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Die Wahrheit · 1927-05-20 · Heft 21 (20.5.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 21 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Öl£ WAHRHiKT ORUllin Seite 1 Wiile zur Bescheidenheit, ohne zu geizen. In der Vorsteherbaiik, zur rechten Seite der Lade, sah ich einen hochgewachsenen Greis mit blütenweißem Haupt- und Barthaar, der hier offenbar die Ordnung zu überwachen hatte. Seine Haltung war vornehm, sein Gesichtsausdruck jugendlich frisch, seine Bewegungen elastisch und ruhig-energisch. Mit einer festen und leisen Handbewegung, mit einem Nicken des Kopfes, mit einem bück der klaren Augen erteilte er seinen Organen Weisungen und Anordnungen, ohne sich in der Andacht zu stören oder sein Gebet zu unterbrechen. Alles ging wie am Schnürchen, geräuschlos, aber ohne Steifheit. Hier war es wohlig und gut zu weilen. Aber nun galt es aufzupassen. Die Vorlesung aus der Thora nahte sich dem Gesang am Meere. Schon tauchten aus der grauen Flut der gewöhnlichen Vorlesung vereinzelte Passagen auf, die wie Vorboten dem herannahenden Gewoge von festlichen Tönen und Klängen, mit denen die „Schira" vorgetragen wird, vorauseilten, gleichwie einzelne Windstöße einen heraufziehenden Sturm ankündigen ..... Nun war er da! Unzählige Male habe ich diesen Gesang am Meere an gev. eihter Stätte gehört, aber nie habe ich an ihm einen so tiefen und echten Genuß erlebt, wie diesen siebenten Pessachtag in dem kleinen Sieveringer Tempel. Dieser Gesang steht im alltäglichen Morgengebet und ist durch die häufige Wiederholung ein wenig, man möchte sagen, abgenützt, — alltäglich geworden. Durch die wunderbar ergreifende, feierliche Kantilene, in welche er am Sabbath Schira und besonders am siebenten Pessachtage gekleidet wird, gewinnt er einen festlichem Glanz und wirkt wie selten und neu. Der Vorsänger im Sieveringer Tempel in der Dolinergasse umgab ihn aber mit einem besonderen Zauber. In seinem Vortrag rauschte das Meer, wogten die Wellen auf und nieder, donnerte der Sturm, der die Wasser teilte und zu steilen Wänden auftürmte. Dazwischen jubelten die Stimmen der Durchziehenden stolzen und demütigen Dank für die Befreiung, Dank, in den sich Zorn gegen den nachjagenden Feind mischte, und Triumph ob seiner Niederlage und frohlockende Hoffnung auf die Zukunft in dauerndem Frieden und stetiger Glückseligkeit. Die mächtige, wunderbar klangvolle Stimme des Sängers füllte den Raum bis in die kleinste Ecke mit ihren merkwürdig leidenschaftlichen und ekstatischen Akzenten, legte sich weich und geschmeidig die Worte des Textes und ließ sie in seltener Schärfe und Deutlichkeit hervortreten, ihren Sinn mit feinem Verständnis unterstreichend und vertiefend. Der unvergleichlich geschulte Chor, getragen von den flutenden und brausenden Tönen der Orgel, fiel ein bei den vom Publikum zu wiederholenden Versen und hob das Ganze in den Rang eines üerneindegesanges. Obgleich hier das musikalische Element so reich ist, sinkt doch das heilige Wort des Textes nicht zu einer bloßen Nebensache herab. Umgekehrt, die Töne der Musik bleiben dessen Verzierung und Verbrämung, die ihm dienen, anstatt, wie anderwärts, es zu beherrschen. Der Sänger bändigt den Chor, ir.it mächtiger Hand meistert er ihn souverän. Der kleine Tempel in der Dolinergasse hat einen großen Künstler Am nächsten Tage, dem letzten des Pessachfestes, ward mir in diesem Tempel, der diesmal gesteckt voll war. noch ein besonders erlesener Geistesgenuß zuteil. Außer der stimmungsreichen, ei greifenden Totenfeier — die Festtagspredigt. Sie handelte nach alter Sitte von den Angelegenheiten des Tages. Diesmal waren die Angelegenheiten des Tages die Wahlen. Ein garstiges, politisches Thema. Ich war gespannt, wie sich der Rabbiner aus der Affäre ziehen werde. Wird er eine „Wahlrede" halten, seine Predigt mit politischen Schlagworten des Tages verunzieren, die im nächsten Jahre verschollen und verhallt sein werden? Oder wird er den brennenden Tagesfragen aus dem Wege gehen, sich in ein weltfremdes, abstraktes Gebiet flüchten, um sich allen Unbequemlichkeiten zu entziehen? Nichts von alledem geschah. In der ganzen Predigt war weder von Wahlen, noch von Politik auch nur mit einem Worte die Rede, und dennoch war man vollkommen im Bilde, war die „Angelegenheit des Tages" klar und unzweideutig wiedergespiegelt, und jeder fühlte und wußte, woran man war. Eine gute Predigt soll wie ein gutes lyrisches Gedicht sein, von dem Goethe sagte, es müsse stets ein Gelegenheitsgedicht sein, aber es hebt die Gelegenheit in die Sphäre der Ewigkeit. Darum kann man die lyrischen Gedichte Goethes, die einer flüchtigen Gelegenheitsstimmung ihr Dasein verdanken, wieder und immer wieder in alle Ewigkeit lesen. Eine gute Predigt soll immer das lebendige Leben des Moments atmen, soll also stets eine Gelegenheitspredigt sein, aber sie soll