Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 20 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 ^IIIHIHtHWUlUMW« IIMIIHMHtllHIIMIIHflMHMIHM«*M|lM»«MM»IM«HIII Watkwlkeiten vom (?a£c Disziplinaruntersuchung gegen Dr. Walter Riehl. Es scheint heute fast überflüssig, sich mit Herrn Riehl noch weiter zu beschäftigen, und wir könnten ihn eigentlich ruhig in der politischen Versenkung belassen, in welcher er nach dem Ausgang der Wahlen verchwunden ist, wenn er nicht selbst immer wieder von sich reden machte. Da fand jüngst in Wien ein Ehrenbeleidigungsprozeß statt, der das Nachspiel zu einer Theateraffäre war. Also weiter nichts besonderes. Man hätte darüber in unserer an Theater- und ähnlichen Affären wahrlich nicht allzu armen Stadt ruhig zur Tagesordnung übergehen können, wenn, ja wenn nicht Doktor Walter Riehl, der in besagtem Prozesse Klageanwalt war, nicht diese Gelegenheit benützt hätte, um wieder einmal einen ebenso geschmacklosen wie niedrigen Ausfall gegen die Wiener Juden zu begehen. Und zwar bot sich ihm diese Gelegenheit bereits in.der an das Gericht eingesandten Klageschrift. Der Beklagte war nämlich Jude und das genügte dem Herrn Rechtsanwalt, um an dieser Stelle folgende Pauschalbeschuldigung gegen uns Juden auszusprechen: „Der Beklagte handelte offenbar aus einem gewissen, in Wien schon unerträglich gesteigerten Ueberheblichkeitsgefühl, das die Angehörigen der jüdischen Rasse gegenüber uns. bodenständigen Christen und deutschen Ariern zum Ausdruck bringen . . . Die Juden glauben schon längst gegenüber der angestammten Bevölkerung geradezu höherwertig zu sein." Herr Dr. Riehl beklagt sich also über das „U e b e r h e b I ic hkeitsgefühl" der Juden. Doch welchen Gefühlen ist die ganze bisherige politische Tätigkeit dieses Mannes entsprungen? Aus welchen Gefühlen heraus ist der Gedanke entstanden, eine Klageschrift mit antisemitischen Ausfällen zu versehen? Von Ueberheblichkeitsgefühlen einen solchen Menschen sprechen zu hören kann nur Aergernis bei allen anständigen Menschen hervorrufen. Wegen dieser angeführten und ähnlichen Stellen hat Dr. Brill, der Vertreter des Beklagten bei der Rechtsanwaltskammer den Antrag auf Einleitung einer Disziplinaruntersuchung gegen Doktor Riehl gestellt, welchem Antrag Folge gegeben wurde. Arierparagraph und Kirchenbehörden. In der kürzlich abgehaltenen Hauptversammlung des alldeutschen Vereines „Schönere r", in dem die Alldeutschen Oesterreichs unter Führung des ehemaligen Reichsratsabgeordneten Franz Stein stehen, wurde der Beschluß gefaßt, an alle evangelischen Kirchenbehörden A. B. die Aufforderung zu richten, für diese Kirche den Arierparagraph einzuführen. Wie immer sich auch die Kirchenbehörden zu dem immerhin merkwürdigen Verlangen der Schönerianer stellen mögen, so sei schon jetzt festgestellt: Von jüdischer Seite ist gegen eine solche Maßnahme nicht das geringste einzuwenden; sie scheint uns sogar insofern ganz begrüßenswert, als damit aller Proselytenmacherei ein für allemal ein Riegel vorgeschoben würde. Wie die Einführung des Arierparagraphen vom Standpunkte des evangelischen Christentums aus zu werten ist, das zu beurteilen ist nicht unsere Sache, doch meinen wir, daß die maßgebenden evangelischen Kirchenbehörden schon mit Rücksicht auf die „Rassezugehörigkeit" des Stifters ihrer Religion und seiner ersten Anhänger den Forderungen des alldeutschen Vereines einigen Widerstand entgegensetzen müßten. Bewegte Szenen Im Lemberger Kultusvorstande. In