Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 22 (27.5.1927)
- Date
- 1927-05-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 ili;i!lillllliyHlHlIllintB!liniM DIE WAHRHEIT nicht — vom jüdischen Standpunkt jedenfalls mehr zu begrüßen als ihre grundlose Verdammung durch einen von keinen Sachkenntnissen beschwerten Gewährsmann des „Israelitischen Familienblattes". Die Hundertjahrfeier der Universität Graz. Von einem Außenstehenden. Die Alma mater Carola Francisca Graecensis hat in der vergangenen Woche zu Gaste geladen. Galt es doch, die Hundertjahrfeier ihrer Wiedereröffnung im Jahre. 1827 festlich zu begehen. Dem Rufe folgten alle inländischen Hochschulen, zahlreiche reichsdeutsche ^und schweizerische Universitäten, die Prager deutsche Universität, die Akademie der Wissenschaften in Wien und viele andere am akademischen Leben interessierte Kreise. Gegründet im Jahre 1585 als Jesuiten- Universität, sollte sie eine' wahre Heimstätte der Unduldsamkeit gegenüber den Protestanten, die damals in Oestercedch unter und ob der Enns, Steiermark, Kärnten und Krain fast den ganzen Verwaltungsapparat inne hatten, werden. Sie sollte — so heißt es in ihrer Stiftungsurkunde — dem Zwecke dienen, für das Wohl seiner durch die verschiedenen Lehrmeinungen und ketzerischen Irrtümer so kläglich verderbten Untertanen zu arbeiten. Im Jahre 1782 wurde die Universität unter Kaiser Josef II., der in seinem Staate nur zwei Universitäten dulden wollte, in ein Lyzeum umgewandelt, um dann im Jahre 1827, allerdings mit zahlreichen Beschränkungen, wieder in den Rang einer Universität erhoben zu werden. Diesen Tag, der einen Markstein in der Entwicklung der Universität bildet, festlich zu begehen, warn nun mit vollem Rechte die Absicht der akademischen Behörden. Was aber ist infolge der Unduldsamkeit der „wehrhaften" Studenten, die leider wie ein Schatten noch immer dies© Bildungsstätte zu verfolgen scheint, geworden? Schon im Auftakt zeigte sich der Uebermut und die Ueberhebumg dieser selbst an der kiesigen Universität eine verschwindende Minorität bildenden Herrschaften, die, man hö,re und staune, nicht mehr und nicht weniger verlangten, als daß die katholischen Verbindungen bei dem zu veranstaltenden Fackelzuge — der einzigen Möglichkeit, auch den breiten Massen der Bevölkerung Gelegenheit zur Anteilnahme zu bieten — wie die Aussätzigen dreihundert Schritte entfernt von den „wehrhaften" Studenten mitgehen dürfen! Damit aber diese Distanz ja eingehalten werde» sollte Poäizei dazwischen gehen. Ein witziger studentischer Kopf 'allerdings meinte, die Distanz von 300 Metern sei viel zu gering bemessen, denn tatsächlich betrage sie. an der Kultur der anderen Studenten gemessen, Kilometer. Und dies alles wagten diese Helden, die schon in der Atmosphäre der Festaula in nicht geringer Zahl ohnmächtig umfielen, in Gegenwart eines Rektors, der mit Recht hohen Ansiehens sich erfreut und der selber katholischer Priester ist. Daß die katholischen Studenten bei der Festfeier nicht chargieren durften, war eine weitere Bedingung. Daß Senat und Studentenschaft sich so etwas nicht bieten lassen konnten, ist selbstredend und so mußte man denn schweren Herzens auf die Farbenpracht der „Wehrhaften" verzichten. Allerdings klappte auch sonst manches nicht! Und es ließe sich da vieles vorbringen. Wer z. B. vor einigen Wochen Zeuge der großartigen Beethoven-Feier in Wien war, die wirklich eine Manifestation des österreichischen Kulturgeistes gewesen, oder wer das Glück hatte, Zeugs der von Ude vor drei Jahren im Stephanien-Saale veranstalteten machtvollen Kundgebung aus Anlaß des internationalen Kongresses gegen den Mädchenhandel gewesen zu sein, wird den gewaltigen Abstand der Festfeier der Universität schmerzlich empfunden haben. Doch dies alles gehört auf andere Blätter, die noch geschrieben werden müssen. Hier soll nur gesagt werden, daß während die Abhaltung eines katholischen und evangelischen Gottesdienstes im Festprogramm aufgenommen worden ist, die israelitische Kultusgemeinde eine Aufforderung zur Abhaltung oines israelitischen Gottesdienstes nicht erhalten hat, trotz der jüdschen Lehrer und der recht ansehnlichen Zahl jüdischer Hörer und Akademiker. Man sollte doch glauben, daß an einer Anstalt, die von den Steuergeldern aller Bürger erhalten wird, diese Unterschiedlichkeit namentlich an einem Festtage necht platzzugreifen habe. Wenn nun auch ein solcher Festgottesdienst nicht begehrt wurde, wies doch Landesrabbiner Prof. Dr. Herzog, der, das sei vorweg genommen, sowohl als Landesrabbiner, als auch als Professor der Universität zu allen Festlichkeiten geladen war, im Rahmen der üblichen Sabbat-Predigten auf