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Die Wahrheit · 1927-06-03 · Heft 23-24 (3.6.1927) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 23-24 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 iiiilti!!!!;»^ DIE WAHRHEIT «^i- ■■■ selbst während der schauerlichen Judenmetzeleien in der Ukraine war nie von einer Blutbeschuldigung die Rede. Nur hier und da tauchte in einem weltverlassenen Städtchen Litauens oder Weiß-Rußlands ein Gerücht auf, das aber keine weitere Folgen nach sich zog. Und nun auf einmal fängt also die Geschichte von neuem an oder besser, hat sie gar nicht aufgehört? Hat all die Mühe seit einem halben Jahrhundert nichts genützt und stehen wir heute genau dort wo wir im Prozeß von Tisza-Eszlar standen? Ist also jede Abwehrarbeit vergebens? So begreiflich ein derartiger Pessimismus erscheint, bei aufmerksamer Betrachtung erweist er sich als unbegründet. In früheren Zeiten, so oft eine Beschuldigung auftauchte, wurde sie mit angeblichen Zitaten aus dem Talmud und dem sonstigen jüdischen Schrifttum begründet. Die höheren gebildeten Stände der christlichen Welt waren tatsächlich überzeugt, daß das jüdische Religionsgesetz den Juden den Genuß christlichen, womöglich Kinderblutes, zu gewissen Riten vorschreibe, und daß diese Vorschrift irgendwo in dem weitschichtigen jüdischen Schrifttum offen oder versteckt angedeutet sich vorfinden müsse. Wir waren gezwungen, alle diese Zitate als gefälscht oder entstellt nachzuweisen, was ja sehr leicht war und zugleich, was nicht minder leicht war, andere Zitate herbeizuführen, die jeglichen Genuß, sogar von Tierblut, aufs strengste verbieten. In Anbetracht der ungeheuren Ausdehnung des jüdischen Schrifttums in Zeit und Raum war das eine Sisyphusarbeit. Immer von neuem konnte irgend jemand auftreten und versichern, er habe ein hebräisches Buch entdeckt, welches das geheime Blutritual der Juden enthalte. Seit mehr als 600 Jahren wurde das der gesamten christlichen Menschheit von Europa in unzähligen Prozessen eingeschärft. Am Ende glaubten es alle Schichten der christlichen Gesellschaft jede auf ihne Weise, fest und unerschütterlich. Wer konnte alle diese unzähligen Bücher durchgehen und ihren Inhalt vor der christlichen Welt ausbreiten, damit sie sich überzeugen, daß in ihnen nichts dergleichen stehe? August Rohling wurde auf Betreiben sehr hoher und mächtiger Kreise eigens aus Paderborn an die Prager Universität berufen, damit er aus den Tiefen seiner gründlichen Kenntnisse der hebräischen Literatur die wissenschaftlichen Beweise für die Blutschuld der Juden heraushole. — Diese Beweise waren ja ganz unzweifelhaft vorhanden, die als Rüstzeug des Tisza-Eszlarer Prozesses dienen sollten. Der Prozeß war zu einem bestimmten Zweck eingefädelt worden, und die hohen Kreise, deren Werk der Prozeß war, hegten zuversichtliche Hoffnung, durch Rohling das nötige Beweismaterial geliefert zu erhalten. Der Rabbiner einer kleinen Wiener Vorstadtgemeinde, Dr. J. S. Bloch, erkannte mit scharfem Blick, daß hier eine gwöhnliche, gelehrte Polemik, mochte sie noch so gründlich und scharf sein, nichts ausrichten konnte. Um dieses 700jährige, über die ganze Welt verbreitete Vorurteil zu erschüttern, bedurfte es einer Aktion, die in der ganzen Welt Aufsehen machte, die Gewissen aufrüttelte, die Intelligenz zum Nachsinnen zwang und so vermöge ihrer Intensität die ungeheure Wirkung der Legende durch Raum und Zeit einigermaßen aufzuwiegen vermochte. Durch sein kühnes Auftreten, das in den Kreisen der offiziellen Judenheit förmlichen Schrecken erregte, zwang er also den hohen kirchlichen Würdenträger und wohlbestallten Professor an der ältesten deutschen Universität, der nebenbei ein ausgesprochener Schützling der höchsten und mächtigsten Kreise Oesterreichs und Ungarns war, ihn wegen öffentlicher Ehrenbeleidigung zu verklagen. Er setzte es durch, daß der Gerichtshof die berufenste gelehrte Körperschaft von der Welt, die Deutsche Morgenländische Gesellschaft, aufforderte, Fachmänner zu bestimmen, die ein Gutachten über Rohlings wissenschaftliches Material abgeben sollten. Ueber zwei Jahre arbeiteten die Fachmänner an ihrem Gutachten. Wer sich eine Vorstellung davon machen will, mit welcher Spannung die gebildete Welt beider Hemisphären damals diesen Prozeß und das Erscheinen der Gutachten verfolgte, der muß die 1922 erschienenen „Erinnerungen" von Bloch nachlesen. Die ganze gebildete Welt fühlte, daß sie