Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 22 (27.5.1927)
- Date
- 1927-05-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 [Ulli! DIE WAHRHEIT Vewöffentlittkun&en der „Union deutdköstevveidkiscikev Juden" Wien IX. löcrggasse h (fost&jpcsx&assem- Jionto Jlw. 0*0* &ei. Rechenschaftsbericht Bei der am 24. d. M. abgehaltenen 7. ordentlichen Delegiertenversammlung der „Union deutschösterreichischer Juden", über deren Verlauf wir in unserer nächsten Nummer berichten werden, erstattete Sekretär Oskar Hirschfeld den folgenden Rechenschaftsbericht Wieder liegt ein Jahr der Arbeit und des Kampfes für die Interessen des österreichischen Judentums hinter uns, ein Jahr furchtbarer wirtschaftlicher und sozialer Krisen, unter denen die jüdische Bevölkerung dieses Staates besonders schwer zu leiden hatte. Das Österreichische! Judentum, das im Wirtschaftsleben unserer Republik eine so hervorragende Rolle spielt und mit dieser auf Gedeih und Verderb verbunden ist, wird bei dem hoffentlich bald bevorstehenden Wiedergenesungsprozesse seine Pflicht gegenüber unserem Staate wie immer voll und ganz erfüllen. Auch in politischer Beziehung sind in dem abgelaufenen Zeiträume wichtige Entscheidungen gefallen, Entscheidungen, die auch für uns Juden von größter Bedeutung sein werden. Die schleichende Regierungskrise, die im Vorjahre monatelang dem politischen Leben unserer Republik den Stempel aufgedrückt hatte und in einer Zeit schwersten wirtschaftlichen Notstandes die Entschlußkraft der Regierung und die Tätigkeit des Parlamentes lähmte, hatte im Oktober 1926 ein Ende gefunden. An die Stelle Dr. Rameks, der sich trotz bester Absichten — auch uns Juden gegenüber — den schweren Aufgaben seines Amtes nicht voll gewachsen gezeigt hat und die peinlichsten Korruptionsaffären, wie z. B. den Zentralbankskandal, einreißen ließ, trat wieder der Führer der christlichsozialen Partei, Dr. Ignaz Seipel, der das Staatsschiff in beispiellosen wirtschaftlichen und politischen Stürmen den vor kurzem durchgeführten Wahlen entgegengesteuert hat, über die noch ausführlich zu sprechen sein wird. Bei Uebernahme der Regierung betonte Dr. Seipel seine Absicht, auf die finanzielle Sanierung unseres Staates auch eine moralische und wirtschaftliche Sanierung folgen zu lassen. Der angekündigte Reinigungsprozeß begann damit, daß man alles Böse nach altbewährtem Muster auf die Juden zu schieben versuchte. Dies bewies vor allem das neue christlichsoziale Parteiprogramm vom Neujahr d. J., das im Punkt 8 folgenden Passus enthält: „Die christlichsoziale Partei bekämpft die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiete." Es gehörte wohl ein gewisser Mut dazu, nach alldem, was wir in jüngster Zeit erlebt haben, die Einflüsse, welche die österreichische Politik und Wirtschaft korrumpiert haben, als „jüdisch" zu bezeichnen. Sind vielleicht die Juden daran schuld, daß einflußreiche christlichsoziale Politiker sich in die gewagtesten Spekulationen eingelassen haben, haben die Juden es zu verantworten, daß die Sparrpfennige von Bauern und kleinen Gewerbetreibenden, die in Sparkassen und Parteibanken angelegt waren, zu den wüstesten Börsenmanövern und Valutaschiebungen verwendet wurden? Wir Juden müssen den schärfsten Einspruch erheben, wenn eine große und für die Geschicke unseres Staates verantwortliche Partei die Bevölkerung in unverantwortlicher Weise gegen eine Gruppe von Staatsbürgern aufhetzt, welche dem Staate gegenüber getreu ihre Pflichten erfüllt und unter den schwersten Opfern zur Förderung des Gemeinwohles beiträgt Angesichts der Empörung der Judenschaft über diesen antisemitischen Vorstoß hat sich bald nachher Bundeskanzler Dr. Seipel bemüßigt gefühlt, einen Kommentar zu diesem Programmpunkt herauszugeben, der aber unsere Auffassung über die Einstellung der Christlichsozialen uns Juden gegenüber nur vollauf bestätigt. Es genügt, einzelne Sätze dieser Erläuterung des „Judenpunktes" nebeneinander zu stellen; Dr. Seipel sagte: „Die christlichsoziale Partei ist ja ohnehin als eine antisemitische Partei bekannt," aber: „Diese Partei bekämpft, wie sie selbst sagt, nicht die Juden, sondern nur die Uebermacht des zersetzenden jüdischen Einflusses". Weiters, was die Person Dr. Seipels selbst anlangt: „Selbstverständlich steht der Bundeskanzler als Regierungschef der Abfassung und Verlautbarung des christlichsozialen Programmes vollkommen ferne," aber: „Der Bundeskanzler hat nicht aufgehört, Mitglied seiner, d. h. der christlichsozialen Partei zu bleiben. Selbstverständlich bemüht er sich, den Grundsätzen dieser Partei im öffentlichen Leben nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen." Aehnlich widerspruchsvoll hat sich Dr. Seipel erst jüngst in einer vielbeachteten Rede, die er in einer Wählerversammlung in Klosterneuburg gehalten hat, geäußert: „Die christlichsoziale Partei hat sich in ihrem Programm vom heurigen Neujahrstage neuerlich als antisemitisch bekannt . . . Daß ich selbst als christlichsozialer Parteimann zum christlichsozialen Programm stehe, weiß alle Welt," aber: „Für mich als Bundeskanzler und Führer der Einheitsfront gibt es eine Judenfrage nicht". Es stimmt wohl, zwei Seelen wohnen, ach, in der Brust Dr. Seipels. Wie aber steht es mit dem Prälaten Dr. Seipel? Der höchste Würdenträger seiner Kirche hat im Juli vorigen Jahres sich als Gegner des Antisemitismus und Freund der Juden bekannt. Wir haben uns mit den Enuntiationen derjenigen christlichsozialen Politiker, die den Judenhaß als einen nicht unwichtigen Programmpunkt ihrer Partei betrachten, deshalb so ausführlich beschäftigt, weil es sich bei dieser um unsere verantwortliche Regierungspartei handelt. Ihre Koalitionsgenossen überbieten sie aber noch im Antisemitismus. Doktor Seipel selbst betonte in der obenerwähnten Klosterneuburger Rede: „Die großdeutsche Partei, die mit nationalsozialistischen Gruppen enge Beziehungen unterhält, hat noch weniger (als die Christlichsozialen) ein Hehl aus ihrem Antisemitismus gemacht". Diese Partei ist lediglich infolge der unrichtigen Wahlpolitik der Christlichsozialen, die an ihre schlauen Bundesgenossen Mandate von ihrem Besitzstand abgeben mußten, gestärkt in den Nationalrat eingezogen, ohne über die entsprechende Wählerzahl zu verfügen. Hinsichtlich der Nationalsozialisten kann mit Befriedigung festgestellt werden, daß der offene Frontalangriff dieser unserer ehemals gefährlichsten Gegner vielleicht nicht mehr so stark wie früher, dem sichtbar© Massenansturm wohl nicht mehr so groß ist. Der' Hauptgrund dieses erfreulichen Rückganges liegt in einer im Herbst des Vorjahres erfolgten Spaltung in dem ohnehin nicht großen Lager. Auf einem anfangs Juli abgehaltenen Parteitag der reichsdeiutschen Hitledeute in Weimai wurde der Beschluß gefaßt, die österreichische Organisation der reichsdeutschen anzugliedern, was der Herrlichkeit der Schulz, Gattermeyer und Genossen ein Ende gesetzt hätte. Verschärft wurde dieser Konflikt auf einer später in Passau zwischen Hitler und den genannten österreichischen Parteiführern abgehaltenen Besprechung, die von dem Wiener Parteiobmann Schulz angesichts der überaus agressiven Haltung Hitlers plötzlich verlassen wurde. Während Schulz unter interessanten Enthüllungenüber Hitler ein von München unabhängiges Weiterbestehen der Wiener Partei durchsetzte, organisierte Hitler eine eigene österreichische „Hitler- Bewegung" mit folgenden urgermanischen Führern: Jankovic, Drda und Suchanek. Die beiden Gruppen haben sich seit ihrer Spaltung in ihren Organen und Versammlungen auf das heftigste befehdet und sind auch bei den Wahlen getrennte Wege gegangen. Der der Schulz-Gattermeyer-Gruppe nahestehende, jedoch wohl aus taktischen Gründen den Großdeutschen zugezählte Exponent der schärfsten antisemitischen Gesinnung Dr. Walter Riehl wurde in die „Einheitsliste" aufgenommen und ursprünglich sogar zur besonderen Provokation der Juden in der Leopoldstadt aufgestellt. Diese „Verirrung" der „Einheits-