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Die Wahrheit · 1927-06-03 · Heft 23-24 (3.6.1927) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 23-24 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT IIIIII! Iii Seite 5 Leben jeden Tag und jede Stunde mit Juden in Berührung kamen, waren Ieidemschaftlich gespannt, zu erfahren, ob sie es wirklich, allem Scheine zum Trotz; mit einer Bande heimlicher Kindermörder und Vampire zu tun haben, die als ordentliche Staatsbürger vermummt sind, mit denen man sich zu Tische setzt, die man überhaupt als Gleiche behandelt . . . Endlich kam das Gutachten an den Wiener Gerichtshof. Es war ein starker Band geworden, denn der Kläger hatte ja alles, was seit 700 Jahren in seinem Sinne vorgebracht worden, sich zu eigen gemacht. Der Gerichtshof schrieb den Verhandlungstermin aus und teilte dem Kläger und dem Angeklagten den Inhalt und die Schlußfolgerungen das Gutachtens mit . . . Da teilte der Prälat, Kanonikus und Professor der Theologie Dr. August Rohling dem Gerichtshof mit, daß er von der Beleidigungsklage gegen Dr. J. S. Bloch zurücktrat! Alle die gegen - ihn erhobenen Vorwürfe, die einen Lohnkutscher oder Eckensteher in seinem Kreise unmöglich gemacht hätten, ließ der fromme und gelehrte Mann und Liebling der höchsten Aristokratie auf sich ruhen. „Mein Gott, ich kann nicht klagen!" ließ er die Spaßmacher ausrufen. Er war moralisch und geistig tot. Er verschwand von der Bildfläche. Als Anastasius Fer_n veröffentlichte er noch vor wenigen Jahren einige Schriften in dem Sinne seiner alten Fälschungen, und der verewigte Gehöämrat H. L. Strack sagte mir einige Monate vor seinem Tode, daß Anastasius Fern noch lebte. Aber geistig war er, wie gesagt, längst tot, und mit ihm auch die Ritualmordbeschuldigung, insofern sie sich auf Zitate aus dem Talmud und der späteren jüdischen Literatur stützte. Wir haben seither einige aufregende Ritualmordprozesse erlebt: Xanthen, Könitz, Po Ina, Kiew. Aber bei keinem spielte mehr das Zitat aus dem Talmud eine Rolle: noch mehr, in den führenden gebildeten Kreisen der Völker wurden die Prozesse und die ihnen zugrunde liegenden Anschauungen entschieden verdammt. In dem Prozeß von Polna wagte es der jetzige Präsident der tschechoslowakischen Republik, M a s a r y k, den populären Strömungen zu trotzen und die Urheber des Prozesses öffentlich zu verdammen. Während des Beilis-Prozesses in Kiew, 1913, war es Wladimir Schulgin, einer der Führer der „Schwarzen Hundertschaften", Redakteur des stärksten antisemitischen Provinzblattes „Kiewlanie", derselbe Schulgin, der im Jahre 1918 die grausigen ukrainischen Judenpogrome organisieren half, der gegen die Regierung, die Anstifterin und'Beschützerin jenes Pogroms, heftig auftrat, da sfe durch dieses abgedroschene Mittel nur den Antisemitismus bloßstelle und den Juden für die Dauer nütze, anstatt ihnen zu schaden. Es ist also offenbar, daß sozusagen die obere Schicht die Legende, daß die Juden auf Grund ihrer Ritualvorschriften gewissermaßen offiziell, als Religionsgemeinschaft, Ritualmorde begehen, überwunden ist. Aber die andere, von früheren Jahren latent gebliebene Hälfte der Anklage tritt jetzt hervor, nämlich der Glaube, daß zwar nicht die Juden als Religionsgemeinschaft, wohl aber einzelne Gruppen, Sekten oder auch Individuen unter den Juden Ritualmorde begehen. Es erhebt sich nun für uns die Frage: Wie ist diese altneue Formulierung der Legende zu überwinden? (Schluß folgt.) Judenelend in Rumänien. Eine Protestkundgebung der Wiener Judenschaft. Die in den letzten Monaten und Wochen in der gesamten Weltpresse erscheinenden Nachrichten über die