Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 22 (27.5.1927)
- Date
- 1927-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT nMUmmmmum^ammmmmmmmmmmammmamamm) SeIte 5 großen Majorität unmöglich macht? Es war von jeher ein schwerer Fehler der hiesigen Juden, daß sie, nachdem sie das Hebräische als ihre Volks- und Kultursprache aufgegeben und die alten Bibel- und Talmudstätten in moderne Volksschulen umgewandelt hatteV nicht die Landessprache als Unterrichtssprache an den letzteren adoptierten, wie es die Juden in Deutschland, Frankreich, Italien, England und Amerika getan haben. Wir haben uns durch die sprachliche Scheidewand Werte imponderabüer Natur entgehen lassen. Die meisten unter uns wissen nicht einmal, welche große geistige Evolution auf allen Gebieten der Wissenschaften und Kunst in den letzten Jahrzehnten trotz politischem Druck und despotischer Verwaltung in der türkischen Welt vor sich gegangen ist. Wer von uns Juden ahnt die großen Reformen, welche die türkische Sprache in den letzten Jahren durchmachte? Wer kennt ihre Vereinfachung und die großen Geistesprodukte von hohem literarischen Werte? Wir ignorieren die großen Schriftsteller in dieser Sprache sowie die Tatsache überhaupt, daß wir heute die intellektuelle Klasse und die Männer der Wissenschaft unter den türkischen Muselmanen und nicht bei den Minoritäten finden. Es war also unsererseits in allen Zeiten ein großer Fehler, fremde Sprachen an Stelle der Landessprache zu adoptieren. Die geistigen Führer des türkischen Judentums übernehmen eine große Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen im Lande, wenn sie nicht unverzüglich die nötigen Maßregeln ergreifen, damit die Landessprache so rasch wie möglich die Muttersprache der türkischen Juden werde. Die Sprache ist das einzige Mittel, durch welches wir das Vertrauen der Regierung und des Volkes gewinnen können. Wollen wir nicht unsere Heimat uns zur Fremde machen, wollen wir nicht uns die seit Jahrhunderten hier erworbenen Rechte streitig machen lassen, so müssen wir nicht darauf warten, daß man uns das Türkische als Unterrichtssprache aufzwinge, wie es teilweise bereits geschehen ist, sondern freiwillig und aus eigener Initiative müssen wir es als heilige Pflicht ansehen, die Frage der türkischen Sprache zu unserer eigenen zu machen, in dieser Sprache denken und fühlen zu lernen, an ihrer Verschönemne und Entwicklung mitzuarbeiten. Die künftige Lage der Juden in der Türkischen Republik hängt von ihrer Stellungnahme zu dieser Sprachenfrage ab. Die Sprache ist das einzige Mittel, durch welches die verschiedenen Religionen und verschiedenen Gemeinschaften zu einem Volke verschmelzen können. Die Sprache ist die einzige Brücke, die von Herz zu Herz führt. Die Adoption der türkischen Sprache als Muttersprache ist für uns Juden in der Türkei auch aus ideal-jüdischen Gründen eine Notwendigkeit. Die Kulturgemeinschaft mit der muselmanischen Welt birgt eine bei weitem geringere Gefahr für die Erhaltung und Weiterentwicklung des Judentums, seiner Literatur und seiner hohen religiösen Ideale in sich, als die Berührung mit den abendländischen Kulturen. Die jüdische Geschichte bietet uns einen schlagenden Beweis hierfür. Man versetze sich nur für einige Augenblicke in die Glanzperiode des sephardischen Judentums, dessen Nachkommen in ihrem überwiegenden Teil das gegenwärtige jüdische Element in der Türkei bilden. Sämtliche Juden in Spanien unter der Herrschaft der Araber, die damals das höchste Kulturvolk in Europa waren, sprachen und schrieben Arabisch. Die gebildete jüdische Welt beherrschte nicht nur diese Sprache in Wort und Schrift, sie vertiefte sich sogar in die Studien des Korans und zählte zu seinen Interpreten. Die Juden standen bei den Arabern in höchstem Ansehen und bekleideten die höchsten Posten. Welche glänzenden Ergebnisse erwuchsen aber aus dieser Berührung der Juden mit der muselmanischen Welt für das Judentum und seine Sprache? Welch eine herrliche, Geist und Gemüt