da unmittelbar vor der endgültigen Lösung" eines Rätsels stand, welches seit 700 Jahren auf der gesamten Menschheit wie ein Alpdruck lastete: Lebt tatsächlich in Europa ein Volk, dem seine mit unvergleichlicher Zähigkeit festgehaltenen Religionsvorschriften befehlen, Blut geschlachteter Christenmenschen, namentlich Kindsr, zu gewissen Riten zu gebrauchen? Beruhten die noch immer von Zeit zu Zeit auftretenden Gerüchte auf Wahrheit? Jetzt würde man es erfahren! Die ganze gebildete Welt beider Halbkugeln hatte absolutes Vertrauen zu der Gelehrsamkeit und Unbestechlichkeit der beiden großen deutschen Gelehrten, die von der angesehensten Organisation in Europa als die berufensten Fachmänner bezeichnet worden waren. Die Kirche, deren höchstes Oberhaupt seit dem 5. Mai 1247 so oft gegen die Verleumdung auftrat, deren nachgeordnete Organe dagegen ungleich häufiger sich zu Trägern eben dieser Verleumdung machten; die Regierungen aller Länder; die gesamte gelehrte Welt, insbesondere die Juristen; Politiker und Parlamentarier, im übrigen alle „besseren" Menschen, die im täglichen *) Erste Bulle Innozenz' IV. gegen die Blutbeschuldigung. Gott allein weiß, wie leid es mir tat. die Küche, in der es jetzt so viel Süßigkeiten gab, zu verlassen. Aber der Gedanke, daß ich selbständig einkaufen sollte, reizte mich sehr und ich rannte auf die Gasse. Es wurde ein trauriges Schewues bei uns. Meine Schwester Chane verschwand. Am Abend, als ich mit dem Vater ins Bethaus ging und die Mutter auf dem Sofa eingeschlafen war, gab man ihr ein Zeichen (die Mutter hörte im Schlafe einen lauten Pfiff) und fort war Chane — zu unseren Feinden. Und gerade Schewues, das Fest der Thora-Verkündigung, hat sie sich zu ihrer Flucht ausersehen. . . . Alles vergeht! Im Laufe der Zeiten verblassen Glück und Unglück, Gutes und Böses. Wir nähern uns immer mehr dem Orte des Vergessens und unsere Erlebnisse bleiben hinter uns, wie Steine am Wege, wie Grabsteine, unter denen Freunde und Feinde ruhen. . . . Das neue Leben, zu dem Chane geflüchtet war, hat sie wieder ausgestoßen. Ja, schnell hat sie ihre Hoffnungen vernichtet gesehen und die erträumten Blumen sind zu stechenden Dornen geworden. Und zurück konnte sie nicht mehr. Das Gesetz und zwei Grabsteine stellten sich ihr in den Weg: Die Grabsteine von Vater und Mutter. Wo ist sie jetzt . . .? Jeden Schewues-Abend erscheint sie mir. Ich sehe sie auf der Straße vor dem Fenster, als fürchte sie sich, einzutreten oder als wage sie es nicht, in ein jüdisches Haus zu kommen. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie in die Stube und erblickt nur mich allein. Voll Angst, bittend und anklagend, sieht sie mich an und ich verstehe in ihren Mienen zu lesen. „Wo sind sie", fragt ihr angsterfüllter Blick. „Verzeiht mir", bittet sie. Zornig beschuldigt sie uns und beklagt ihr trauriges Los. „Was wußte ich von eurem blutigen Haß und Hader! Du hast es im Cheder gelernt, aber meine Romane erzählten mir nichts davon." Daheim habe ich ein fremdes Leben geführt, ein fremdes, schönes Leben — doch tausendmal schöner hat es sich mir in den Büchern widergespiegelt. . . Wen habe ich denn verraten. Ich habe nur unsere gelben Feiertagsbrote mit Safran gegen anderes süßes Backwerk und die Abschnitte aus Mutters „Z e n u u r e n u"*) gegen schönere interessantere Geschichten vertauscht. Das bißchen Feiertagsgrün der Stube haben mir die frischen Wälder und Felder ersetzt und den ernsten traurigen Gebeten habe ich die Scheinwelt-der Erzählung vorgezogen Anstatt des engen, dumpfen, weltabgeschiedenen Lebens habe ich Sonne und Blumen sowie Freunde gesucht. . . Ich habe euch nicht verraten, denn ich habe euch nicht gekannt und von euren Schmerzen nichts gewußt. Ihr habt mir von euch nie ein Wort erzählt. . . Warum habt ihr zu mir nicht von eurer Liebe gesprochen, von der Liebe, die sich von eurem Blute nährt? Warum habt ihr mir von eurer Schönheit, von eurer düstern Schönheit nicht erzählt . . .? Alles Schöne, Große und Gewaltige habt ihr Männer für euch behalten. . . Von mir, von uns, die wir mit der Jugendkraft dem Leben zustreben, von uns habt ihr süßes Backwerk, gelbe Feiertagskuchen verlangt. . . . Uns habt ihr aus eurer Welt verbannt . . ." So sprach Chane zornig! . . . Soll er sie richten, der über allen Völkern thront, der über ihren Streit und ihre Kämpfe entscheidet . . .! *) Andachtsbuch für Frauen,

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