus diesen psychologischen Erwägungen die Religionsgeschichte mit Abraham begonnen. Abraham stellt darnach das enge Verhältnis Gottes zu den Menschen dar und ist das Vorbild für ein gesegnetes Familienleben. Für uns Juden scheint mir aber ein wichtiger und wertvollerer Ausganspunkt bei Jakob vorzuliegen. Wir müssen an unser Glaubensbekenntnis, an das Sch'ma anknüpfen. Das ist der Ausgangspunkt unserer Lehre, der Inhalt unseres inneren Lebens. Auch die Schulneulinge haben es schon gelesen, gelernt und in sich aufgenommen. Das Sch'ma ist an Israel gerichtet und an diesen Namen und seine Herkunft knüpfen wir unsere erste Erzählung an. Das ist ein weihevoller Moment. Wir erzählen also zuvordest von Jakobs Kampf mit dem Engel, der Jakob segnete und ihm den Namen Gotteskämpfer gab. Dieser Name hat aber auch in der geschilderten Szene große, ethische Bedeutung. Jakob hat sich in der Nacht selbst überwunden und tritt dem Bruder Esau ruhig und gefaßt entgegen. Die Seele des Kindes erhält hier die Anregung zum Frieden. Die Erzählung bringt das Gespräch auf die Ursachen der brüderlichen Feindschaft und damit auf das Elternpaar Isaak und Rebeka und auf die Flucht Jakobs nach Charan. Der Verkauf der Erstgeburt durch Esau und der Segen Isaks sind hier eingeschlossen. Es tritt schon der Gegensatz zwischen dem Jäger und dem Hirten auf. Beide sind aber noch nicht seßhaft. Bei diesen Darbietungen treten auch Kanaan und die Philister Isaak und Jakob, den Bekennern eines Gottes, gegenüber. Der Segen Isaks und der Gottessegen von Bethel sind Dokumente des reinen Glaubens. Sie ergreifen das Gemüt und der Schutz Gottes zeigt sich über Jakob in Charan und bei seiner Wanderung in die Heimat. Der erste Teil unserer Religionserzählungen ist durchaus Jakob gewidmet. Wir gehen von der Erteilung des Namens Israel aus, den auch das Kind führt und mit Stolz führen soll, und verfolgen Jakobs Leben von seiner Abstammung bis zur Rückkehr nach Kanaan.