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Die Wahrheit · 1927-05-27 · Heft 22 (27.5.1927) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 22 (27.5.1927)
Date
1927-05-27
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT reicht worden zu sein. Zwar hat die Opposition erkennen müssen, daß man nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen kann, zwar hat die bisherige- Majorität ihre antisemitischen Seitensprünge mit einer Verminderung ihrer Mandatsziffer bezahlen müssen — lauter vom" Standpunkte des reinen Oesterredchertums begrüßenswerte Tatsachen —, doch die Blutauffrischung und Verjüngung, die eine, wenn auch nur geringe Zahl wahrhaft demokratisch gesinnter Männer unserem Parlament gebracht hätte, sie ist infolge der Tücke unseres Wahlrechtes ausgeblieben. In der Regierungsschüssel stecken jetzt statt zwei drei Löffel, ein christlichsozialer, ei« großdeutscher und ein landbündlerischer, doch wird dafür gesorgt werden, daß auch für die allzeit getreue Opposition einiges von der ohnedies so kärglichen Mahlzeit abfällt, deren Kosten auf jeden Fall der Bürger wird zu tragen haben; denn voraussichtlich Wiarden die erhöhten Lebensmittelzölle, die den Landbümdlern bei ihrem Eintritt in die Regierung versprochen wurden, nur durch eine beträchtliche Vergrößerung der sozialen Lasten den Sozialdemokraten abgekauft werden müssen. Auf diesem Wege werden nach und nach nicht nur die Renovierungs- und Anstreächerkosten auf den Rücken desjenigen überwälzt werden, dessen Stimme im neuen Hause nicht gehört werden wird, sondern es werden darüber hinaus auch die Reparationsgelder von ihm getragen werden müssen, welche die diversen Parteien zur Wiederauffrischung ihres 'eigenen Ansehens benötigen werden. „Renoviert und frisch gestrichen aus den Mitteln der Partei- und Wahlfondskassen!" Wer wird in Wirklichkeit die Rechnung zu bezahlen haben? Die Bloßsteller des Deutschtums. Das tschechoslowakische Postministerium hat einen Erlaß herausgegeben, der die Beförderung österreichischer und deutscher hakenkreuzlerischer Zeitschriften untersagt. Diese Regierungsverfügung muß als eine empfindliche Beschämung des Deutschtums gewertet werden. Denn bei der politischen Ohnmacht, zu der die NichtSlawen in der Tschechoslowakei bei der derzeitigen Konstellation der Dinge verurteilt sind, kann das Deutschtum seine Ansprüche auf einen Platz in der Sonne in diesem Lande nur auf kulturellem Wege zur Geltung bringen. Das hat es ja auch kräftig genug versucht, und die Tschechen bekommen immer wieder zu hören, daß sie, eingeschlossen von zwei deutschen Staaten und im eigenen Lande von einem Kranze reindeutschen Sprachgebietes, ihre Kultur nur dein Germanentum verdanken. Dieser Argumentation gegenüber wirkt das zitierte Einfuhrverbot deutscher und österreichischer Hakenkreuzzeitungen als eine Abwehrgeste voll Ironie und Sarkasmus. Es heißt so viel wie: „Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen! Wir, die angeblichen Unterdrücker nationaler Minoritäten, sperren uns gegen den Import eines Geistes, der in der Unterdrückung anderer Rassen das Um und Auf der Politik erblickt. Und wenn uns Deutschland und Oesterreich keine anderen Kulturschätze zu bieten haben als die Produkte dieses Geistes, dann danken wir verbindlichst für eine weitere Bereicherung unseres Geistestebens aus den angeblichen Wiegen unserer Kultur!" Die Groteske wird noch durch die Tatsache erhöht, daß das Hakenkreuz in Oesterreich und, auf dem Umweg über dieses auch in Deutschland, sich als Import aus Deutschböhmen erweist. In den Alpenländern ist die Bevölkerung in erster Linie katholisch -gläubig einr gestellt und nur soweit die Kirche das antisemitische Schlagwort als Mittel zum Zweck fruktäfizierte, hat dieses sich durchzusetzen vermocht Der Antisemitismus als Selbstzweck, als zoologisches Prinzip, hat nur unter den Sudetendeutschen seine begeisterten Apostel gefunden. Und diese Begeisterung war oft im Grunde nichts anderes als der erfahrungsgemäß besondere Radikalismus des — Proselytentums. Denn die radikalen Verfechter des Teutonentums im altösterreichischen Parlament trugen slawische Familiennamen und verrieten dadurch, daß ihr Deutschtum nicht gerade aus den Tagen Hermanns des Cheruskers datierte. Und diese „Jungdeutschen" — in jedem Sinne des Wortes — wagten