erhebende hebräische Literatur hinterließen uns jene arabisch sprechenden Juden? Mit der Adoption des Türkischen als Unterrichtssprache an unseren Schulen wollen wir keineswegs den fremdsprachlichen Unterricht ausschließen. In welchem Lande werden fremde Sprachen nicht gelehrt und mit erstaunlichem Erfolg gelehrt? In Ländern, deren Sprache von wenigen Millionen von Menschen gesprochen wird, die im Auslande mit der Landessprache nicht weit kommen können, beginnt der fremdsprachliche Unterricht schon in der Volksschule, eine Notwendigkeit, die sich auch hier fühlbar macht. Die Unterrichtssprache an den hiesigen Schulen muß aber das Türkische, die Landessprache, werden. Das wesentlichste Merkmal eines einheitlichen Volkes ist neben dem gemeinschaftlichen Territorium eine gemeinschaftliche Sprache! Dr. D. F. Markus (Konstantinopel). Unsachliche Kritik. Wir Juden müssen uns immer wieder gegen verallgemeinernde und sonstige Trugschlüsse wehren, die aus irgend einem jüdischen Charakterzug — er sei wirklich beobachtet oder nur eingebildet — eine Herabsetzung des Gesamtjudentums oder einer bestimmten jüdischen Persönlichkeit bewirken. Um so mehr müßte von jüdischer Seite darauf geachtet werden, analoge Fehler bei der Kritisierung gegnerischer Ansichten zu vermeiden. Und es wird der jüdischen Sache sehr schlecht gedient, wenn ein in Einzelheiten sicher anfechtbares Buch, wie das Werk „Päpste, Kaiser, Könige und Juden" von Adalbert Graf Sternberg, zu so gehässiger Kritisierung — des A u t o r s führt, wie sie sich Herr Heinrich Guttmann-Paris in Nr. 13 des „Isr. Familienblattes" (Hamburg) leistete. Gewiß ist der Graf Sternberg auch sonst eine sehr angefeindete Persönlichkeit und vor allem unter seinen aristokratischen Standesgenossen als enfant terrible gefürchtet. Während aber diese Leute sehr gut wissen, warum sie den Grafen Sternberg hassen, weiß dies Herr Guttmann ganz bestimmt nicht. Wie groß seine Ignoranz ist, geht schon daraus hervor, daß er von dem Grafen, der im alten österreichischen Parlament als tschechischer Abgeordneter saß, behauptet: „Seine geistige und politische Lebensgrundlage war sein Germanent u m" (von uns gesperrt. Die Red.). Nebst den Interessen der Tschechen vertrat er die der katholischen Kirche. Folgerichtig stellt ihn Herr Guttmann als—Antiklerikalen hin,dem die„P ä p s t e e in Greuel" sein mußten! Und nebst den Päpsten die Kaiser, Könige und Juden. Herr Guttmann hat erst aus dem von ihm besprochenen Buche erfahren, daß sich Graf Sternberg zur katholischen Monarchie „bekehrt" hat und als Judenfreund erklärt. Das ist reichlich spät! Schreiber dieser Zeilen hat beides schon vor ungefähr 20 Jahren vom Grafen Sternberg selbst gehört, und zwar in einer — zionistischen Versammlung, in der der Graf als Redner auftrat. Mag er damals auch nicht den ungeteilten Beifall seiner jüdischnationalen Hörer gefunden haben, so darf man diesen adelsstolzen Aristokraten, der Wert darauf legte, von Juden gehört zu werden, doch nicht mit dem Hakenkreuzlertum, das schon die Berührung mit Juden als deklassierend empfindet, in einen Topf werfen, wie dies Herr Guttmann tut. Graf Sternberg war immer ein Wahrheitssucher, und das muß ihm auf jeden Fall hoch angerechnet werden, auch wenn er dabei von seinem monarchistisch-katholisch-klerikalen Standpunkte aus auf seltsame Wege gerät. Das Judentum hat er niemals verworfen, sondern stets für seine politischen Ziele zu gewinnen gesucht. Und er hat trotz der Mißerfolge, die ihm dabei beschieden waren, nicht nur niemals bewußt antisemitisch, sondern im Gegenteil stets betont philosemitisch geschrieben, und zwar nicht bloß in solchen Zeitungen, die von Juden gelesen werden, sondern in der allerletzten Zeit auch in dem für die unteren christlichen Volksschichten berechneten Organ der „kaisertreuen Volkspartei Oesterreichs". Also für Kreise, die der antisemitischen Verhetzung in Oesterreich am meisten ausgesetzt sind. Eine solche publizistische Tätigkeit ist — sie mag erfolgreich sein oder