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Die Wahrheit · 1927-05-20 · Heft 21 (20.5.1927) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 21 (20.5.1927)
Date
1927-05-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 OfflUnUH^ [>UüitiUU!IllU!iPiiHUlii!inE!l!(!llfHlilliltl!ll{!li!!ii!;;;: DIE WAHRHEIT habe ich ihm im Namen der ungarischen Juden für all das Schöne und Edle, was der „J o i n t" dem ungarischen Judentum in der schwersten Zeit der Heimsuchung geleistet hat, aus ganzem Herzen gedankt. Er wehrte zwar ab, doch man konnte es ihm ansehen, daß ihm eine Anerkennung von meiner Seite sehr wohlgetan hat. Es ist selbstverständlich, daß wir auf Pa 1 ä s t i n a zu sprechen kamen. W a rb u r g hält die Idee eines jüdischen Staates für ein Phantom und führt aus, daß das Land der Väter derart unfruchtbar sei, daß es größeren Massen leider keinen Lebensunterhalt ermöglichen kann; dagegen hat er meine Aufmerksamkeit auf eine großzügige Idee, das ist die Krimkolonisation, gelenkt, da er diese für ertragsfähig und von großer Zukunft hält. Die Kolonien werden von Direktor Fosner sehr geschickt geleitet, es sind dort bisher über 5000 jüdische Familien untergebracht, die zur Bearbeitung der Felder mit allen erforderlichen Hilfsmitteln versehen wurden. Die kulturelle und humanitäre Arbeit auf der Halbinsel Krim findet die wärmste Unterstützung der Amerikaner, so zwar, daß die Bewohner der jüdischen Kolonien den größten Teil ihrer Schulden bereits abgezahlt haben, was als Erfolg zu werten ist. W a r b u r g vertritt die Ansicht, daß die Kolonisation auf der Krim unbedingt fortzusetzen sei, weil dort Erde und Klima hervorragend sind. Diese Bewegung wird von ihm, vom „J o i n t" wie auch von den amerikanischen Juden aufs intensivste gefördert. „Ich habe eine sehr, sehr große Freude an dieser Kolonisation", sagte Warburg, „und befasse mich mit ihr mit besonderer Energie". Warburg beabsichtigt, in Yokohama das Schiff zu verlassen, um über die Mandschurei nach Rußland zu gelangen, wo er zv/ei Monate der Inspizierung der Kolonien widmen will. Ich hatte an der neuen Freundschaft eine besondere Freude und bildete eine Unterhaltung mit diesem welterfahrenen Menschen einen Hochgenuß. Er erzählte mir u. a., wie er mit dem ,,J o i n t" die in russische Gefangenschaft geratenen Ungarn ohne Unterschied der Konfession in ihre Heimat befördert hatte. Er berichtete mir von den Hindernissen, die bei dieser Arbeit zu bewältigen waren, von der großen Schwierigkeit, das Geld für diese Aktion aufzutreiben, von der Uebervorteilung durch die russischen Behörden und seiner sowie seiner Mitarbeiter Glückseligkeit, als das große Werk gelungen war. Der große Jude Warburg erzählt all dies mit einer Schlichtheit, als ob man nicht ihm Dank schuldig wäre, sondern er zu danken hätte dafür, daß er das durchführen durfte. Er reist mit seiner Frau, einer ebenso liebenswürdigen als einfachen Dame von großer Bildung. Die Amerikaner sind eine eigentümliche Gesellschaft. Ihr Losungswort ist b u s i n e s s. Alles andere rückt in den Hintergrund und dreht sich alles lediglich um den Dollar. Eine merkwürdige Erscheinung, daß auf dem Schiffe nur ältere Leute reisen. Auf meine Frage, wo denn die Jugend sei, erhielt ich die Antwort: Die müssen zu Hause bleiben und arbeiten. Evolution oder Revolution im jüdischen Leben. Es ist der uralte, ewige und im Grunde genommen, unerforschliche Gegensatz zwischen Sein und Werden, zwischen Beharrung und Entwicklung, der uns auf dem Gebiete des sozialen Lebens und in allen Erscheinungsformen dieses Lebens, in Kultur, Politik, Wirtschaft; Sitte usw. in den Erscheinungsformen der Revolution und der