Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-05-27 · Heft 22 (27.5.1927) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 22 (27.5.1927)
Date
1927-05-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064321--15435-3088220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seit« 4 18 DIE WAHRHEIT Bosheit. Sie wollen uns wehtun und gerade deshalb sucht sich ihr raffinierter Sadismus just jene Seiten des jüdischen Wesens aus, die ihre, ach, so präzisen „wissenschäftlichen" Erkenntnisse dem jüdischen Wesen absprechen. Von diesem Standpunkt aus ist auch die plötzlich entdeckte völkische Tierfreundlichkeit zu werten, die in so auffallendem Gegensatze zu der Geringschätzung steht, den die Erzberger-, Rathenau- und Fememörder dem Menschenleben gegenüber an den Tag legen. Der Sturm gegen das Schächten ist nur eine andere Form des Steineschleuderns gegen jüdische Heiligtümer. Er will auch nur Fenster einwerfen, durch die die Juden gläubig ihren Blick zum Himmel erheben. Den Endeffekt solcher Sünde wider den Geist hat Lessing in einer sinnigen Fabel geschildert. Der Pfeil, den der pietätlose Riese gegen die Gottheit im Himmel schleudert, fällt auf den firevlen Schützen, ihn durchbohrend, zurück. Erhaben über Zeit und Raum thront das mosaische Ethos auf dem hohen Piedestal opferfreudiger Begeisterung. Hohn und Verleumdung reichen nicht so hoch hinan, es zu verwunden. Und die vergeblich zu ihm emporgesandten Pfeile legen, rückschnellend, das Innere der Schützen bloß: ein scheußliches Gemenge von Lüg©, Bosheit und sittlicher Verkommenheit Dr. Hugo Spiegier. Von der neuen Türkei. Die Eingliederung der türkischen Juden In ihrem Vaterlande. Motto: Wenn nur niemand fürchtete, die Sache zu sagen, so würden alle Sachen besser gehen! Das türkische Volk erlebt jetzt die größten Momente seiner Geschichte. Es entdeckte plötzlich in höchster Not, im Augenblicke größter politischer Demütigung, sich selbst und eine Fülle von nie geahnten, latent in seiner Seele schlummernden Kräften, die es zum Erstaunen Europas und der ganzen Welt befähigten, in kürzester Zeit mit Jahrhunderte alten Traditionen zu brechen und alles schonungslos niederzureißen, was es an seiner Europäisierung, im besseren Sinne des Wortes, bis jetzt hinderte. Der Name Türke, der vor wenigen Jahren noch als Schimpfname galt, ist zum Ehrennamen geworden, und wer offene Augen hat für die rasch vor sich gehende innere Wandlung des türkischen Volkes und seine rapide Entwicklung auf allen Gebieten des Wissens und der Technik, wird keinen Augenblick mehr daran zweifeln, daß die zivilisierte Welt um ein neues wertvolles Glied in ihrer Kette, und die Weltliteratur um neue Seelenschätze bereichert werden. Mit atemloser Spannung verfolgt die Welt die rasch aufeinander folgenden Entwicklungsetappen, durch die unser türkisches Vaterland mit Riesenschritten geht; für die einen ist dieser Aufschwung ein Gegenstand psychologischer und soziologischer Studien, die anderen erfüllt er mit Furcht und Bangen, indem man in ihm ein Erwachen der Völker Asiens und einen gefährlichen Gegner für europäische Ambitionen erblickt. Aber nicht das Verhalten Europas diesem geistigen und politischen Aufschwung der Türkei gegenüber kann uns in diesem Zusammenhange interessieren. Für uns fällt in erster Linie die Stellungnahme der mehr oder weniger größeren inländischen Minoritäten zu der großen Nationalbewegung der Türken auf, und besonders das Verhalten der Juden zu dem neuen Geist in unserem lieben Vaterlande. Das jüdische Element in steter Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme, die seine Ahnen auf ihrer Flucht aus Spanien in der Türkei fanden, hat in allen Zeiten in Harmonie und Eintracht mit seinen Mitbürgern gelebt und erfreute sich ihres vollen Vertrauens. Regen Anteil nahmen auch die Juden an der Befreiungsbewegung der Jungtürken. Wie kein anderes Element arbeiteten sie Hand in Hand mit den besten türkischen Kräften an der Verwirklichung des Ideals .'