Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 21 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 '***•. \%-fy 6N •4t«««««M*«*t*M«i Wafnfte.lte.ui vom £age!'\9 SS Epilog zu den Wahlen. „Die Hilfe", eine Berliner demokratische Wochenschrift, bringt in ihrer letzten Nummer ein Histörchen vom Wiener Wahlkampf, das so hübsch ist, daß wir es unseren Lesern nicht vorenthalten wollen: Seitdem die Christlichsozialen und Völkischen die Juden zu ihrer „antimarxistischen Einheitsfront" aufgerufen haben, ist aus den Wählerversammlungen der beiden antisemitischen Parteien jedes judenfeindliche Schlagwort verschwunden. „Darr Jud'" ist zum geschätzten Wähler avanciert, und in allem schuld ist jetzt „darr Sozi". Nun geschah es neulich in einer c h r i s 11 i c h s o z i a 1 e n E i nheitsfrontkämpferversammlung, daß ein Versammlungsbesucher mosaischer Abstammung plötzlich laut nießen mußte und bei dieser Gelegenheit seinen Nachbarn, einen biederen christlichen Selchermeister, unliebsam bewässerte. „Kannst net aufpassen?" keifte der Selcher erbost, „Saujud, miserabliger..." Doch da legte sich der Einheitskandidat beschwichtigend ins Mittel: „Ich muß die verehrten Wähler nochmals bitten, im Interesse der Einheitsfront Kulturfragen bis auf weiteres zurückzustellen!"...' Der Anwalt der Familie Petljuras. Der Prozeß gegen Schwarzbarth, der den ukrainischen Hetiman P e 11 j u r a. den Massenmörder tausender Juden, erschossen hat, wird demnächst in Paris stattfinden. Das Interesse, das allgemein diesem Prozeß entgegengebracht wird, ist deshalb ein so großes, weil die Frage, wer an den entsetzlichen ukrainischen Pogromen zur Zfeit d'ete weißen Schreckens der Hauptschuldige gewesen ist, aufgerollt werden dürfte. Nun veröffentlicht das Pariser Organ der jüdischen Jugend „Jeunesse Juive" gegen den jüdischen Rechtsanwalt K., dessen Name leider nicht genannt wird, eine scharfe Erklärung, aus der hervorgeht, daß dieser Advokat trotz seines Judentums sich nicht gescheut habe, die Vertretung der Privatkläger, d. h. der Familiie des erschossenen Hitmans zu übernehmen. Es wird somit — welch grausame Ironie — ein Jude nachzuweisen haben, daß Petljura unschuldig an den Judenmetzeleien gewesen sei und an seinen Händen kein Tropfen jüdisches Blut klebte. Daß die Familie Petljuras gerade einem Juden die Vertretung der Interessen des ukrainischen Pogromführers übergeben hat, ist von ihrem Standpunkte aus ein durchaus verständlicher Trick: daß sich jedoch ein jüdischer Rechtsanwalt zu einer so nichtswürdigen Sache mißbrauchen läßt, ist empörend. Auch in Norwegen haben wahre Judenfeinde im Bunde mit falschen Tierfreunden einen Feldzug gegen das Schächten veranstaltet und gesetzliche Maßnahmen zur Verhinderung dieser „grausamen Tierquälerei" von der Regierung gefordert. Wie nun aus Oslo berichtet wird, hat der Sturmlauf gegen die Schechita, der in Norwegen inszeniert worden ist, erfolglos geendet. Der letzte Ministerrat hat mit überwiegender Majorität den Beschluß gefaßt, die Handhabung des Schächtens genau so weiter zu gestalten wie bisher. Darüber herrscht bei der jüdischen Bevölkerung in Norwegen allgemeine Befriedigung. Nach Tisch... Im „Völkisch-Sozialen Block'-, den man nach seinen Wahlerfolgen kaum als „Block", bestenfalls als kleinen Kieselstein ansprechen kann, waren außer der österreichischen „Hitlerbewegung" der Urgermanen Jankowicz. Drda und Suchanek auch der „Bund der Freien" des bekannten „Michel"-Mannes Hans Kipper enthalten. Kaum ist die gemeinsame Wahlschlacht vorüber, sind schon die Herrschaften sich uneinig darüber, wem die Verdienste an irrem großartigen Gelingen zu danken sind. So schreibt der „Michel" folgende Antwort auf einen Angriff eines Hitlerianers Dr. Hueber aus Mattsee in der „Dötz", der den „Bund der Freien" und seinen Führer kritisierte: „Wir wollen der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" und dem Dr. Hueber nicht folgen und heute über eine Gruppe herfallen, die gestern unsere Bundesgenossin gewesen ist. Nur eine Feststellung: Es wirkt lächerlich, wenn jemand seine schwächste Seite als stärkste herausstellt. Ja, die schwächste Seite der Hitlerbewegung in Oesterreich ist seine bisherige Führerschaft. Das weiß in Oesterreich jedes politische Kind, nur nicht Dr. Hueber aus Mattsee und die „Deutschösterreichische Tageszeitung". Gerade bei der letzten Wahl hat der letzte Führer, Oberst Jankowicz, das höchste an — politischer Unfähigkeit geleistet, indem er es jedem Gauführer freigestellt hat, auf eigene Faust in den Wahlkampf