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Die Wahrheit · 1927-05-27 · Heft 22 (27.5.1927) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 22 (27.5.1927)
Date
1927-05-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 Im abgelaufenen Jahre hat der Tod mehrere uns nahestehende überaus verdienstvolle Männer uns entrissen, denen wir stets ein ehrendes Andenken widmen wollen. So betrauern wir mit unseren ungarischen Glaubensgenossen das fern von der geliebten ungarischen Heimat erfolgte Hinscheiden des ungarischen Abgeordneten und ehemaligen Justizministers Geheimrat Dr. Wilhelm Väzsonyi, dessen große Verdienste um sein Vaterland und das Judentum, als dessen treuer Sohn er sich immer fühlte, wir stets vollauf zu würdigen verstanden. Wir beklagen ferner den Tod des Herrn Professor Salomon E h r m a n n, der neben seiner hervorragenden wissenschaftlichen Bedeutung im politischen Leben des österreichischen Judentums von außerordentlicher Bedeutung war. Professor Ehrmann war ein von glühender Liebe zu seinem Glauben erfüllter .Jude, dem die Ehre des Judentums über alles ging und der allzeit stolz für das Judentum eintrat. In Bekundung dieser Gesinnung war er durch viele Jahre im Vorstande der „Union" unermüdlich tätig, an ihren Arbeiten teilnehmend und ihre Ziele fördernd. In herrlicher Weise hat Professor Ehrmann die Geschichte, Bedeutung und Sendung der „Union" in einer Festrede anläßlich ihres 25jährigen Jubiläums umrissen, in der er entschieden „unsere Zugehörigkeit zur Kulturgemeinschaft desjenigen Volkes, unter dem wir leben", betonte. Einen gleichen, unverrückbaren Standpunkt vertrat auch der deutsche Gesinnungsgenosse, um den das deutsche Judentum und wir mit ihm trauern, Paul Nathan. In ihm verliert das Judentum einen der hervorragendsten und tapfersten Streiter für das Recht und die Ehre der Juden auf dem ganzen Erdenrunde. Schließlich sei noch des kürzlich erfolgten Hinscheidens eines verdienstvollen Beamten der „Union" Herrn Julius L ö w y .gedacht, der in treuer Diensterfüllung jahrzehntelang in unserem Büro ersprießlich wirkte und qesseoi Tod wir ebenfalls beklagen; der Trauer der „Union" hat an seiner Bahre unser Präsident Ausdruck gegeben. Die „Union" wird in dem bevorstehenden Jahre den Kampf für die Rechte und Interessen des österreichischen Judentums auch weiterhin zu führen bestrebt sein; ein Erfolg kann diesem Bestreben nur dann zuteil werden, wenn sie von allen ihren Mitgliedern und Anhängern in diesem Kampfe tatkräftig unterstützt wird. Darum treten wir heute an all diese unsere Freunde mit der dringenden Bitte heran, uns auch weiterhin ihr Vertrauen zu schenken und uns auch fürderhin die gleiche treue Gefolgschaft zu leisten wie bisher. Fremdenverkehrswerbung in Oesterreich. Zu dieser in Nummer 20 erschienen Notiz über den Antisemitismus im Seebad Weißensee in Kärnten ist noch nachzutragen, daß sich die Feindschaft gegen jüdische Sommerfrischler in allen Sommerfrischen an diesem See austobt. Die Fremdenverkehrsverbände dieser Orte haben beschlossen, die Seesommerfrischen „von Juden zu reinigen" und Bemerkungen dieser Art auf den Drucksorten anzubringen. Der Beschluß erfolgte auf Antrag einer Lehrerin namens Maria Oberlercher in Techendorf. Man kann sich darnach leicht vorstellen, wie fabelhaft diese Lehrerin erzieherisch wirken muß. Die „Reichspost'4 hilft nämlich mit Adressen antisemitischer Sommerfrischen. Ihrem „Reise- und Sommerfrischen-Anzeiger" vom 22. d. M. entnehmen wir die folgenden „Weltkurorte", die unserem Verzeichnis (siehe „Wahrheit", Nr. 20) anzufügen sind: Aggsbach- Markt, Wachau („Nur an Katholiken"); Emmersdorf a. d. Donau, Wachau („Nur Arier"); Weyregg am Attersee, Ober-Oesterreich (Lehrerheim, „Nur für Arier"); Reichenthal, Mühlviertel („Nur für Arier"). Bezugsbedingungen.» Ifalbjdhrlg: für Oesterreich S 8.50, Ungarn Pengö 8-50, Deutschland Goldm. 