Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 22 (27.5.1927)
- Date
- 1927-05-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT ■ Softe 0 liste" wurde später notgedrungen gutgemacht, indem dieser Führer der Hakenkreuzler in einen anderen Wahlbreis versetzt wurde, in welchem er wohl infolge der Wirkung seiner letzten Hetzrede ebenso sang- und klanglos durchfiel wie sein Genosse Schulz, der, um die Nationalsozialisten wegen dieser „Verschiebung' zu versöhnen, auch nachträglich in die „Einheitsliste" eingereiht wurde. Die österreichischen Hitler- Leute hinwiideTum ließen es sich nicht nehmen, als „Völkisch-Sozialer Block" gemeinsam mit anderen völkischen Gruppen selbständig aufzutreten. Die Zahl der Stimmen, die ihre Kandidaten auf sich vereinigten, ließ aber erkennnen, wie winzig und ungefährlich der Anhang dieser Jünger Hitlers ist. Das Wahlergebnis soll uns dennoch lehren, daß wir weiter auf der Hut sein und alle Abwehrkräfte bereit halten müssen, denn der Antisemitismus, mag er auch äußerlich weniger in Erscheinung treten, vergiftet nach wie vor unser politisches und geistiges Leben; man beachte nur die skandalösen Vorgänge an den österreichischen Hochschulen, die Boykottbewegung in einigen österreichischen Sommerfrischen, die neuerliche Einführung des Arierparagraphen in einzelnen Vereinigungen und schließlich die bis zur offenen Aufforderung zu Mord und Totschlag gediehene Hetze des „Volkskampf". Es ist klar, daß sich die „Union", die nun auf einen mehr als vierzigjährigen ruhmreichen Bestand zurückblicken kann, in dem stürmischen Jahresabschnitte, der hinter uns liegt, pflichtgetreu ihren schweren Aufgaben mit gleicher, vielfach verstärkter Energie unterzogen hat und stets durch Vorsprachen, Eingaben und andere zweckdienliche Schritte bei den maßgebenden Stellen die Aufmerksamkeit auf die zahlreichen judenfeindlichen Vorfälle lenkte und Abhilfe forderte. Die Kampfmethode der Antisemiten im vergangenen . Jahre charakterisiert sich wieder als die Taktik der Verleumdung, der bewußten Lüge; dies gilt insbesondere von der antisemitischen Presse. Nach altbewährter Uebung nahm diese gewöhnlich die jüdischen Festtage zum Ausgangspunkt ihrer Angriffe; auch heuern wurde das Ritualmordmärchen wieder hervorgezerrt. So hatten wir im Juni des v. J. einen vom Salzburger „Eisernen Besen" mitgeteilten „Ritualmord" in Teschen (Polen) näher zu untersuchen; nach der uns erteilten Auskunft wurde der Prozeß gegen den angeblichen Ritualmörder auf Grund der gerichtlichen Untersuchung, der auch der Staatsanwalt zugezogen war, als vollkommen erfunden niedergeschlagen. Es hatte sich wie so oft um eine Erpressung gehandelt. Einige Zeit später tauchten in der antisemitischen Presse Nachrichten von Ritualmorden in der Tschechoslowakei, und zwar in Kaschau und in dem benachbarten Eperjes auf. Ueber diese Fälle haben wir bei der Polizeidirektion in Kaschau Erkundigungen eingezogen, nach denen sich einwandfrei ergab, daß solche oder ähnliche Anzeigen dort nicht vorgekommen sind. Im Oktober des Vorjahres schließlich war folgender Fall zu recherchieren. In Herten a. d. Ruhr (Polizeibezirk Recklinghausen) wurde ein Kind ermordet. Dieser traurige Vorfall wurde vom Salzburger „Grobian" zu einer Ritualmordhetze benützt. Der Polizeipräsident von ' Recklinghausen hat die Erklärung abgegeben, daß „ein Verdacht für einen sogenannten Ritualmord" nicht bestehe. Ungefähr in das gleiche Gebiet gehört eine im November v. J. in einer Reihe österreichischer Antisemitenblätter erschienene Notiz über einen „Jüdischen Sühnemord" in Wojnilow bei Stanislau in Galizien; es soll dort eine christliche Lehrerin von einem jüdischen Berufskollegen zur Sühne für die Tat seiner Schwester, die einen Christen geheiratet haben soll, ermordet worden sein. Der Mörder war aber — nach unseren Informationen — gar kein Lehrer, sondern ein notorischer Geisteskranker, in dessen krankem Gehirne harmlose Scherze der unglücklichen Lehrerin den Gedanken hervorriefen, er werde von ihr geliebt, und der, als er von ihrer Verlobung hörte, in seiner Raserei zum Beile griff; die Schwester des Mörders war nicht mit einem Christen, sondern mit einem Juden verheiratet, der gerade die Lehrerin selbst verteidigte und hierbei verwundet wurde. In langer, angestrengter Arbeit haben wir so eine Anzahl der von der antisemitischen Presse gemeldeten „Ritualmordfälle" bis in die „kleinsten Kleinigkeiten" aufgeklärt. Dennoch soll die Ritualmordbeschuldigung immer wieder den gesunden Sinn der Bevölkerung vergiften. Tonangebend ist das jüngst neu erstandene Hakenkreuzlerblatt „Der Volkskampf". Vor Ostern 1927 war einem Inserate zu entnehmen, daß zu den Feiertagen eine Broschüre über den „Ritualmord" erscheinen 'sollte. Es fehlten