Evolution entgegentritt. Gibt es, wie uns bereits der griechische Philosoph Parmenädes, das Haupt der E1 i a t i s c h e n Schule, fünfhundert Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung gelehrt hat, nur ein Sein. d. h. eine absolute Beharrlichkeit und Unveränderlichkeit des Bestehenden!, dann ist die Ablösung eines bestimmten Seinzustandes durch einen anderen nur durch Revolution, d. Ii. durch Vernichtung des vorausgehenden Seinzustandes, durch den nachfolgenden möglich und jegliche Entwicklung ist ausgeschlossen. Typische Ausdrucksformen der eleatischen Gedankenrichtung in der Naturwissenschaft sind die Katastrophentheorie von C u v i e r, in der Wirtschafiswissenschaft die Klassenkampftheorie von Marx. Ist aber die Welt nichts anderes als ein ewiges Werden, ein Wechselspiel von Ent- Feuilleton Vergeudete Kraft. Von Dr. V. Kurrein. „Dahinschwinden wird für nichts eure Kraft..." III, 26, 20 Das klassische Altertum erzählt von den Danaiden, die zur Strafe in der Unterwelt verurteilt waren, mit bodenlosen Kannen ein bodenloses Faß mit Wasser zu füllen, unaufhörlich schöpften und die Qual hatten, vergebens zu arbeiten. Ebenso war Sisyphos verdammt, einen ungeheuren Marmorblock zur flöhe eines Berges hinaufzuwälzen, von wo er sogleich wieder hinunterrollte, um, wieder emporgehoben, wieder hinabzurollen — end- und zwecklos. Die Thora verkündet dem ersten Mörder Kain als Strafe: „Wenn du den Boden bestellen wirst, wird er dir nicht seine Kraft geben." Arbeit allein ist noch kein Segen; sie wird es erst, wenn sie einen Zweck erfüllt und zu einem Ziele führt. Zwecklose Arbeit verbraucht die Kräfte, ist Fluch und Verdammnis. Seit der Urzeit hat die Menschheit diese Tatsache erkannt, und gleich der griechischen Mythologie hat die Thora in dem Fluche, der Kain trifft, dem allgemein erkannten Gedanken Ausdruck gegeben, daß des Menschen Lebenszweck wohl Arbeit, aber nur nutzbringende, erfolgreiche, jedoch niemals zwecklose, Kraft und Energie vergeudende ist. Wie man von dem Segen der Arbeit spricht, kann man getrost das Wort vom Fluche der Arbeit da anwenden, wo sie, stets und immer vom Neuen getätigt, keine Werte und keinen Nutzen schafft. In der Erkenntnis, daß es wirklich einen Fluch der Arbeit gibt, hat die Thora in den großen Fluch, der das ungehorsame und widerspenstige Volk treffen würde, die Worte hineingesetzt: „Dahinschwinden wird für nichts eure Kraft, euer Land wird fruchtlos eure Kraft aufzehren, euer Boden seinen Ertrag nicht geben, und der Baum des Landes seine Frucht nicht spenden." Bei dieser Stelle hat sehr richtig ein Ausleger der heiligen Schrift auf den Fluch Kains hingewiesen, weil man nicht in einem zufälligen Mißgeschick, das eine Arbeit einmal zwecklos und vergeblich macht, den auf dem Arbeiter ruhenden Fluch erkennen darf, sondern erst in der bewußten und erkannten Tatsache, arbeiten und immer arbeiten zu müssen, ohne einen Nutzen aus seiner Arbeit zu sehen. Philosophen und Naturwissenschaftler weisen darauf hin. daß alles und jedes in der Schöpfung Gottes einem Zwecke diene, nichts nutzlos erschaffen sei oder zwecklos geschehe, und nennen das die Teleologie der Schöpfung. Des Menschen Los und Bestimmung ist die Arbeit, die ihm Ersatz für das verlorene Paradies bieten soll. Wie tief gedacht ist es also, wenn vergebliche, zwecklose Arbeit als Höllenstrafe dargestellt, und Kain, der eine Schöpfung Gottes zerstört hatte, mit dem Fluche der Arbeit, die die Kraft verbraucht, aber keinen Ertrag bringt, beladen wird! Denn der Mensch weiß, daß nicht genießerischer Müßiggang Zweck und Inhalt seines Lebens ist, aber wehe ihm,

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