Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 23-24 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 üflH Wmm DIE WAHRHEIT die Berechtigung seines ganzen Lebensprinzips, den Siegespreis seines gesamten Lebenskampfes, den Erfolg von all seinem Sinnen und Scharfen streitig zu machen? Der Lebendige kann seine Ansicht verteidigen, kann dir Rede stehen, kann dich gewinnen, oder einschüchtern — doch nicht der Entschlummerte. Und welcher Mensch von Ehre und Gewissen wird die Ohnmacht des Wehrlosen zu seinem Vorteil mißbrauchen? Wie die Achtlosigkeit gegen die Verblichenen darum verdammenswerter ist, so kann die zarte Rücksicht, die man denselben angedeihen läßt, um so edler gelten, weil sie fernabliegt von allen selbstsüchtigen Hintergedanken und schnöden Beweggründen. „Welche Rücksicht ist wahrhaft und aufrichtig? Die Rücksicht, die man den Toten erweist" (Ber. Rab. 96). Naemi's Worte: „Gott erweise euch Gnade, wie ihr sie den Toten erwiesen," bilden den besten Segen, den rechten Lohn für das Wohlwollen gegen die Verstorbenen. Geboten erscheint es uns auch, die Ansprüche jener zu achten, die schon im Leben den Toten gleichen (Nedarim 64 b) die Ansprüche der Armen, welche das Mißgeschick auf das Mitleid ihrer von Glück begünstigteren Mitbrüder hingewiesen hat. Aber verwerflicher noch als die Rücksichtslosigkeit, welche dem Dürftigen die Mittel zur Fristung seiner leiblichen Existenz vorenthält, ist die Unbedachtsamkeit, welche den wissensarmen Kindern die nötigen Mittel zur Entwicklung ihres Geistes und Gemütes entzieht. „Wer die Lehre dem unterrichtsbedürftigen Kinde nicht gewährt, der begeht einen Raub an ihm." (Synhedrin 91 b.) Der Arme, dem man heute die Gabe nicht verabreicht, er kann morgen schon durch eine günstige Wendung seiner Verhältnisse geben, wo er gestern nehmen sollte. Doch das Kind, dem man die geistige Spende der Bildung, die Erziehungsmittel verweigert, an dem begeht man?ine Sünde für die spätesten Jahre. Es muß diese Feuilleton Gesindel Von Dr. V. K u r r e i n. „Das Gesindel, das unter ihnen war, hatte Gelüste; da weinten auch die Israeliten wieder und sprachen: „Wer gibt uns Fleisch zu essen?" IV, 11, 4 Ein Wort der Weisen lautet: „Das tägliche Brot zu beschaffen ist für den Menschen ebenso schwer und wunderbar als die Teilung des Schilfmeeres, die einst um Israels willen geschah." Es ist ein wahres Gotteswunder, daß alle hungrigen Mägen gesättigt werden, und die Wüsten Wanderung Israels zeigt es in lebendigen Bildern. Das Klagelied, das stets von neuem anhebt, die Seufzermelodie, die immer wiederkehrt, lautet: „Das Volk murrte!" Was ist der Grund dieses unaufhörlichen Murrens und der stets regen Unzufriedenheit? Bald ist Wasser nicht zu finden, bald Brot nicht vorhanden, und wieder mangelt es an Fleisch. Wunder über Wunder müssen geschehen. Bitteres Wasser wird trinkbar, Brot regnet vom Himmel, aus dem Felsen strömt der Quell. Gott muß helfen, deim „der Schlüssel, der die Nahrung spendenden Vorratskammern öffnet", ist fest in Gottes Händen, und niemand kann ihn ihm entwinden. Stimmung oder Mißstimmung, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, Tränen der Freude oder des Leides — alles hängt bei uns Menschen von dem Wunder der Parnasso, von dem Anteil ab, den Gott uns aus seinen Vorratskammern erschließt. Eigentlich ist es traurig und beschämend, daß die Menschheit über den Kindeszustand noch nicht hinausgekommen ist und wie ein rechtes Kind die wahre Freude hat Hartherzigkeit sein Lebenlang bitter empfinden und beklagen; besonders aber, wenn man es verabsäumt, im kindlichen Herzen die moralischen Grundlagen der Glaubenstreue und Sittlichkeit