7.—, Tschechoslowakei cK60—, Polen ZI. 11—, Schweiz Fr. 7.-, Amerika 17» Doli., Italien Lire40.—.EnglandSchilling 15.—, Rumänien Lei 300.—, Jugoslawien Dinar 100.— ^Wahrheiten vom Jaj^^ Renoviert und frisch gestrichen aus den Mitteln der Partel- und Wahlfondskassen. Da es in Wien üblich ist, bei Häusern, die aus öffentlichen Geldern erbaut werden, an der Außenfront in weithin sichtbaren Lettern bekanntzugeben, woher die. Mittel für den Bau stammen, wäre es nur recht und billig, wenn auch das Abgeordnetenhaus, dessen feierliche Neueinweihung am 18. d. M. stattgefunden hat, sich diese zwar demagogische, aber immeihin ganz originelle Art der Anbringung von Inschriften zu eigen machen würde. Dann wäre eben auf das neu renovierte Haus am Franzensring die Aufschrift zu setzen: „Renoviert und frisch gestrichen aus den Mitteln der Partei- und Wahlfondskassen." Allerdings könnte einer einwenden, daß die Mittel, die zur Renovierung aufgewendet wurden, und die. wie wir wissen, ganz gewaltige waren, in gar keinem Verhältnis zu dem tatsächlichen Werte der Erneuerung stehen und daß das bißchen frischer Anstrich, mit welchem die schadhaften und verwitterten Stellen des alten Hauses übertüncht wurden, eine solche Inschrift nicht am Platz erscheinen lasse. Doch, nachdem nun schon einmal der Oesterreichetr trotz seiner Armut und seines Elends es für gut befunden hat, für so geringfügige Reparaturarbeiten Millionen von Schillingen auszugeben, warum sollte er nicht das Vergnügen haben, jedesmal, wenn er beim Parlament vorübergeht, an die aufgewendeten Parteigelder gemahnt zu werden, ebenso wie er etwa durch die Aufschrift auf den städtischen Wohnhausbauten an die Wohnbausteuer in so geschmackvoller und diskreter Weise erinnert wird. Es wäre dies gewiß von großem volkserzieherischen Werte. Wird auch der Oesterreicher in die Lage kommen, sich des frisch gestrichenen Hauses seiner Volksvertreter zu freuen? Wird er sich einst mit dankbarem Herzen jenes 24. April 1927 erinnern, der ihm dasselbe gebracht hat? Wrir glauben kaum; denn der Zweck, an die Stelle des Alten, Wurmstichigen und Mangelhaften etwas Neues, Gesundes und Kraftvolles zu setzen, das in der Lage ist, Wertvolles zu leisten und den Forderungen der Zeit und der Wirtschaft gerecht zu werden, erscheint wohl nicht er- Israelitische Kultusgemeinde Wien. Z. 3299 ex 1927. Ü Stellenauuchreibung i Bei der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gelangt die Stelle eines Ersten Kantors lür den Tempel 1., Selfenstettengasse 4, zur Besetzung. Bewerber um diese Stelle haben nachzuweisen: Einwandfreie Lebensführung in moralischer und religiöser Hinsicht, vorzügliche Kenntnisse im hebräischen Schrifttum und in der Liturgie (Koreh), vorzügliche Stimmittel und gründliche Musikalität, ihr Alter, die Staatsbürgerschaft, den Familienstand, die zurückgelegten Studien und bisherigen Verwendungen. Die Bewerbungsgesuche sind, mit den vorstehenden Nachweisungen belegt, bis längstens 20. Juni 1. J. bei der Amtsdirektion der israelitischen Kultusgemeinde, Wien I., Seitenstettengasse 4, schriftlich einzubringen. Reisekosten werden nur den zu Probevorträgen berufenen Bewerbern vergütet. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Wien, 20. Mai 1927. (Nachdruck wird nicht honoriert.) J

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