Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 21 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 illilillliM DIE WAHRHEIT Gestaltenden, des Aktiven und Positiven, sie ist kein Kompromiß, sondern eine Synthese. Diese Synthese fortzuführen und zu vollenden muß Aufgabe des Judentums sein und dies kann nicht eine Frage der Revolution sein, sondern einer Evolution im jüdischen Leben. Dr. W. Bei Schwarzbarts Mütter. Der französische Schriftsteller Bernard Lecache, der eine Reise durch die ukrainischen Pogromstädte absolvierte, erzählt in seinen Reisebeschreibungen über seine Begegnung mit der Mutter Schalom Schwarzbarths in Odessa. In einem kleinen, armseligen Stübchen, mit alten, abgebrauchten Möbeln, wohnt die arme Greisin mit den leuchtenden Augen und dem großen Kopf. „Frau Schwarzbarth?" „Ich bin es," antwortet die alte Frau. „Wer sind Sie?" Die alte Mutter wartet mit ängstlicher Neugierde, was wohl der Fremde ihr berichten werde. Schließlich antworte ich: „Ich komme von Ihrem Sohn. Er erlaubt mir, Ihnen einen Kuß von ihm zu übermitteln . . ." „Oh," ruft sie aus, „hat er wirklich an mich gedacht?" : i*r Sie legt die Hände auf meine Schultern, lächelt und weint gleich darauf. Gerührt gab ich ihr den Kuß. Lange Zeit stand sie da und sprach kein Wort. Sie ließ mich mitten im Zimmer stehen, ging auf und ab, als suchte sie etwas fieberhaft. Eine Mutter! Als sie dann zu sich kam, bat sie mich, Platz zu nehmen, sie selbst setzte sich mir gegenüber und überschüttete mich mit kindlichen, zärtlichen Fragen. Ich antworte, so gut ich kann, bin vorsichtig, bediene mich allgemeiner Redensarten, einige Worte liegen mir auf der Zunge. Ich möchte vom Gefängnis, vom verhafteten Schwarzbarth, vom Mord und dem Gericht und von der großen Erregung sprechen, die jetzt in der jüdischen Welt herrscht. Aber irgendein unverständliches Schamgefühl — oder war es Instinkt? — hielt mich davon ab. Ab und zu aber entschlüpfte mir ein Wort, das die Mutter sichtbar in Staunen versetzte. Sie zog die Augenbrauen hoch und bemühte sich, es zu erfassen. Aber ich sah ganz genau, daß sie nichts versteht. Sie bat mich, auf das Wohl ihres Sohnes zu trinken, und setzte mir ein Fläschchen Karmelwein vor, das sie schon seit langem bewahrt hatte. Als ich trank, nickte sie liebenswürdig mit dem Kopf und sprach wiederholt: „Oh, Sie kennen ihn. Ist es auch1 wirklich wahr, daß Sie ihn kennen?" Ein junger Mann trat ein, ein Freund der Familie. Das Gespräch kommt wieder in Fluß. Bei einigen meiner Worte bemerke ich, wie der junge Mann mir mit den Augen etwas andeutet, und als die Mutter sich einen Augenblick abgewendet hatte, den Zeigefinger auf die Lippen legt. Ich folgte dem Wink. „Sie sind plötzlich so schweigsam geworden," wundert sich die Mutter. „Sind sie vielleicht müde?" „Ja, ich bin müde", antwortete ich. Sie wußte gar nicht, daß ihrSohn Petljura erschossen hat, daß er im Oefängnis sitzt und daß ein Gericht über ihnurteilen wird. Aber die Mutter fühlte, daß wir ihr nicht alles sagen. „Sie verheimlichen mir etwas!" rief sie wiederholt aus. Nun beeile ich mich, die Mutter Schwarzbarths zu verlassen. Sie werde ihn bald wiedersehen — tröste ich sie noch beim Abschied. „Mein Gott, wie erlebe ich es schon!" seufzt sie. Eine Frühlingsfahrt durch Süd- und Westdeutschland. Der