.Einheit und Fortschritt", welches jene Bewegung auf ihre Fahne schrieb. Wie kommt es nun, daß dieselben Juden zu der neuen türkischen Bewegung, die es nicht so auf eine Aenderung des Regimes im Lande als auf eine totale Aenderung des Volkscharakters absieht und dem Lande Frieden, Entwicklung und Fortschritt bringen will, sich passiv, abseits stehend und abwartend, um nicht zu sagen skeptisch verhalten? Nähren etwa unsere Juden die Hoffnung, daß die im Friedensvertrag von Lausanne vorgesehenen sogenannten Minoritätenrechte ihnen die Möglichkeit geben werden, auch ohne engen Anschluß an die große Majorität des Landes sich hier als eine besondere ethnische Einheit auszuleben, die ihnen dieses schweigende, ruhig abwartende Verhalten zu der Entwicklung der Dinge in der Türkei diktiert? Wir Juden kennen den Wert solcher Rechte zur Genüge, um nicht auf solche unsere Schlösser zu bauen. Haben diese Rechte bei dem heutigen Gang der Dinge, bei der völligen Verweltlichung der türkischen Staatsverwaltungsform schon für die anderen großen Minoritäten, wie die der Griechen und Armenier, jeden Sinn und jede Bedeutung verloren, für uns Juden der Türkei hatten jene Rechte von vornherein garkeinenWert. Von welchen Folgen sollte für uns etwa das Recht sein, unsere Schulen in unserer Muttersprache weiterführen zu dürfen? Welche Sprache nennen wir Juden hier die unsrige? Spaniolisch? Wem in aller Welt könnte es nur in den Sinn kommen, diese Mischsprache zur Unterrichtssprache für die jüdischen Schulen zu machen? Hebräisch etwa? Es ist wahr, daß diese Sprache, die in Gegenden, wo das Judentum die altjüdische Kultur pflegt, die Grundsprache der jüdischen Gelehrten war, in den letzten 30 bis 40 Jahren auch zur Sprache größerer jüdischer Kreise geworden ist und heute schon eine originelle Literatur enthält, die geschätzt wird. Aber von dieser jüdischen Nationalbewegung ist das jüdische Element in der Türkei kaum berührt worden, und es würde keinem Juden in der Türkei einfallen, seine Kinder in einer hebräischen Schule unterrichten zu lassen. Und neulich noch, als eine Verfügung des Unterrichtsministeriums die jüdischen Schulen vor die Alternative gestellt, entweder Hebräisch oder Türkisch zu ihrer Unterrichtssprache zu machen, haben sie ersteres glattweg abgelehnt. Es wäre also nichts Verfehlteres, als den Grund für die Teilnahmslosigkeit der Juden an dem allgemeinen nationalen Aufschwung in unserem Lande in einem Verharren auf den im Friedensvertrag stipulierten Minoritätsrechten zu suchen. Bereits bei der Diskussion derselben seitens der Diplomaten waren unter den Juden Stimmen laut geworden, auf solche Rechte öffentlich zu verzichten, was vor kurzem auch feierlich geschehen ist. Der Grund für die passive Stellungnahme der Juden und zum großen Teile auch der anderen Minoritäten der Türkei ist a n d e r s w o zu suchen. Seien wir aufrichtig und nennen wir das Ding beim richtigen Namen: „Wenn nur niemand fürchtete, die Sache zu sagen, so würden alle Sachen besser gehen." Die Minoritäten in der Türkei begleiten die türkische Volksbewegung und Seelenwanderung mit einer gewissen Angst, sie könnte in eine Art Rassenbewegung ausarten und somit eine wissenschaftlich unhaltbare Theorie zum Grundsatz der türkischen Politik und Staatsverwaltung machen, der für die Minoritäten unbedingt fatale Folgen haben muß. Gewisse administrative Maßregeln schienen diese Angst zu bestätigen und darauf hinzudeuten, daß der Begriff Türke, der doch heute mehr denn je jeden türkischen Untertan auf türkischem Territorium ohne Unterschied der Religion bezeichnen sollte, große Volksteile administrativ (ausschließt, was im schreienden Widerspruch zu den überaus liberalen Ideen und der wahrhaft republikanischen Gesinnung steht, von denen die führenden Geister unseres Vaterlandes beseelt sind. Ich will hier nicht alle diese Maßregeln aufzählen, die wie ein Alp auf uns drücken und uns in der Entwicklung lähmen, was gewiß nicht im Interesse der ökonomischen Entwicklung unseres Landes gelegen sein kann. Diese Ausnahmebehandlung der Minoritäten ist zur Genüge bekannt; sie gibt im gewissen Sinne unserer Angst Berechtigung, sie rechtfertigt jedoch unser passives Verhalten keineswegs. Unsere Stellung im Lande ist unhaltbar geworden. Darüber sind wir Juden hier uns alle klar. Wir spüren es auf Schritt und Tritt, daß unsere türkischen Brüder das alte Vertrauen zu unserer loyalen vaterländischen Gesinnung nicht mehr im alten Umfange besitzen. Diese Tatsache führt uns zu dem eigentlichen Gedankengang, den ich in diesem Artikel auseinandersetzen möchte, nämlich zu der Frage: Was müssen wir Juden tun, um das verlorene Vertrauen unserer Regierung wiederzugewinnen? Mit der Aufgabe des theokratischen Systems im Gerichts¬ und Verwaltungswesen hat die muselmanische Welt des türkischen Volkes die Mauer niedergerissen, welche sie von den übrigen Volksteilen getrennt hatte. Haben aber auch wir Juden die Mauer niedergerissen, hinter welche wir uns bis jetzt verschanzt haben und die jeden intimen Kontakt mit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.