Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT WOm Seit*. 3 die Lichtsaat der Tugend, Wahrheit und Qottesyerehrung, alles Guten und Schönen darin auszustreuen und zur Blüte zu bringen?! All die Schätze, die ihr mir hinterlassen, sie sind nun samt und spnders dahin, und mir ist davon nichts geblieben, als das drückende Gefühl meines Elends. Um so gewichtiger dringt eine solche Mahnung an dem Feste, das wir nun zu begehen uns anschicken, auf uns ein, wenn unsere Erinnerung bei der bekannten Legende verweilet, welche an die Gesetzgebung vom Sinai anknüpft. „Gott verlangte von Israel, Bürgen zu stellen für seine Lehre, bevor er sie ihnen anvertrauen könne. Da brachten die Juden ihre Kinder und der Herr sprach mit zufriedenem Lächeln: „Gut, eure Kinder, das sind mir die rechten Bürgen für mein Gesetz!" (M. Schocher-tow zu Sprüche 6, 1.) Vergesset es also nie, daß eure Kinder eure Bürgen sind vor Gott und Welt. Erziehet und unterweiset sie so, daß sie einst einstehen können für die Lauterkeit eurer Gesinnung, für die Rechtschaffenheit eurer Handlungen, für e u e r gerechtes Wesen und Walten, Bürgen für den edlen Inhalt der Gotteslehre, für den rein menschlichen Kern des Judentums; auf daß der Herr von euren Kindern stets wie damals am Sinai sagen könne: Fürwahr, das sind mir gute, treue Bürgen! Dr. P. Zur Psychologie der Ritualmord-Legende. Von Binjamin Segel. Die Veröffentlichung der „Urkunden, die anklagen" in der vorletzten Nummer der „Wahrheit" hat wieder einmal bewiesen: die Ritualmord-Legende ist noch lange nicht gestorben! Und doch hatten wir uns. seitdem im nicht mit Reichtum oder Armut zusammen, wohl aber mit der Fähigkeit, Gelüsten einen Riegel vorzuschieben, Begierden und Triebe zu meistern. Darum bedeutet die Unbildung eine Gefahr für alle. Sie ist die Quelle der Zügellosigkeit. des Aufruhrs, des Murrens und der Gewalttat. Wer daher dem Volke dienen will, den Weg des Heils der Gesamtheit zu bahnen sich berufen fühlt, vergesse nicht, daß mit Ausbreitung von Bildung und Erziehung, mit Stärkung der Chairakterwerte in den breitesten Massen des Volkes diesem selbst am meisten geholfen ist Warum weinte das Volk, warum sprach es auch: „Wer gibt uns Fileisch zu essen?" Weil Gesindel unter ihnen Gelüste hatte, und das böse Beispiel noch immer gute Sitten verdorben hat Aber auch, weil es selbst sittlich nicht ausreichend stark, in seinem Charakter nicht genug gefestigt war, der Verlockung des rohen ungebildeten Häufleins zu widerstehen. Nicht grundlos heißt der Ort jenes Ereignisses „Gräber der Lüsternheit" und erhält die dauernde Erinnerung an den Zusammenbruch eines Volkes, weil die Tatsache des Unglückes, das Schuldige und noch mehr Unschuldige dahinraffte, selbst den Verstocktesten überzeugen muß, wohin es führt, Gelüste zu wecken. Den traurigen Ruhm, diese Gelüste geweckt zu haben, hat aber „das Gesindel". Und diesen Namen verdienen alle, die zur unrechten Zeit und am unrechten Ort in einem ruhigen, bescheidenen Volke Gelüste entfachen, das Volk zum Weinen und Unglück bringen. Das Gesindel wird man nie ausrotten, und wie Unkraut wird es immer da oder dort aufschießen. Es gibt nur ein erfolgreiches. Mittel dagegen: das Volk gut und immer besser erziehen, die edlen Triebe wecken und Bildung des Geistes und Herzens in die Menge hineintragen. Je stärker ein Volk in Selbstzucht, in Unterdrückung seiner Gelüste und Begierde ist, desto schwächer und machtloser ist das Gesindel." Man gebe dem Volke gute Schulen, richtige Erziehung, führe den Geist des Volkes in rechten Bahnen, dann befreit man es von dem „Gesindel", von den Ge- KUNEROL Verbürgt reines Fett ans Kokosnüssen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G.,"Wien» Atzgersdorf, gepreßt und die Erzeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann daher von jedem Sireng« gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei* tung der Speisen verwendet werden. Jahre 1913 die Anklage im Kiewer Beilis-Prozeß so schmählich zusammenbrach, in Sicherheit gewiegt, daß diese Legende ein für allemal abgetan sei. Seit Ausbruch des Weltkrieges und erst recht seit seiner Beendigung ist, namentlich in Osteuropa, des Leides genug über die Juden gekommen. Aber lüsten und den Gräbern der Lüsternheit, gibt ihm Haus und Hof, Frieden und Zufriedenheit. Die Verstoßene. Von J. L. P e r e z. Den ganzen Mai hatte man von Regen und Kälte zu leiden. Es schien fast, als würde kein rechter Sommer mehr kommen, aber gegen Schewues war plötzlich die Sonne da. „Wissen ist Licht", sagte der Vater von Stolz erfüllt und begann den Tikin-Schewues hervorzusuchen. „An die Arbeit, dem Feiertag zu Ehren", sprach die Mutter freudig und ging mit frischer Kraft an das Backen von Butterteigkuchen. „Gelbe Feiertagsbrote werde ich auch backen", rief sie uns zu. Es dauerte nicht lange und der Duft von frischem Teig, Zimt und heißer Butter erfüllte die Stube. Meine jüngere Schwester Chane kümmerte sich um nichts. Sie saß beim Fenster über ihrem Roman, doch ohne zu lesen, und blickte unruhig auf die Straße. Die Mutter spornte sie einige Male zur Arbeit an, aber Chane antwortete nicht einmal. Auf ihrem blassen Gesicht erschien ein spöttisches Lächeln. Sie öffnete die Lippen, als wollte sie etwas sagen, aber sie sprach kein Wort und begann zu lesen. „Faules Ding", brummte die Mutter, „immer hockt sie über ihren Büchern. Was weiß sie von einem Feiertag." Als der Vater den Tikin-Schewues gefunden und abgestaubt hatte, legte er sich nieder, denn er mußte die Nacht im Bethause wachend zubringen. Die Mutter gab mir ein paar Groschen und schickte mich grüne Zweige und buntes Papier zum Schmuck der Stube einzukaufen.