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Die Wahrheit · 1927-05-27 · Heft 22 (27.5.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 22 (27.5.1927)
Date
1927-05-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 liiii DIE WAHRHEIT werden muß, dann muß verhindert werden, daß sich auf diesem Wege antisemitische Velleitäten geltend machen. Wer übrigens gewisse Aufrufe in manchen an der Universität angebrachten Aushängekasten liest oder den vom Rektor bewilligten Hochschulvortrag des Herrn Körber über den Numerus clausus hörte, der wird zur Ueberzeugung kommen, daß die Geistesbildung gewisser inländischer Studenten mindestens ebenso tief steht wie ihre Herzensbildung und daß wir nicht den geringsten Grund haben, uns auf das so hohe geistige Niveau der inländischen Studenten allzuviel einzubilden. Was aber das geistige und kulturelle Niveau der österreichischen Hochschulen selbst anbelangt, so ist nichts bezeichnender für dessen Stand, als die Art und Weise, wie man hier den Ausländern überhaupt — wir sprechen jetzt nicht allein von jenen, die außerdem noch das Pech haben, Juden zu sein — entgegenkommt: denn nichts zeigt deutlicher die Kulturhöhe eines Volkes, eines Landes, einer Stadt als die Art und Weise der Behandlung der Fremden. Die Fremdenbehandlung aber, wie sie an den österreichischen Hochschulen geübt wird, ist eine österreichische, eine europäische Schande. Friedhofschändung und Tierschutz. Der frisch-, frei-, fröhliche Krieg völkischer Heldenjünglinge gegen jüdische Grab- und Kultstätten hat in der jüngsten Zeit wieder eiinien solchen Umfang angenommen, daß sogar ein so ausgesprochen .judenfeindliches Blatt wie der „Frddericus" folgende geharnischte Protestworte findet: „In Kuppenhenm bei Rastatt sind auf dem israelitischen Friedhof 18 Grabsteine umgeworfen und zum Teil beschädigt worden. . . . Alle Augenblicke hört man von derartigen schmählichen Denkmalsschändungen. Ich finde, es ist das Zeichen miserabelster Gesinnung und schamlosester Roheit, wenn jemand sich an Gegenständen vergreift, die den Toten geweiht sind. Ganz einerlei, ob die Toten uns sympathisch sind oder Feuilleton Köpfe und Häupter. Von Dr. V. K u r r e i n. Dies sind die Berufenen der Gemeinde, Fürsten ihrer väterlichen Stämme; Häupter der Stämme isiae s si^d sie. IV, 1, 16. Schwanz und Kopf der Schlange stritten einst miteinander: „Wie lange willst du noch vorangehen? Ich will von nun an den Vortritt haben!" sprach der Schwanz. „Gehe voran," erwiderte der Kopf. Er ging. Fand sich eine Grube mit Wasser, begegnete er einem Feuer oder Dornengestrüpp, jedesmal stürzte er sich und den Körper hinein. Woher kamen diese Unglücksfälle? Weil sich der Kopf nach dem Schwänze richtete. Dieses Gleichnis des Midrasch hat in der alten Fabel von dem Streite der Glieder des menschliche;: Körpers sein Seitenstück. Jedes der Glieder hielt sich für ti.;s wichtigste und versagte den anderen den Gehorsam. Die i r-lge dieses Zustandes war des Körpers völlige Unfähigkeit zu s-eeignetem Tun, unter der dann alle in gleicher Weise leiden mußten. Diese Gleichnisse sprechen von dem menschlichen Körper und meinen eigentlich ein Gemeinwesen; sie sind treffend und überzeugend, denn es ist wirklich bei beiden schwer zu sagen, welcher Teil und welches Organ wichtig oder unwichtig, nicht. Sie haben, ob sie Christen, Juden oder Heiden sind, Angehörige, die ihnen in Liebe und Verehrung zugetan sind. Wer Liebe und Verehrung mit rohen Händen besudelt, verdient die Prügelstrafe und niabenher so lange Zwangsarbeit, bis er die Wiederherstellungskosten durch seiner Häwde Arbeit zusammengebracht hat." Die deutschen Justizbehörden haben sich zu solch harten Maßnahmen geigen diie werktätigen Repräsentanten des neumodischen Teutonen-Idealismus noch nicht aufraffen können. Soweit sie sich überhaupt — unter dem Drucke der öffentlichen Meinung — zu Verurteilungen wenigstens der allerärgsten Frevler herbeiließen, sorgte eine