Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 22 (27.5.1927)
- Date
- 1927-05-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHftMfin Soldaten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Armee" uns angegliedert ist. Auch zahlreiche Einzelfälle wurden durch uns der Erledigung zugeführt, denn noch immer ist die Zahl derjenigen, die bei uns Schutz und Hilfe suchen, eine große; wir bemühen uns auch, allen Petenten, ohne Unterschied ihrer Gesinnung oder ihrer Herkunft, dienlich zu sein. Wir finden gewöhnlich auch bei den angerufenen behördlichen Stellen das gewünschte Entgegenkommen und haben so vdel Not und Elend zu Lindern vermocht. Auch die innere Vereinstätigkeit hat im abgelaufenen Zeitraum eine Intensivierung erfahren, namentlich haben unsere zahlreichen Versammlungen den Zusammenhang unter den Mitglieder gestärkt. Solche, zumeist sehr gut besuchte Veranstaltungen, fanden statt: Am 27. Mai 1926 im 3. Bezirk: Vortrag des Herrn Alexius Salzer über die Bedeutung der Juden im Wirtschaftsleben und Referate über die Tätigkeit unserer Mandatare in der Kultusgemeinde. Am 22. November 1926 im 21. Bezirk: Medizinalrat Dr. Heinrich Haase über unsere Stellung zum jüdischen Nationalismus und Börserat Ignatz Glück über die Kultusgemeinde und die Parteien. Am 14. Dezember 1926 im 10. Bezirk: Kultusvorsteher David Dohan über das Versorgungshaus der Kultusgemeinde und Dr. Maximilian Stiglitz über die Juden in Wien. Am 18. Jänner 1927 im 1. Bezirk: Regierungsrat Doktor Hermann Oppenheim über das Budget der Wiener Kultusgemeinde für das Jahr 1927. Am 23. Jänner 1927 in Wiener-Neustadt: Präsident Doktor Jakob Ornstain über die Tätigkeit der ..Union", Dr. Leo Deutschländer über die geistigen Strömungen der Judenheit und Börserat Ignatz Glück über die politische Stellung der österreichischen Juden. Am 14. Februar 1927 im 9. Bezirk: Dr. Josef Ticho Gedanken über die Kultusgemeindeverwaltung. Am 9. März 1927 im 2. Bezirk: Baurat Wilhelm Kempler über die neuen Frieöhofanlagen der Kultusgemeinde; Bszirksrat Koloman Freuder über Demokratie und Judentum. Allen diesen Rednern sei für ihre meist ausgezeichneten Ausführungen auch an dieser Stelle unser wärmster Dank bekundet, ebenso gilt den einzelnen Einberufern wie auch den Propagandisten der Veranstaltungen unser besonderer Dank. Die meisten Referate erschienen nach den Vorträgen auch in unserem Organ, so daß auf diese Weise die Wirkung der Veranstaltungen noch erhöht wurde, wie überhaupt die „Wahrheit" auch im abgelaufenen Zeiträume bestrebt war, alle Aktionen unseres Vereines in publizistischer Hinsicht tatkräftig zu fördern. Was nun die innerjüdischen Probleme angeht, so hat insbesondere die „Wiener Morgenzeitung4' oft durch gehässige Angriffe gegen unsere Vereinigung und deren Führer, namentlich auch bei den letzten National- und Gemeinderatswahlen das Interesse ihrer Leser zu wecken versucht. Wir aber werden nie auch nuir um Haaresbreite von dem uns vor gezeichneten Wege abweichen. Im abgelaufenen Jahre sind zwei Kultuswahlen in der Provinz für uns von entscheidender Bedeutung gewesen, in Linz und in M ö d 1 i n g. Bei den ersteren bedeutete die Erlangung von 11 Mandaten durch die uns nahestehende und von uns unterstützte .„lüdisch-d'Eunokratische Partei" einen Erfolg, weil die Jüdischnationalen alles aufgeboten hatten, um nach Grazer Muster die Majorität zu erlangen, aber doch nur ein Mandat mehr als bisher erringen konnten. In Mödling hinwiederum ging diese Partei, welche früher sieben Sitze innehatte, dank der dortigen „Wirtschaftspartei", die uns ebenfalSs befreundet ist, vcllkcmenin leer aus. Entschidend für den Linzer Wahlausgang war insbesondere unsere Beteiligung durch mehrere Gastredner, wie die Herren Präsident Doktor Jakob Ornstein, Med.