die Gelegenheit in die Sphäre der ewigen Dinge heben, ihr die ewige geschichtliche Wahrheit abringen und auf diese Weise sich ewigen Wert sichern, derart, daß man sie nach Jahr und Tag lesen und wieder lesen kann. Eine solche Predigt habe ich am letzten Pessachtage, dem Tage der Wahlen, im Siieveringer Tempel gehört. Der Rabbiner zitierte den feinsinnigen Midrasch, der von den vier Parteien erzählt, in die unsere Vorfahren am Ufer des Roten Meeres sich teilten. Die eine wollte angesichts des Feindes einfach ins Meer springen, die andere wollte in die ägyptische Knechtschaft zurück, in der Erwartung, an den Fleischtöpfen ruhig weiter zu sitzen und sichs gütlich zu tun, die dritte wollte zum Kampf gegen die nachdrängenden Aegypter sich rüsten, die vierte endlich wollte ein großes Kriegsgeschrei, einen Höllenlärm erheben. Es wirkt© wie eine Offenbarung der „ewigen Wiederkehr", wenn man diese Parabel auf die „Angelegenheit des Tages" anwendete. Auch heutzutage gibt es für die eine Partei nur eine Lösung der Jndenfrage, ins Meer zu springen und „unterzutauchen", um allen Leides und aller Kämpfe auf einmal los zu sein. Die anderen wollen sich freiwillig wieder ins Joch begeben, ganz wie die feindlichen Bedränger wünschen, in die ägyptische Knechtschaft, in die vormärzliche Unfreiheit zurückkehren, die Rechtlosigkeit, in welche sie ihre Feinde zurückstoßen möchten, freiwillig auf sich nehmen, dem Feinde zum Siege mittels des Stimmzettels zu verhelfen, nur um ungestört an den Fleischtöpfen der „wirtschaftlichen Vorteile" zu sitzen. Die Dritten wollen kämpfen und arbeiten, um vorwärts zu schreiten in die Freiheit, die vierten endlich erheben ein wüstes Geschrei und hoffen, damit den Feind zu verscheuchen. Diesen vier Gruppen läßt Gott durch Moses sagen: steht nur fest und aufrecht, und ihr werdet die Hilfe sehen, die Gott euch sendet. Aegypten und seine Knechtschaft dürfet ihr nimmer wiedersehen, Gott wird für euch kämpfen, ihr aber müßt stille halten. Das Programm einer jeden der vier Parteien war schlagend gekennzeichnet und beanwortet. Auf festem Boden aufrecht stehen, nicht ins Meer springen, in die ägyptische Rechtlosigkeit nicht zurückkehren um der „wirtschaftlichen Vorteile" willen, die die Fleischtöpfe Aegyptens bieten . . . Ich bewunderte den Freimut und die Unabhängigkeit des Predigers., der seine Ueberzeugung allen Gewalten zum Trotz mit großem, hinreißendem Pathos Ausdruck gab . . . Gott ist mit den Kämpfenden und Vowärtsschreitenden, Der Kämpfer soll und kann auch ein Redner sein, ein Redner aber ist kein Schreier.. . Wenn in allen Wiener Synagogen die „Seelenspeise" so zubereitet und in solchen Gefäßen den Andächtigen gereicht wird, sagte ich mir, dann müßten wohl in dieser Stadt die Gotteshäuser stets bis zum Rand gefüllt sein. Aber dem war nicht so. In den drei vorhergehenden Gottesdiensten war die Synagoge spärlich besucht, an den beiden Abenden sogar halbleer. Warum das? Man antwortete mir: das Geschäftsleben stelle viel zu schwere Aufgaben an die Menschen und hindere sie, dem Drange des Herzens zu folgen. Aber an den Abenden fand ja der Gottesdienst nach Geschäftschluß statt Und die Frauen und die Kinder haben ja mit dem Geschäftsleben nichts zu tun! Warum sah man so wenig Frauen und fast gar keine Knaben und Mädchen zwischen 8 und 18 Jahren, dem Alter, wo sie am empfänglichsten sind für Eindrücke, die in ihrem sich entfaltendem Gefühlsleben einen starken Widerhall finden und Emotionen wecken, die im späten Alter noch nachwirken? Oder verbietet ihnen ihr Freisinn, ihre Aufklärung, der Rede eines hochgebildeten und geistvollen Mannes über wichtige Lebensfragen eine halbe Stunde lang zuzuhören und eine edle, erhebende Musik zu genießen, weil sie gerade in einem Hause Gottes erklingen? Wer von Ihnen, meine Damen und Herren, auf Grund wissenschaftlicher Forschung und philosophischer Ueberlegung zu der felsenfesten und unerschütterlichen Ueberzeugung gelangt ist, daß es keinen Gott gebe, daß die jüdische Religion Trug sei und es keinen Sinn habe, einen Gottesdienst auf sich wirken zu lassen, daß das Gebet doch nirgends einen Widerhall finde im Weltall, — wer von Ihnen dies alles so genau weiß, wie die Newtonischen und Keplerischen Gesetze, der möge sich melden; ich setze mioh demütig zu seinen Füßen und lausche willig den Worten seiner Lehre in Andacht und Bewunderung und errichte ihm ein Denkmal aus dem kostbarsten Marmor und ritze seinen Namen darin ein mit Lettern aus dem reinsten Golde. Er ist der größte und scharfsinnigste aller wissenschaftlichen Forscher und der weiseste aller Philosophen, die je gelebt! Denn diese haben höchstens bloß vermocht, den naiven Glauben zu erschüttern, den Zweifel wach zr rufen, die Skepsis zu wecken. Aber es liegt in der Natur der Skepsis, wenn sie aus dem Geist echter Philosophie und

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