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Die Wahrheit · 1927-05-20 · Heft 21 (20.5.1927) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 21 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iiiiiiililliinilK SeiU 3 KUNEROL Verbürgt reines Fett aus Kokosnüssen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G.,Wien» Atzgersdorf, gepreßt und die Er» zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann daher von jedem Streng» gläubigen ohne Bedenken zur Zubereis tung der Speisen verwendet werden. stehen und Vergehen, wie dies der geniale griechische Denker H e r a k 1 i t aus E p h e s u s gelehrt hat, kann das Wesen der Welt dem Flusse verglichen werden, der stets der gleiche bleibt, trotzdem er in jeder Minute ein anderer ist, dann ist auch im kulturellen und sozialen Leben die Evolution, d. h. der kontinuierliche Ueb ergang eines Zustandes in den anderen die Grundlage des Fortschreitens, Revolutionen sind nichts als der Schlußpunkt von Entwicklungspozessen. in welchen das Gewordene sinnfällig in Erscheinung tritt. Das Entwicklungsprihzip hat, von L a m a r c k in die Naturwissenschaft eingeführt, uns gewaltige Erkenntnisse gebracht und insbesonders durch das Verdienst Spencers auch auf sozialem Gebiete ganz neue Ausblicke eröffnet. Gibt es ein besseres Beispiel, einen schlagenderen Beweis für die Richtigkeit des Entwicklungsgedankens auf dem Gebiete der menschlichen Kultur als das Judentum, das sich selbst in seinem Wesen gleichbleibend doch immer Neues aus sich heraus geschaffen hat? Niemals war die Entwicklung des Judentums eine revolutionäre, d. h. es wurde nie im Verlaufe seiner vieltausendjährigen Geschichte das Alte ganz vernichtet und Neues an seine Stelle gesetzt, sondern sie war eine ständige Evolution, ein Aufbauen und Weiterbilden, ein Sich-Entwickeln auf jener sicheren und unerschütterlichen Basis, die von Generation auf Generation überliefert ward. Diese Basis aber ist die Thora, die Religion. Es muß daher Prof. Weizmann recht gegeben werden, wenn er in einem Artikel sagt: „Judentum, das weder R ie 1 i g i o n noch Nationalismus |s :e i n w i 1 f, muß notwendigerweise absorbiert und aufgesogen werde n". Es fragt sich nur, was das Judentum eigentlich sein will, und diese Frage wird durch die Geschchte des Judentums deutlich in dem Sinne beantwortet, daß nicht die Rassengebundenheit der Juden, sondern ihre Religion es war, welche das Absorbiert- und Aufgesogenwerden durch fremde Zivilisationen verhindert hat, daß sie die Differenzierung, den Abstand von den anderen Völkern geschaffen hat, wodurch ein Aufgehen in denselben verhindert wurde. Die „A n p a ss u n g" aber, von welcher Prof. Weizmann spricht, sie ist nichts anderes als eine bestimmte Art der Evolution, das Herstellen des notwendigen Entsprechungsverhältnisses zwischen dem Alten; Wesensgemäßen und der stets wechselnden, stets sich erneuernden Umwelt. Und gerade deshalb, weil das Judentum anpassungsfähig war, weil es in der Lage war, den jeweiligen kulturellen und sozialen Anforderungen zu entsprechen, hat es sich trotz der größten Hemmnisse, die seinem Bestand entgegengesetzt wurden, erhalten. Wenn daher Prof. Weizmann der Anseht Ausdruck gibt, „daß das, was sich in der Welt zugetragen hat, keine Anpassung, sondern eine schlechte Einordnung der Juden is t", dann ist darauf zu erwidern, daß diese Einordnung vom jüdischen Standpunkte aus, trotzdem sie eine hetoronome. d. h. von außen aufgezwungene war, nicht als „schlecht" bezeichnet werden kann. Versteht jedoch Prof. Weizmann unter einer „guten Einordnung'' eine vollkommene und restlose Eingliederung in die kulturellen und sozialen Verhältnisse, dann kann es — und gerade die national fühlenden