die Feier hin, indem er, ausgehend-von dem Worte des Simon des Gerechten: Auf drei Grundlagen beruhe die Welt, auf der Wissenschaft der Arbeit und der Uebung von Liebeswerken, die hohe Bedeutung einer Universität im neuzeitlichen Leben darlegte. Ihr Ziel soll nicht allein die Erforschung der reinsten und lautersten Wahrheit sein, sondern auch die Pflege einer Kultur, die zum Völkerfrieden und zur Völkerversöhnung führt. Denn wie die wahre Wissenschaft sich nicht auf die Erfolge und Leistungen des eigenen Volkes allein beschränken könne, sondern die Errungenschaften aller Völker zu verwerten hat, so müsse auch die Kultur bei aller Wahrung des eigenen Volkstums das die Völker und Menschen Verbindende und Versöhnende zu erfassen suchen. Das aber haben wir Juden stets getan. Sagt doch der berühmte Naturforscher Jakob Matthias Schleiden in seiner Schrift: Die Bedeutung der Juden für die Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter: „Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, eine Zeit der Roheit, dies geistigen und sittlichen Verfalles, wie es trauriger nicht gedacht werden kann, nur die Juden machen davon eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung, die ihnen oft die einfachsten Menschenrechte, ja selbst die Berechtigung zum Leben raubte, haben sie sich bis zum Ende des Mittelalters ununterbrochen in ihrem geistigen Leben fortentwickelt und den übrigen Völkern die Grundlagen der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und ü b © r 1 i e f e r t." Und waren es nicht Juden, welche die erste Universität, die Universität zu Montpellier, gegründet, allenfalls aber zum großen Teil erhalten haben? Wenn nun, fuhr der Redner fort, die hiesige Universität ihren 100jährigen Bestand feiere, nehmen auch wir Juden daran teil, weil ja auch Juden an ihr gelehrt haben und noch heute lehren, die ihr gewiß zur Zierde gereichten, und auch jüdische Hörer an ihr lernten, die später im wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leben in hervorragenden Steilen den Ruhm der Alma mater gemehrt haben. So soll unter den sehr vielen hier nur einer genannt werden, und zwar Karl Emil Franzos, den Schönbach, ein gewiß kompetenter Beurteiler, hoch eingeschätzt hat und der an der hiesigen Universität seine Studien betrieben und auch vollendet hat. Als dann am Schlüsse seiner schwungvollen und tiefschürfenden Darlegungen der Redner mit erhobener Stimme sagte: Wenn auch entgegen der sonstigen Gepflogenheit des Landes, in welcher sich der Edelgeist und der Gedanke der Gleichberechtigung stets so schön manifestierte, daß bei allen offiziellen Veranstaltungen keine Unterschiedlichkeiten gemacht werden, die israelitische Kultusgemeinde in Graz, die stets so große Opfer für kulturelle und wissenschaftliche Belange gebracht hat und deren Kinder im Weltkriege weit über die Venhältniszahl am Schlachtfelde gefallen sind, keine Einladung zur Abhaltung eines Festgottesdienstes erhalten hat, so wollen wir dennoch an dieser Feier nicht achtlos vorübergehen. Auch schon darum nicht, weil wir Juden — und das werden ja selbst unsere größten Gegner zugeben müssen — stets zu den Bannerträgern der Kultur und der Wissenschaft gehörten und immerdar ehrfurchtsvolle Hochachtung den Trägern der Wissenschaft entgegengebracht haben, da war die Spannung aufs höchste gestiegen und hat bei den zahlreichen Zuhöreren, unter welchen sich auch nicht wenige Nichtjuden befunden haben, eine mächtige Wirkung hinterlassen. Einmütig wird von allen, die diese Rede gehört haben, aus der die hiesigen! Blätter vom 14. und 15. d. M. Auszüge gebracht haben, der Meinung dahin Ausdruck gegeben, daß unter den vielen, aus Anlaß des Festes gehaltenen Reden diese auf einem hohen geistigen und rhetorischen Niveau stehende Rede eine Glanzleistung gewesen ist. So hat denn die israelitische Kultusgemeinde In Graz in würdiger und vornehmer Weise diesen Festtag begangen und bewiesen, daß sie sich durch nichts von ihrer angestammten Liebe zur Wissenschaft verdrängen lasse und daß sie wie bislang an der Wertschätzung der Wissenschaft und ihrer Träger lebhaften Anteil nimmt. Daß diese vornehme Haltung der israelitischen Kultusgemeinde nicht ohne Wirkung geblieben ist, glauben wir bestimmt sagen zu können. Allerdings, zur Steuer der Wahrheit muß gesagt werden, daß der Großteil der Festteilnehmer, namentlich der Festredner, von einem hohen sittlichen Wert erfüllt war; Ja, es war geradezu eine Apologie auf das Judentum, als der Festredner der Rektoren, der derzeitige Rektor der Wiener Universität Hofrat Dr. M o 1 i s c h, in seiner gehaltvollen Rede damit begonnen hat, hinzuweisen, welche Bedeutung den Universitäten zu-