Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 21 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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frscfkeint Jeden &veita& (Preis dieses Hummer.- SO €£*oscftem DIE WAHRHEIT Cesteneidhiiscfie Wodkenscthvift für jüdische Jnteressen Veröffcntfä<fkungevw der „Union deutstnöstcrr. Juden" Redaktion und Administration: Wien It., Shfemestmaße Jfflr. 13 Fernruf 42-2-16 XLIII. Jahrgang Wien, 20. Mai 1927 Nummer 21 Palästina oder Krim? Der bekannte ungarische Politiker Paul S a n d o r befindet sich derzeit auf einer Weltreise. Er berichtet im „Egyen- Iöseg" über seine Erlebnisse auf dieser Reise, so über die Eindrücke, die er in Palästina gewonnen, dessen Verhältnisse er krisenhaft und urshaltbar fand. In einem weiteren Reisebrief erzählt er über seine Begegnung mit Felix W a r b u r g, eine interessante Schilderung, die wir hier folgen lassen. Je weiter mich mein Weg nach dem fernen Osten führt, desto merkwürdiger erscheint mir die Tatsache, daß ich immer weniger Glaubensgenossen antreffe. Eigentümlich ist dieser Umstand schon deshalb, weil ich aus meinen volkswirtschaftlichen und historischen Studien weiß, daß speziell der Zusammenschluß Indiens mit dem englischen Weltreich ein Verdienst der Juden war. Die Herrschaft Englands in Indien ist aus der o s tindischenKompagnie hervorgegangen, deren Gründer und Gouverneure Juden waren. England hat, nach seinem bewährten Rezepte, stets Juden als Vorposten, als Händler und Reisende hinausgeschickt, um dann die reife Frucht zu ernten. In Kalkutta, Indiens mächtigem Handelszentrum, wo sich mehr als ein Drittel des Handelsverkehres des ganzen Landes abspielt, leben im ganzen 15.000 Juden. Sie besitzen nur eine Synagoge. Ihr Oberrabbiner, den ich aufsuchen wollte, starb vor einigen Wochen, und so hatte ich mich an Herrn Eugen Ludwig, den ungarischen Konsul in Kalkutta, gewendet, der mich mit Herrn David E s r a, dem Obmann der jüdischen Gemeinde in Kalkutta, bekannt machte. Herr E s r a ist ein Schwager von Sir S a s s o n, folglich steht er mit den Londoner Rothschilds in verwandtschaftlichen Beziehungen. Sasson hat seinerzeit auf eigene Kosten ein Monument des englischen Königs in Kalkutta herstellen lassen. Herr E s r a selbst war lange Zeit Sherrif von Kalkutta, d. h. Oberbürgermeister und wurde wegen seiner großen Verdienste in den Adelsstand erhoben. Er ist einer der reichsten Männer Kalkuttas und das will viel sagen, weil in dieser Stadt ungeheure Vermögen neben grenzenloser Armut angehäuft sind. Eine vornehme Gasse in Kalkutta trägt den Namen David E s r a s und dieser mächtige, reiche und volkstümliche Führer ist ein einfacher und bescheidener älterer Herr von großer Herzensgute, strenggläubiger Jude, ein ebenso stoizer als zielbewußter Glaubensbruder. Als ich bei ihm eintrat, begrüßte er mich mit einem hebräischen Segensspruch und stellte mir seine Frau vor, die einem streng rituellen Haushalte vorsteht. Frau E s r a ist eine sehr gebildete und lebenskluge Dame, die die eine Hälfte des Jahres in Kalkutta, die andere in London verbringt. Das von der Familie E s r a bewohnte Haus ist einfach, aber vornehm eingerichtet. Das größte Wunder ist der Garten des Hauses, in welchem sich eine Fülle exotischer Baum- und Zierpflanzen, sowie eine auserlesene Zucht der nach Hunderten zählenden orientalischen Vögeln befindet, welche von 15 Wärtern gepflegt werden. Hier in Indien kennt man keinen Antisemitismus. Der Hindu respektiert jeden Glauben. Wenn ich bedenke, welche aufreibenden und aufreizenden Kämpfe ich in Jerusalem beobachten mußte, ja sogar zwischen einigen christlichen Sekten untereinander, da muß man den Hindus die größte Achtung entgegenbringen wegen ihrer außerordentlichen Toleranz. Ich habe mit sehr vielen indischen Juden über den Zionismus gesprochen. Ich will mich hier nicht in Wiederholungen einlassen,*) möchte jedoch feststellen, daß wir ungarischen Juden, die wir unser Ungartum von der zionistischen Bewegung bedroht fühlen, diese ursprünglich ideale, aber heute schon im Absterben begriffene, undurchführbare Bewegung sehr überschätzen. In dieser meiner Auffassung bestärkte mich der Bankier Felix Warburg, mit dem ich auf der „Resolut e", auf welcher ich diese Zeilen schreibe, bekannt wurde. Warburg, einer der reichsten Männer Amerikas, ist durch seine Betätigung auf jüdisch-humanitärem Gebiete weltbekannt geworden. Eine außerordentlich interessante Erscheinung von hervorragender Intelligenz und außerordentlicher Auffassungsgabe, ein großer Musikfreund, der dadurch berühmt wurde, daß sich die berühmten Stradivarius-Ouartetts, das sind die vier besten Geigen der Welt, in seinem Besitze befinden. Die Konzerte in seinem New Yorker Palais bilden Wochen vorher und Wochen nachher das Tagesgespräch der vornehmen Welt in New York. Als ich vorgestellt wurde, habe ich ihn gefragt, welcher von den drei Brüdern er sei, und als er mir sagte, daß er der Präsident des „J o i n t" wäre, *) Gemeint ist Paul Sandors Reisebriei aus Palästina.