Juden müßten dies zugeben — geradezu als ein Glück bezeichnet werden, daß sie nicht erfolgt ist. Prof. Weizmann hat das Wesen der Evolution wohl nicht ganz klar erfaßt, wenn er dieselbe als ein „K o m p r o m i ß" bezeichnet, als ein „Kompromiß zwischen etwas,'das starr und statisch, und etwas, das dynamisch ist". In diesem Sinne wäre wohl das Judentum etwas Schwankendes, Unvollkommenes und Unbefriedigendes. Die wahre Evolution entbehrt jedoch niemals des Schöpferischen, des wenn dieses Wissen mit der Einsicht von der Zwecklosigkeit seiner Plage immer wieder zusammenstößt. Des Schöpfers Weisheit wollte, daß „die Erde hervorbringe Gewächs, Kraut, Samen tragend, und Bäume, Früchte spendend." Von dieser Weisheit stammt des Erdensohnes Wunsch und Streben, seine eigenen Werke fortwirkend seine Arbeit fruchtbringend zu wissen. Wenn ein großer Denker das Wort „arbeiten und nicht verzweifeln" der Menschheit ins Stammbuch geschrieben hat, ist er seiner optimistischen Lebensanschauung gefolgt, die unter allen Umständen nach getaner Arbeit eine Ernte reifen sieht und auch im Mißerfolg einen Erfolg erkennt. Er hat insofern recht, als der Mißerfolg wohl niederdrückt, schmerzt und tiefe Wunden schlägt, aber auch anspornt, um Erfahrungen bereichert, neue Energien und frische Hoffnungen weckt und endlich sogar zum Ziele führen kann. Aber fruchtlose Arbeit, die sich von vornherein mit der Erfolglosigkeit abfinden und dennoch getan werden muß, ist lähmend, tötend, ist ein Fluch! „Dahinschwinden wird für nichts eure Kraft", dieses Wort muß das Ohr des Menschen mit Grauen erfüllen, in die Herzen Verzweiflung treiben, denn es spricht nicht von dem holden Leichtsinn, der vergnüglich Lebenstage und -kräfte vergeudet, auch nicht von den Müßiggängernaturen, deren Seele befriedigt, deren Herz heiter ist, wenn sie der Arbeit ausweichen können, sondern von den Arbeitern des Lebens, denen Arbeiten und Leben unzertrennliche Begriffe sind. Aber gerade diesen allen wird Arbeit immer nur Befriedigung gewähren, wenn sie einen nutzbringenden Zweck erfüllt. Darum steht es in dem großen Fluche und hat seine volle Berechtigung. Nicht nur als Strafe, sondern auch als Warnung! Denn es setzt dem Glauben an die alles bezwingende Kraft der Arbeit eine Grenze. Das Faß ohne Boden wird Menschenkraft nie füllen, und der Stein dem Gesetze der Schwerkraft ewig folgen. Des Menschen Geist und seiner Hände Kraft vermag Vieles und Großes, aber nicht alles. Die Grenze ist dort, wo der Segen Gottes aufhört und der Fluch anfängt. „Wenn ihr nach meinen Gesetzen wandelt und meine Gebote beobachtet", sagt die Thora und verkündet das Geheimnis des Erfolges; „wenn ihr aber nicht gehorchet", so fährt sie fort und offenbart das der Erfolglosigkeit. Es nützt nichts, ewigen Gesetzen trotzen und sich in unnatürlichem Vertrauen auf eine unbeugsame Energie, gegen die von Gott gesetzte Grenze auflehnend Erfolge erzwingen zu wollen. „Wenn Gott das Haus nicht baut, umsonst mühen sich da die Bauleute," sagt der fromme und gläubige Psalmdichter: Es gab Naturen, die ihn Lügen strafen wollten und sich von diesem altmodischen Glauben frei machten. Die Anbeter und Verehrer der Energie haben die beharrliche Kraft zu ihrer Göttin gemacht, sich ihr als moderne Sklaven und Galeerensträflinge auf Lebenszeit verschrieben, den Pakt auch erfüllt, gearbeitet ohne Rast und Ruh — und zu spät erkannt,, daß es auch vergeudete Kraft gibt. Sie haben ihrer Arbeit und ihrer Tage, vielleicht auch Nächte, Werk zum Schlüsse überschaut, konnten Segen weder für sich noch andere finden, stiegen ins Grab, ohne eingesehen zu haben, daß es auch einen Fluch der Arbeit, die vergeudete Kraft gibt.

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