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Die Wahrheit · 1927-05-20 · Heft 21 (20.5.1927) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 21 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Ii Iii DDE WAHRHEtT Wissenschaft geboren ist. sich alsbald gegen die Skepsis selbst zu wenden. Die „G e w i ß h e i t" aber, daß es keinen Gott gibt und aller Gottesdienst eitel ist, diese „Gewißheit" zu erlangen ist nuT Ihnen, meine Damen und Herren, nur Ihnen allein gegeben worden, unter allen Kindern dieser Erde . . . Sind Sie Ihrer Sache so sicher? Ach verzeihen Sie, meine Damen und Herren, lassen Sie mich ein bißchen grob werden — als namenloser Zugereister habe ich ja ein Recht dazu — und ihnen auf den Kopf zu sagen, auf den schönen Bubikopf und den glänzenden Zylinder: es ist nicht Philosophie, es ist nicht Geschäftseifer, der Sie davon zurückhält, an Sabbaten und Festtagen die Synagoge zu füllen. Es ist seelische Verarmung, geistige Bedürfnislosigkeit, Faulheit des Intellektes, Plattheit und Stumpfsinn, Ihre Bedürfnisse nach geistiger Anregung befriedigt der tägliche Leitartikel, und das seichte Feuilleton, die sie oberflächlich durchfliegen, Ihr Verlangen nach seelischer Erhebung findet Genüge in der allabendlichen Kinovorstellung, und wenn Sie sich aus dem Alltag in eine höhere Welt flüchten wollen, versenken Sie sich in den politischen Klatsch der Stunde. Soll das ein Ergebnis höherer Kulturentwicklung, zivilisatorischen Fortsehrittes sein? Ihre Kinder aber, meine Damen und Herren, werden Ihnen wenig Dank wissen, daß Sie sie nicht beizelten gelehrt haben, in diesem wichtigen Gebiet des Geisteslebens zu Hause zu sein. Religion ist nicht ein Kapitel Physik oder Handelsrecht das man in reiferer Jugend durch Büffeln und Nachschreiben laut Diktat mehr oder weniger gründlich erlernt, um es im Leben nützlich zu verwerten. Religion ist eine seelische Heimat, die man in dem zarten Lebensalter der Empfänglichkeit durch beharrliches Werben erobern muß, um sie für immer unverlierbar zu besitzen, und dorthin wie nach der leiblichen Heimat immer wieder aus der größten Entfernung zurückzukehren, und daraus ewig sich erneuernde Jugend und Lebenskraft zu trinken- Wenn in späteren Jahren in Ihren Kindern das religiöse Bedürfnis mit LTngestüm erwacht, — und diese Zukunft kommt früher, als Sie ahnen, — und sie wie verlassene Schafe in der Welt tastend hei umirren und fragen: „Warum haben unsere Eltern uns nicht den Weg zu der Quelle gezeigt, aus der so junges Leben sprudelt" . . . was werden Sie ihnen antworten?__ S. Glossen. Allgemein bekannt sind die Schwierigkeiten, denen jeder begegnet, der von der unersättlichen Neigung gedrängt ist, gleichzeitig auf zwei Hochzeiten zu tanzen. Es scheint aber, daß diese Hindernisse nicht viel geringer werden, wenn es sich um einen sozusagen geistigen Tanz handelt, den mancher vergnügt in zwei Parteilagern mitmachen möchte, die sich im Grunde genommen, feindlich gegenüberstehen müßten. Ich habe schon wiederholt darüber gestaunt, wie Herr Dr. Seipel, der längst in seinem Hauptberufe als Christ und Priester tätig war, bevor er sich zum Chef einer Partei ernennen ließ, die sich als antisemitische bekennt, es zuwege bringen will, die Lehren des Evangeliums mit den antisemitischen Programmrmnkten in Einklang zu bringen. Herr Dr. Seipel hat den sicherlich originellen Einfall, einen Ausgleich dieser Gegensätze in der Erklärung zu suchen, daß ihm in seiner Stellung als Bundeskanzler weder das Evangelium noch das antisemitische Parteiprogramm, sondern das in Oesterreich noch immer geltende Staatsgrundgesetz