es, die uralte Verbundenheit von Deutschtum und Judentum zu bestreiten und zu zerstören. Sie haben dadurch die opferfreudigsten Vorkämpfer des sudetenländischen Deutschtums vor den Kopf gestoßen, ihnen, wenn schon nicht die Treue, so doch die Kampfesfreude geraubt und die junge Generation zum Teil dem Schemen einer eigenen jüdischen Nation zugetrieben. Noch heute, da die Sudetendeutschen sich einer fremdnationalen Herrschaft ausgeliefert sehen, der gegenüber größte Einmütigkeit geboten wäre, verhindern sie durch des Arierparagraph den Zusammenschluß aller Deutschgesinnten. Dadurch berauben sie sich nicht nur selbst der Möglichkeit ihrer politischen Erstarkung. in einer bedrohten Position, sondern sie kompromittieren das Deutschtum auf der ganzen Welt. Schließlich waren die Deutschen, lange bevor sie als kaufmännische Konkurrenten gefürchtet wurden, berühmt als das Volk der Dichter und Denker. Deshalb sollte sie der Stolz über die Exportfähigkeit deutscher Industrieprodukte nicht unempfindlich machen gegen die Blamage, die in der Sperrung der tschechoslowakischen Grenzen gegen den Import gewisser deutscher Geisteserzeugnisse liegt. Dr. Hugo S p i e g 1 e r, in der Berliner „ Jüd.-Lib.-Ztg." Einreiseverbot für einen Hakenkreuzführer. Dr. Goebbel, der Führer der Berliner Nationalsozialisten, darf nicht nach Oesterreich kommen. Dies bedeutet nicht nur für die Wiener Nationalsozialisten eine arge Verlegenheit, sondern vielleicht in noch höherem Grade für Doktor Goebbel selbst; denn er sollte, besser gesagt, er mußte in einer Wiener Hitler-Versammlung sprechen, und zwar hatte er zwingende Gründe hierfür; er wird nämlich wegen seines aufreizenden und gewalttätigen Verhaltens in einer Berliner nationalsozialistischen Versammlung, in deren Verlaufe es zu argen Ausschreitungen gegen Andersgesinnte und insbesonders gegen einen katholischen Geistlichen kam, von der Berliner Polizei gesucht und soll verhaftet werden. Um ihren Parteifreund der Verhaftung zu entziehen, haben ihn seine Parteifreunde nach — Wien gesendet, und zwar unter dem Vorwand, er habe daselbst eine Rede zu halten. Nun aber hat ihm die Wiener Polizeibehörde, die eine Wiederholung der Berliner Vorfälle in Wien durchaus nicht wünschen konnte, einen Strich durch die Rechnung getan. Was Wunder, daß darob bei den Wiener Hakenkreuzlern (Hitler-Gruppe) die vorschriftsmäßige Erregung ausgelöst wurde, die sich auch in einer Versammlung, welche am 20. d. M. auf der Landstraße abgehalten wurde, Luft machte. An der Versammlung nahmen gegen 350 Personen teil, die nachher entgegen dem polizeilichen Verbot in geschlossenem Zuge gegen die Stadt marschieren wollten. Bei der Rochuskirche stellte sich dem Zuge Sicherheitswache entgegen. Es kam zu mehrfachen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf eine Person wegen Nichtfolgeleistung festgenommen wurde. Der Zug zerstreute sich dann. 1 Die österreichischen Hochschulen „verjudet"? Das Nachrichtenblatt der „Deutschen Studentenschaft" teilt folgendes mit: „Vom 30. März bis 1. April fanden an der Technischen Hochschule in Wien die Wahlen in die Kammer der „Deutschen Studentenschaft" statt. Von 2646 Wahlberechtigten, also von allen volleingeschriebenen deutschen Hörern, haben 2150 ihre Stimmen abgegeben, was einer Wahlbeteiligung von 81,25 Prozent entspricht. Auf die „Völkische Front" entfielen 1730, auf die „katholisch-deutsche Gruppe" 409 Stimmen. Demgemäß hat die völkische Liste 20, die katholisch-deutsche Gruppe 5 Mandate. Besondere Beachtung verdient folgende Feststellung: Bei Durchführung des allgemeinen Studentenrechtes an der Technischen Hochschule in Wien würde sich die Zahl der Wahlberechtigten um 176 (Anzahl der inländischen jüdischen ordentlichen Hörer), also auf 2822 erhöhen. Selbst für diesen Fall ergibt sich eine Wahlbeteiligung ü Danksagung Anläßlich der Einweihung der von mir gespendeten Thorarolle im großen Leopoldsfadfer Tempel, sind mir so viele Beweise von Freundschaft und Ehrung zugekommen, daß ich außerstande bin, hiefür jeden einzelnen geziemend Dank zu sagen. Ich spreche daher auf diesem Wege den verehrlichen Korporationen und allen Freunden und Bekannten meinen wärmsten und liefgefuhllesten Dank aus. H Wien, im Mai 1927. Siegmund Ernst m Iii? äBgesuiübä

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