nur noch die Druckkosten. Es scheint jedoch, daß dieses Unternehmen völlig fehlschlug, und so sorgte das Blatt selbst für eine Pogromhetze. Es reproduzierte ein in der „Morgenzeitung" erschienenes Mazzoth-Inserat unter dem Titel „Handel mit Menschenblut" und glossierte dieses Inserat durch einen Artikel, in dem auf Grund eines Baches „Der Ritualmord bei den Talmudjuden" von einem Dr. Carl Mommert die aufreizendsten Behauptungen und Drohungen vorgebracht wurden. In diesem Buche werden unter dem Titel „Uebersicht der seit dem 12. Jahrhundert in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Ritualmorden" 159 „Fälle" aufgezählt, und zwar unter Schlagworten wie z. B. „Ritueller Mord in Tallya im Komitate Zemplin"; Nr. 140, 1880: „Ritueller verschwindet ein junges Mädchen"; Nr. 144, 1881: Zu Steinamanger verschwindet ein achtjähriges Mädchen" u. dgl. m. Würden wir den Verfasser, „Ritter des heiligen Grabes" und Pfarrer, nach näheren Details fragen, wie würde dieser Musterpfarrer verstummen; aber für den echten Antisemiten wird dieses Lügenbuch noch durch Jahrzehnte oder länger eine Bereicherung seines Wissens und ein unanfechtbares Zeugnis bilden, das die Aufhetzung zum Pogrom rechtfertigt. Er wHl sich ebenso wenig belehren lassen, wiie Dr. Mommert selbst, der doch unter Nr. 144 und 156 den Fall Esther Solymossy und den Knabenmord von Xanten als Ritualmorde registriert, obzwar doch christliche Richter die beschuldigten Juden von jeder Schuld freigesprochen haben. Als der Präsident der „Union", Dr. Jakob O r n s t e i n, sich erkühnte, in einer Versammlung dier „Union" bei der Besprechung dieser Hetzpropaganda „den Juden aus dem .Volkskampf' vorzulesen", wurde er von diesem Sudelblatte mit Kot bespritzt. In einer Vorsprache bei dem Bundeskanzler haben er und der Präsident der Kultusgemeinde das Blatt vorgelegt und in sehr entschiedener Weise;das Einschreiten der Regierung gegen diese gewissenlose Hetze gefordert. Auch im Vorjahre hatte die „Union" die Aktion der judenfeindlichen Sommerfrischen aufmerksam verfolgt; wir haben erst vor kurzem wieder eine Liste von über 40 Sommerfrischen veröffentlicht, welche jüdischen Besuch in mehr oder weniger entschiedener Weise als unerwünscht erklären. Die beschämenden Vorgänge an den österreichischen Hochschulen haben in der „Union" ein lautes Echo gefunden. Schon seit Jahren werden jüdische Assistenten kaum mehr angestellt, jüdischen Habilitationswerbern ist es selbst auf Grund noch so hervorragender wissenschaftlicher Leistungen nahezu unmöglich geworden, eine Dozentur zu erhalten, in der letzten Zeit sind Berufungen oder Ernennungen jüdischer Gelehrter nicht mehr erfolgt. Eine wahre „Kulturschande" ist der sich in den Anschlagkästen austobende wilde Judenhaß, eine nur eine Minderheit von Hochschülern vertretende völkisch-antisemitische Clique, die sich den Titel „Deutsche Studentenschaft" arrogiert hat, inszeniert Hochschulkrawalle, wie gelegentlich der Wahl des Dekan Dr. Hupka, anläßlich des Protestes gegen die akademische Schießstätte und schließlich gegen den mannhaften Rektor der Hochschule für Welthandel Hofrat Dr. Gruntzel. Ihre Judenfeindschaft hinderte aber aus durchsichtigen Gründen die „Deutsche Studentenschaft" nicht, südafrikanische jüdische Studenten unter ihre Fittiche zu nehmen, die jedoch, aufgeklärt über die Gesinnung ihren Gastfreiunde, auch mit uns im Hause unseres Mitgliedes Dr. Koloman F r e u d e r einen gemütlichen Abend verbrachten. Nach wie vor stehen wir in denkbar bestem Einvernehmen zu unserem deutschen Schwesterverein, dem großen „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", dessen unübertroffene Energie uns in vieler Beziehung zum Vorbild dient. Wir arbeiten in zahlreichen Fällen mit ihm Hand in Hand; ein Ueberblick über die umfangreiche Korrespondenz mit diesem Verein zeigt, daß unsere Tätigkeit oft in schönster Weise durch die des „Centraivereines" ergänzt und gefördert wird, wie wir uns anderseits stets bemühen, seine Bestrebungen durch unsere Hilfsleistung weitestgehend zu unterstützen. So ergibt sich zu Nutzen beider Teile eine freundschaftliche Zusammenarbeit, für die wir den Führern des deutschen Vereines nur Dank schulden. Es hätte sich im März d. J. die Möglichkeit ergeben, einen ihrer Prominentesten, Herrn Syndikus Dr. A. Wiener, in Wien am Vortragstisch begrüßen zu können; die Vorbereitungen zu den Wahlen ließen diese Absicht scheitern, doch hoffen wir, im Herbst das Versäumte nachholen zu können. Im Zusammenhang mit unseren Beziehungen zum „Centraiverein" dürfen wir überhaupt auf unsere Verbindungen zum Ausland verweisen; so ist es uns auch gelungen, im Oktober v. J. eine eigene Ortsgruppe in Leipzig zu schaffen, als welche der dortige „Bund jüdischer Front-