übereifrige Begnadigungs praxis für ehetunlichste Paralysierung der Schärfe einer Rechtsprechung, die sich in einem zivilisierten Staatswesen doch nicht ganz vermeiden läßt. Di© Befürchtung, daß diese systematische Milde der Verrohung der deutschen Jugend im höherem Grade Vorschub leistet als alle zum Teil schon beschlossenen, zum Teil noch geplanten Fräventivmaßregeln — wie z. B. das vielumstrittene „Schund- und Schmutzgesetz" — verhindern können, muß aber doch wohl übertrieben sein. Machen sich doch gleichzeitig im öffentlichen Leben Deutschlands Symptome dafür bemerkbar, daß die Humanität nirgends einen so eifrigen Anwalt findet, wie just im Lager der Haken kreuz ler. Wer 's nicht glaubt, verfolge die Aktion, die die Völkischen eben jetzt zum Schutz der — Tiere gegen die jüdische Grausamkeit durchführen! Es ist rührend zu lesen, wie sehr sich g&rade jene Zeitungen und Zeitschriften, die durch das Gift der konfessionellen Verhetzung jugendliche Seelen zu gemeinen Verbrechen fähig machen, sich über die Unmenschlichkeit der jüdischen S c h ä c h t methode entsetzen. Die Hakentoreuzler sind mehr für das Betäuben und Niederschlagen, wieshalb denn auch bekanntlich der Gummiknüppel zum symbolischen Ausdruck ihrer Weltanschauung geworden ist. Wie ernst es ihnen mit dem Tierschutz ist, zeigt schon die Tatsache, daß sie sich zu seiner Durchführung sogar jenes Weges bedienen, den ein echt völkischer Mann nur im äußersten Notfall betritt: des parlamentarischen. Die Hakenkreuzler haben in verschiedenen Landtagen das Schächtverbot gesetzlich zur Durchbringung zu bringen versucht und es scheint, daß wenigstens in Bayern dieser Versuch nicht ohne Chancen ist. Doch der gesunde Menschenverstand kommt nur schwer über die Widersprüche hinweg, die zwischen den völkischen Anschlägen auf lebende wie tote Judiein und ihrem Tierschutz klaffen. Eine Mentalität, die die entsetzlichste Verrohung der deutschen Jugend bewirkt hat, macht sich nur verdächtig, wenn sie plötzlich als Nährboden humaner Triebe gelten will. Und je mehr sie sich abmüht, mit Engelszungen zu redien, desto eifriger forscht das allgemeine Mißweiches entbehrlich und welches unentbehrlich wäre. Tatsache ist, daß ein gesunder Körper alle Glieder und Organe braucht, und jeder Fehler ihn schon unvollkommen oder gar krüppelhaft macht. Die Gemeinschaft der Menschen stellt auch einen Körper dar, in dem alle Teile trotz ihrer verschiedenen Fähigkeiten dennoch zusammengehören. Die Sprache hat Ausdrücke wie „Haupt der Gemeinde" oder „Augen der Gemeinde", dann „Herz der Gemeinde" oder gar „Gelenke der Gemeinde" geprägt und damit sehr feinsinnig die im Volkskörper vorhandenen verschiedenartigen, aber nichtsdestoweniger belangreichen Fähigkeiten angezeigt. Einzelne Tätigkeitsgebiete kommen nämlich vorzüglich bestimmten, je nach ihrer Begabung besonderen Gruppen zu, als ob die Natur in weiser Einsicht die einen als Augen, die anderen als Kopf, die dritten als Hände usw. geschaffen hätte. So töricht es wäre, allen unterschiedslos jegliche Fähigkeit abzusprechen, ebenso sinnlos ist es, von allen die' gleiche zu fordern. Das Naturgesetz hat alle Organe sozusagen gleichberechtigt, aber nicht gleichverpflichtet in den Körper eingestellt, sondern jedem seinen Wirkungskreis zugewiesen. Jedes darf sich seiner Tätigkeit und Leistung rühmen, darf sich für wichtig, ja sogar für unentbehrlich halten, hat Anspruch, erhalten zu werden und da zu sein, aber keinem ist gestattet, das andere für überflüssig und zwecklos anzusehen, sofern es nur die ihm auferlegte Arbeit vollbringt und seine Daseinsberechtigung durch Leistung, besonders beste und ungestörteste Leistung beweist. Nie werden die anderen Organe unter einem Nachbar oder Mitarbeiter zu leiden haben, wenn er die ihm zugewiesene Stelle richtig ausfüllt. Das Unbehagen in allen Teilen setzt erst dann ein, wenn einer nicht so arbeitet, wie er soll.

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