Verfassung sund1 rechtswidrige Behandlung der Juden in Rumänien, mit der wir uns schon oft befassen mußten, machen es jedem Kulturmenschen zur Pflicht, gegen diese antisemitischen Exzesse, die unter den Augen der rumänischen Regierung tagtäglich geschehen, schärfsten Protest zu erheben. In Amerika, England und Frankreich haben bereits eindrucksvolle Protestkundgebungen gegen die judenfeindlichen Ausschreitungen in Rumänien stattgefunden, an denen sich auch hervorragende nichtjüdische Kirchen&irsten und Staatsmänner beteiligten. Auch das österreichische Judentum hat nunmehr laut und vernehmlich seine Stimme erhoben, um gegen die unhaltbaren Zustände in Rumänien zu protestieren und ihre endliche Abstellung im Namen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, aber auch auf Grund der internationalen Verträge zu fordern. Ein aus prominenten Vertretern der Wiener Judenschaft gebildetes Komitee, dem u. a. Prof. Dr. Alois Pick, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Dr. Jakob O r n s t e i n, Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oberrabbiner Prof. Dr. Chajes, Präsident der jüdischen Völkerbundliga, Dr. David R o t h b 1 u m, Präsidialmitglied des zionistischen Landeskomitees, Karl Fröhlich, Vizepräsident der „Union deutschösterreichischer Juden", Dr. Edmund K o h n, Hofrat Dr. L ö w n e r, Hofrat Prof. Dr. Frankfurter, cand. med. S. K a u f e r, Vizepräsident des jüdischen Hochschulausschusses angehören, veranstaltete nämlich Montag, den 30. Mai 1927, 8 Uhr abends, im Olympia-Saale, ein MASSEN-MEETING, zu welchem mehr als tausend Menschen erschienen waren. Nachdem Präsident Prof. Pick die Versammlung eröffnet hatte, erteilte er Oberrabbiner Dr. Chajes das Wrort zu einem eingehenden Referat über die Lage der Juden in Rumänien, welche sich von Tag zu Tag verschlimmert. „Wir erheben Protest gegen ein Unrecht" sagte Dr. Chajes: „und da ist zunächst gleichgültig, wem dieses Unrecht zugefügt wird. Wir hätten als Menschen auch dann die Pflicht zu protestieren, wenn es sich um Nichtjuden handelte, welche entrechtet werden. Es liegt uns ferne, das rumänische Volk, das selbst nicht judenfeindlich ist, irgendwie zu verletzen, wir wollen durch das Forum der Oeffentlichkeit nur mit der rumänischen Regierung sprechen, welche a 11 e den Juden angetanen Greuel nicht nur zuläßt, sondern, wie es scheint, sogar begünstigt; denn der einfachere, bessere und natürlichere Weg, daß nämlich die eine Million Menschen umfassende jüdische Bevölkerung dieses Landes durch ihre Vertreter selbst mit ihrer Regierung spricht, ist gegenwärtig vollständig verrammelt. Wenn es auch in Rumänien zu keinen Pogromen gekommen ist, so haben doch die Juden das Gefühl vollständiger Unsicherheit und nicht die Gewißheit, daß für ihre Rechte gesorgt und die gewalttätigen Elemente, die zumeist in der Studentenschaft zu suchen sind, zur Verantwortung gezogen werden. Ein jüdischer Abgeordneter hat im Parlament gesagt : „WirwerdenunsmitdemNumerus clausus befreunden müssen, weil wir sonst zum Numerus Nullus kommen." Bereits heute werden an den medizinischen Fakultäten in Bukarest und Cluj von den radikalen Studenten keine jüdischen Hörer geduldet. Die Regierung, die Mitglied des Völkerbundes ist, möge im Geiste des Völkerbundes vorgehen." Sodann ergriff der Vizepräsident der Kultusgemeinde und Präsident der „Union deutschösterreichischer Juden", Dr. Jakob O r n s t e i n, das Wort und begründete in einer eindrucksvollen Rede, welche auf die Versammlung tiefen Eindruck machte, die vorgelegte Resolution. Er stellte zunächst fest, daß diese Ver-

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