anzubauen und ihm so die unerläßliche Wegzehrung, die rechten Wegweiser für sein ganzes Leben mitzugeben. Und mögen Eltern noch so sehr bemüht sein, durch rastloses Jagen nach Glücksgütern, ihren Kindern, wenn sie von ihnen für immer scheiden sollen, eine sorgenfreie Zukunft zu sichern, eine geachtete Stellung in der Welt zu schaffen — was frommen alle Schätze, welche die sterbenden Eltern den Kindern hinterlassen, wenn sie ihnen den kostbarsten Schatz vorenthalten haben, die rechte Bildung und Veredlung des Herzens, die tugendhafte Gestaltung ihres Charakters. Mit dem Geld und Gut, das Eltern mühsam für ihr Kind zusammenraffen, können sie ihm nicht zugleich die Bürgschaft vermachen, daß es dasselbe auch behalten und zu seinem Frommen und zum Wohl der Welt benutzen werde. Mit all ihrem Geld und Gut können sie ihr Kind nicht auf Lebensglück und Lebensfreude, auf Achtung und Ehre versichern, wenn sie ihm die Hauptbedingung des wahren Heiles, den inneren Charakterwert nicht übermittelt haben. All die Mühen, Sorgen und Plagen, mit denen Eltern Schätze für das Kind sammeln, sie werden nicht den Vorwurf aufwiegen können, den einst das Kind den Eltern zu machen berechtigt ist: Warum habt ihr mich nicht frühzeitig mit all den geistigen Mitteln ausgerüstet, deren ein wackerer Mensch auf Erden bedarf, um gottgefällig und menschenbeglückend zu leben, um den Fährnissen und stürmischen Ereignissen kühn die Stirne bieten zu können, um den Lockungen des Lasters, den Anfechtungen der Leidenschaft wirksam Stand zu halten? Warum habt ihr es verabsäumt, die Giftpflanzen der schnöden Triebe aus meinem Herzen zu jäten und dafür und zeigt erst, wenn sie zu essen bekommt. Kultur, Erziehung, geistiges Streben sind nicht stark genug, den Magen zum Schweigen zu bringen, seine Gelüste zu bändigen. Die Thora berichtet: „Das Gesindel, das unter dem Volke war. hatte Gelüste." Diese Worte bedeuten eine Ehrenrettung des übrigen Volkes. Nicht das ganze Volk war so kleinlich gesinnt, so begehrlich und lüstern. Aus dem Bodensatze des Volkes erhob sich die murrende Begierde, aus den untersten Schichten kam der unzufriedene Hunger nach Leckerbissen. Es gibt in jedem Volke eine Gruppe — es läßt sich nicht sagen, ob es die der Armen oder Reichen, der Hohen oder Niederen ist —, die lebt, um zu essen, murrt, wenn sie nicht täglich Fleisch hat, und Tisch und Tafel nicht reichlich besetzt ist. Diese, die kein anderes Ideal als das des Magens kennt, ist das „Gesindel" und ist mit Gott und Führer unzufrieden, wenn ihre Gelüste nicht gestillt werden. Die wahre Herzens- und Geistesbildung bei Arm oder Reich macht genügsam und zufrieden. Diese Tatsache haben die Alten in ihrer Weise zum Ausdruck gebracht, wrenn sie sagen: „Brot mit Salz sollst du essen — das ist der Weg zur Thora." Moses konnte vierzig Tage und Nächte aushalten, ohne Brot zu essen und Wasser zu trinken, um die Tafeln Gottes zu empfangen. Elia vermochte, Wasser trinkend aus dem Bache, essend von dem, was die Raben ihm brachten, der Sendung Gottes zu harren. GeSehrte, Dichter, Männer der Wissenschaft und Forschung haben ebenso wie schlichte Arbeiter und Handlanger gedarbt und gehungert, wenn es um große Werke und Ziele ging. Die Könige des Geistes, die Beherrscher der Gedanken und Forschung haben oft in Entbehrungen den letzten Arbeiter und Handlanger übertroffen. Die Thora schreibt: „Das Gesindel, das unter ihnen war, hatte Gelüste; da weinten auch die Israeliten wieder und sprachen: „Wer gibt uns Fleisch zu essen?" Die Erklärer fügen die vielsagende Bemerkung bei: „Unglück kommt wegen des ungebildeten Volkes über die Welt." Bildung oder Unbildung hängt