zu treten und Bündnisse, abzuschließen. So ist es möglich geworden, daß die Hitlerianer unter verschiedenen Listen, in den Wahlkampf gegangen und — im westlichen Wahlkreisverband — sogar für die Einheitsliste gestimmt haben. Noch nie hat ein Parteiführer derart versagt. Aber davon weiß Dr. Hueber aus Mattsee nichts. Ueber die Befähigung des Führers der Freien sollen die Herren von der Hitlerbewegung in Oesterreich erst dann reden, wenn sie in derselben Zeit denselben Erfolg zuwege bringen. Denn in der Politik entscheiden bekanntlich nicht Redensarten, sondern nur Erfolge. Wenn der Führer der Freien einen Fehler gemacht hat, so ist es der, daß er — der völkischen Sache zuliebe — der Hitlerbewegung zu weit entgegengekommen ist." Das Ganze ist eine Umkehrung des alten Sprichwortes: „Pack verträgt sich. Pack sohlägt sich." Ein mildes Urteil. Das Königs berger Schöffengericht hatte sich in den letzten Tagen mit einem antisemitischen Rohling sondergleichen zu beschäftigen, dessen Ausschreitung leicht schwere außenpolitische Konsequenzen hätte nach sich ziehen können, nämlich dem Hauslehrer Lee hei, der in Königsberg am 9. April den russischen Konsul Kantor auf der Straße durch Hiebe auf den Kopf und auf das Bein niedergeschlagen und mit Ausdrücken wie „Judensau", „Blutsauger"„ „verfluchter Hund" und russischen Schhnpfworten überschüttet hatte. Der Angeklagte verteidigte sich damit,, daß er nicht gewußt habe, daß es sich um den russischen Konsul handele. Er will die Warnung eines Begleiters des Konsuls, daß er den russischen Konsul vor sich habe, überhört haben.. Weiter gibt er an, daß er auch nicht den Sowjetbeamten, sondern nur den Juden in Konsul Kantor habe treffen wollen, denn er v/Hl gehört haben, wie der Konsul in russischer Sprache auf die „Gojim" schimpfte. Die Zeugenaussagen ergaben, daß sich der Konsul durchaus einwandfrei benommen hat, und daß Lechel, der mit einer Anzahl anderer Nationalsozialisten aus der Versammlung der Nationalsozialistischen Arbeiteroartei kam, röcht den geringsten Grund hatte, gegen den Konsul vorzugehen. Der Staatsanwalt beantragte eine Gefängnisstrafe von 9 Monaten und 3 Wochen. Das Gericht ließ gegenüber diesen nationalsozialistischen Ausschreitungen eine außerordentliche Milde walten und verurteilte Lechel zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten und einer Woche; außerdem erhielt der Angeklagte noch Bewährungsfrist, da die Tat nicht durch Verdorbenheit und verbrecherische Anlage veranlaßt sei. Wie wie hören, hat der Oberstaatsanwalt gegen dieses außerordentlich milde Urteil Berufung eingelegt. Die Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees. Die letzte Sitzung des Aktionskomitees der Zionistischen Exekutive stand ganz unter dem Eindrucke der furchtbaren Krise, die noch immer in Palästina herrscht. „Arbeit und Brot", sagte Herr Sprinzak. das palästinensische Mitglied der Exekutive, in seinem Referate über Palästina, „Arbeit und Brot" muß unbedingt beschafft werden. Und in allen möglichen Varianten, bei der Behandlung von Steuer-. Verwaltungs-, Einwandenmgs- und politischen Fragen, war dieses Problem, das wie ein Alpdruck auf dem Kongreß lastete, immer wieder Mittelpunkt der Erörterungen „Arbeit und Brot für Palästina!" war die Parole der Konferenz, die von allen Rednern aufgenommen wurde. Mit einer einzigen Ausnahme, und diese Ausnahme stellte das glückliche Oesterreich, das offenbar so im Ueberfluß schwelgt, daß es für solche Kleinigkeiten, wie es die Beschaffung von Brot und Arbeit für eine hungernde Bevölkerung ist, kein Verständnis aufzubringen vermag. Herr lag. Stricker aus Wien benutzte nämlich die Beratung der Exekutive, um wieder einmal zu „krakeelen" und seine beliebten Sturmangriffe gegen die Führer des Zionismus zu führen. Er griff d5e Exekutive an und fragte sie, „ob sie die gegen die Idee des Judenstaates gerichtete Propaganda bekämpfen wolle"; er griff das Mitglied des Exekutivkomitees Rosenblüth wegen einer Rede, angeblich antizionistischen Inhaltes, an, die dieser auf der Konferenz der österreichischen Ztonrsten gehalten hat; er griff das zionistische Hauptorgan ..H a o 1 a m" an, „weil es die Wiener Kontroverse nicht entsprechend interpretiert hatte" usw. Wir wollen an Herrn Stricker nicht die Frage richten, was ihm wichtiger erscheine, die Frage der Interpretation einer zionistischen Parteikontroverse durch das Parteibiatt oder die Frage der Errettung der palästinensischen Juden aus einer furchtbaren Wirtschaftskrise; denn bei dem mangelnden Verständnis dieses