leite, das absolut keinen Unterschied der Konfession kenne. Auch ein Ausgleich! Wie viel Prozente die Gläubigen bekommen, die Dr. Seipel in den entgegengesetzten Lagern zählt, ist schwer zu bestimmen . . . Am Katholikentag hörten wir die Festrede des Prälaten Seipel, in der er — nach dem Berichte der „Reichspost'4 — unter anderem buchstäblich sagte :„Niemand, der ein anderes Volk haßt, verfolgt oder beschimpft, kann ein Christ sein." Kein Zweifel, nach dem Evangelium, das in den Lehren der Menschenliebe so völlig vom Geiste des Alten Testamentes erfüllt ist, konnte Dr. Seipel nicht anders sprechen. Aber welche Eiertänze wird der Herr Chef der christlichsozialen Partei nächstens aufführen müssen, um den Eindruck dieses Satzes abzuschwächen, der vernichtend auf so viele Häupter der Christlichsozialen niedersaust, die sich nur darum Christen zu sein dünken, weil sie die Juden „hassen, beschimpfen und verfolgen." * „. * Wer von Berufswegen mit offenen Augen und zugehaltener Nase hie und da bei den Kloaken verweilen muß, in denen gewisse hakenkreuzlerische Skribler ihre Arbeit verrichten, könnte schier glauben, daß die Freiheit der Presse ihr charakteristisches Gepräge darin findet, daß die Juden vogelfrei erscheinen. Die Verhandlung, die vor einigen Tagen in einem Wiener Gerichtssaal stattfand, dürfte vielleicht die Wirkung haben, daß wenigstens die Herren, die seit längerer Zeit in einem Wiener antisemitischen Blatt in ihrem Sinne wacker für die „völkische" Reinigung des öffentlichen Lebens sich abmühen, in ihren freiheitlichen Anschauungen einigermaßen erschüttert werden. Zur Pflege des antisemitischen Ritualmordglaubens veröffentlicht dieses blutrünstige Blatt von Zeit zu Zeit eine Proskriptionsliste von Persönlichkeiten, die sie als Schädlinge der gründlichen Beachtung ihrer Parteigenossen empfehlen. Ich möchte an dieser Stelle nicht erst die Frage erörtern, ob nicht die Beseitigung eines zum Mord animierenden Blattes auf alle Fälle im öffentlichen Interesse gelegen wäre. Aber immerhin wird man es begreiflich finden, daß einer der hervorragndsten Wiener Publizisten schon aus prinzipiellen Gründen gegen die Popularisierung seines Namens auf der Mordiiste den richterlichen Schutz anrief. Und siehe da, der verantwortliche Redakteur des Mordblattes wurde richtig zu einer Geldstrafe von — 30 Schilling, eventuell im Nichteinbringungsfalle dieser kolossalen Summe zu 24 Stunden Arrest verurteilt. Das muß doch die hakenkreuzlerischen Herrschaften stutzig machen! Als die „Deutsche Arbeiterpresse" seinerzeit so schwungvoll die Propagierung eines ähnlichen Wohnungsanzeigers betrieb, der dann richtig zu der endgültigen Beseitigung eines Proskribierten führte, wurde keinem der schreibenden, leitenden und verantwortlichen Herren auch nur ein Haar gekrümmt. Und jetzt die drakonische Strafe von 30 Schilling, bevor noch einem der Proskribierten ein Haar gekrümmt wurde! Wohin soll das führen? * * * Ein zweiter Fall, der seine Erledigung im Gerichtssaale fand, dürfte auch so manchem der Erkenntnis zugänglich machen, daß es höchste Zeit ist, gelegentlich durch richterliche Urteile der Verrohung, die wesentlich durch die antisemitische Presse genährt wird, entgegenzutreten. Ein Rohling hatte sich den Spaß gemacht, einen hilflosen, geistig verkümmerten luden unter Mißhandlungen zum —- Tanzen zu zwingen, bis er ohnmächtig zusammenstürzte. Wie recht urteilte der Richter, als er dem grausamen Spaßmacher, der seinem Opfer zugerufen: „Du mußt tanzen!" mit dem Richterspruch antwortete: „Du mußt sitzen!" Ego.

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