Glanz der Lenzessonne verschönt Jeden, sonst noch so trübseligen Erdenwinkel. Um so erfrischender wirken auf Sinne und Herz Landschaften, die ohnehin von der Natur bevorzugt, in der vollen Triebkraft des Frühlings mit der Farbenpracht der Baumblüte, soweit das Auge reicht, gottbegnadeten Anblick bieten. Und nun die Ueberfülle erlesener Kultur in den Städten, durch die der Weg führt. Sind es in den Hauptstädten Süddeutschlands nur vereinzelte Gegenstände jüdischer Geschichte und Kultur, die den Blick des reisenden Juden fesseln, so verweilt schon im Heid ei berger Schloß das Auge mit besonderer Aufmerksamkeit bei der Darstellung des einst so beliebten „Wettstreites zwischen Kirche und Synagoge". In Worms dann die jüdisohen Altertümer, unter denen das Geburtshaus Samson Wertheimers für uns Wiener besonders beachtenswert erscheint und die Grabschriften noch immer der umfassenden Bearbeitung harren. Mainz zeigt uns; außer den berühmten jüdischen Grabsteinen und einer Sammlung jüdischer Altertümer, in dem Museum mit seinem geradezu verwirrenden Reichtum die Porzellanstatuette eines sefardischen Rabbiners aus dem 18. Jahrhundert, in einem Vorraum des Domes Juden des Mittelalters in einer Darstellung des jüngsten Gerichtes. Rheinabwärts begleiten uns Erinnerungen an jüdisches Leid, aber auch an Meister jüdischer Lehre. Und braucht man erst an Nürnberg und Rothenburg zu 'erinnern? Wo findet man noch so bald einen Erdenstrich, auf dem sich Eindrücke von so viel Schönheit und Erhabenheit zusammendrängen? In all diese Pracht idyllisch hineingebettet im Kreuzungspunkt der lohnendsten Vergnügungs-, und Studienreisen liegt Bad Nauheim. Welch einen bitteren Beigeschmack hatte früher das Wort: „Du mußt nach Nauheim!" Man lernt allmählich um. Nauheim ist nicht mehr einzig und allein der Hoffnungsanker Schwerkranker. Die abgewirtschafteten Nerven des Großstädters rufen ihm zu: „Du sollst nach Nauheim!" Wer aber dieses entzückende FJedcchen Erde kennengelernt und lieb gewonnen hat, der freut sich, so oft ihm die Aussicht winkt: „Du darfst wieder nach Nauheim". Was Nauheim besonders auszeichnet, ist die wohltuende und den Nerven heilsame Ruhe, die, wie ein gütiger Genius loci, hier selbst über der größten Menschenansammlung waltet. Nicht nur die Kur- und Stadtverwaltung tut aäles, um -dem Gaste den Aufenthalt angenehm zu gestalten. Bis zum Badediener, ja bis zum Straßenkehrer hinab bemüht sich alles darum, daß man nicht, wie in manchen anderen Bädern, dafür büßen muß. daß man durch sein Leiden gezwungen ist, von ihnen Gebrauch zu machen. Nirgends wird man hier gewürzt. Das Gebotene ist stets dem Preis entsprechend. Wo man wohnt, wohnt man gut, wo immer man speist, hat man über nichts zu klagen. Wie für ganz Nauheim, gilt dies im besonderen auch für die jüdischen Unterkunfts- und Speisegelegenheiten, Adlers Kurhotel auf der Terrasse wird dem verwöhntesten .Geschmack eines internationalen Publikums gerecht. Haus Flörsheim bemüht sich erfolgreich, dem Mittelstande das Beste zu bieten und hält durch Zentralheizung und fließendes Wasser mit dem Tempo Schritt, in dem sich Nauheim im allgemeinen entwickelt Zum Ausruhen einladend liegt mitten im Frühlingsgrün den Bädern nahe Villa Friede, von dem Ehepaar E i c h b e r g trefflich geleitet. Und alles dies unter