-Rat- Dr. Heinrich Haase und Kommerzialrat Bernhard B u c h w a 1 d. Der überwältigende Wahlsieg der Mödlinger „Wirtschaftspartei" wurde von der „Morgenzeitung" zum Anlasse eines wütenden Angriffes gegen uns genommen, in dem sie uns „Illoyalität" vorwarf; wir freuen uns im Bewußtsein unseres auch gegenüber m dem Gegner stets loyalen Verhaltens dieses Wahlsieges! der „Wirtschaftspartei". In der jüngsten Zeit wurde unsere Tätigkeit besonders intensiv durch unsere Anteilnahme an den Nationalrats- und Gemeinderatswahlen in Anspruch genommen, zu denen Stellung zu nehmen auch unsere statutarische Pflicht war. Wir können mit Befriedigung darauf hinweisen, daß wir uns opfermutig in den Dienst dieser auch für das österreichische Judentum wichtigen politischen Angelegenheit stellten. Wir haben zeitgerecht mit den Beratungen im Kreise unseres Vorstandes begonnen, der ein Wahlkomitee unter Vorsitz des Herrn Dr. Oskar Hein einsetzte, das mit den in Betracht kommenden Parteien Fühlung nehmen sollte. Dieses Komitee, dem unser besonderer Dank gebührt, hat seine Aufgabe mit großer Energie verfolgt; zwei Vertrauensmännerversammlungen und eine außerordentliche Delegiertenversammlung waren dem gleichen Gegenstande gewidmet, auch sie gelangten zu einer Uebereinstimmung über unsere Stellungnahme. Die „Union" hat von Anfang an ohne Zaudern und ohne Schwanken in allen ihren Beratungen und Besprechungen jede Verbindung mit der „Einheitsliste" abgelehnt, schon zu einer Zeit, als es noch nicht angenommen werden mußte, daß diese „Einheitsfiront" eine chnistlich-national-e werden würde, und lange vor der unerhörten Provokation der gesamten österreichischen Judenschaft durch die Aufstellung der Kandidatur Walter Riehls. Aus wirtschaftlichen Gründen konnten wir uns auch nicht der sozialdemokratischen Partei anschließen. Mit Entschlossenheit aber mußten wir uns gegen die sogenannte „Jüdische Liste", später „Jüdische Partei" wenden, deren Name schon als eine Irreführung der. jüdischen Wählerschaft erschien. Denn sie war in Wirklichkeit nur eine Liste der jüdischnationalen Partei. Der Wahlaufruf der „Jüdischen Liste" stellte Minderheitsgesetz und Minderheitsrecht in den Mittelpunkt seiner Forderungen. Wir aber weisen jegliches Minderheitsgesetz ab und verlangen nach wie vor die unbedingte Gleichberechtigung gemäß unseren eigenen Staatsgrundgesetzen; unsere heimischen Gesetze und nicht der Friedensvertrag sollen immer unser Grundsatz sein. Dennoch wollten wir angesichts der Kandidatur Riehls in der Leopoldstadt diesen Gegensatz nicht zur Austragung gelangen lassen; allein die jüdischnationale Partei hat trotz dor ihr gsmachten weitestgehenden Konzessionen den Kampf heraufbeschworen; sie ist restlos unterlegen. Der Ausgang der Wahlen zeigte mit voller Klarheit: Die österreichische Judenschaft hat in richtiger Erkenntnis dar Gefahren einer Politik, der Minderheitsrechte, den Verfechtern einer jüdischen Minderheitspolitik ihr Vertrauen entzogen. So kam es, daß einer der entschiedensten Vertreter der jüdischnationalen „Landespolitik", Dr. Plaschkes, das Gemeinderatsmandat, das er vor vier Jahren von der gemeinsamen „Jüdischen Wahlgemeinschaft" erhalten hatte, in dem Momente, als die jüdischnationale Partei allein in den Wahlkampf zog, verlieren mußte. Die "Wahlpolitik der „Union" war ihr klar vorgezeichnet. Nur „die wirkliche, nicht bloß formelle Gleichberechtigung alier Staatsbürger", wie sie in dem Wahlaufruf der „Demokratischen Liste" gefordert wurde, kann uns jenen Schutz und jene Sicherheit geben, unter der wir uns allein wirtschaftlich und kulturell frei zu entfalten vermögen. Deshalb entschieden wir uns für die „Demokratische Liste", nachdem die erwähnte außerordentliche Delegiertenversammlung einen den Anschluß an diese Liste empfehlenden Referentenantrag einstimmig angenommen hatte. Wohl hat unsere aufreibende Arbeit, welchem insbesondere angesichts des empörenden Verrates der vorgeblich liberalen Presse noch die nötige Durchschlagskraft fehlte, nicht den gewünschten Erfolg gezeitigt, aber immerhin hat der Ausgang der Wahlen gezeigt, daß der demokratische Gedanke in Wien Wurzel fassen kann. Deshalb begrüßen wir auch den jetzt in die Wege geleiteten Wiederaufbau der demokratischen Partei und nehmen an ihm gerne Anteil. 7AC MAVER Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel. 48-4-79 Für Kultusbeamte und Vereinsfunktionäre gegen Legitimation 10% Nachlaß von den fm Schaufenster meiner Niederlage llM TaborstraBe 44 ersichtlichen Verkaufspreisen