der am 27. v. M. stattgehabten Sitzung des Lemberger Kultusvorstandes spielten sich Szenen ab, wie sie in einer Sitzung einer religiösen Körperschaft wobl noch nicht beobachtet worden sind. Die Spannung, die zwischen Agudisten und Zionisten besteht und die durch die plötzliche Verschiebung der Kultuswahlen durch die Regierung nur noch weiter gesteigert wurde, ericeichte m dieser Sitzung ihren Höhepunkt. Als der agudistische Vertreter Hirschsprung erklärte, daß die Agudah in einem Memorandum an die Regierung die Bitte ausgesprochen habe, die Ausschreibung der Wahlen zu widerrufen, brach ein Sturm los. Unter Rufen „Denunzianten! Verräter!" stürzten sich mehrere Vorsteher auf den Redner, auf der Galerie entsteht eine Schlägerei, die Sitzung mußte auf 15 Minuteri unterbrochen werden. Als jedoch die Unruhe im Saale auch nach Wiedereröffnung der Sitzung sich nicht legte und überdies noch die vor dem Gemeindehaus angesammelte Menschenmenge das Gebäude mit Steinen bombardierte und zu stürmen drohte, die sozialistischen Vertreter im Sitzungssaal im allgemeinen Chaos die Internationale anstimmten, zog eine Polizeiabteilung in den Sitzungssaal ein, räumte die Galerie und hielt den Saal besetzt, bis die Sitzung geschlossen wurde. Art und Unart der Parteien. Im „Zusammenschluß", einer politischen Monatsschrift zur Pflege der deutschen Eintracht, schreibt der bekannte Theologe der Marburger Universität, Professor Dr. Friedrich Niebergall, in geistvoller Weise und mit edler Grundeinstellung über „Art und Unart der Parteien". Wir geben aus dem Aufsatz weniges hier wieder: „Wer selber weiß, was eine Ueberzeugung bedeutet, ist auch nicht imstande, anderen die ihre zu verleiden, indem er ihnen geschäftliche Nachteile zufügt oder sie gesellschaftlich durch Ausschluß aus der sogenannten guten Gesellschaft boykottiert. Das sind alles Ausläufer mittelalterlicher Methoden wie Inquisition und Dragonaden, die sich für heutige Bildung nicht mehr ziemen." Das Folgende sollten besonders die Völkischen nicht überlesen, wenn es auch für alle Parteien gilt. „Denn die Beschränktheit lebt vom Haß. Es gibt unzählig viele, die es krampfhaft vermeiden, mit Vertretern anderer Parteien zusammenzukommen, weil sie das Gefühl haben, diese könnten besser und vernünftiger sein, als ihr Haß es bisher angenommen hat, so daß sie dieses ihr Schoßkind aufgeben müßten. Darum rührt diese Beschränktheit auch keine andere Zeitung als das geliebte Leibblatt an, das doch allein alles richtig bringt; widerlegt es doch so sicher mit Gründen und mit Affekten, was die anderen rechts und links zu sagen pflegen. Es gehört schon etwas größere Einsicht als die des gewöhnlichen Parteimenschen dazu, um zu wissen, daß die Zeitung als Ausdruck eines bestimmten Willens uns auch dann „gerichtete" Mitteilungen bringt, wenn sie einfach Tatsächliches zu bringen scheint. Was sie uns verschweigt, das merken wir nicht. Die tägliche Lektüre infiltriert uns so, daß wir es — nur an anderen merken. Humoristisch wirkt es immer, wenn man einem Stammtisch zuhört, wo anscheinend die persönlichen Meinungen widereinander stehen, während doch tatsächlich im kleinen Kreise auch hier die Geister der Zeitungen aufeinanderplarzen. Wer mitreden will oder sich entscheiden soll, der muß — falls er den Anspruch auf Bildung macht — zwei Zeitungen lesen, jedenfalls aber unterwegs oder in der Sommerfrische etwa gerade einmal die entgegengesetzte Zeitung lesen. So allein entspricht es der Würde einer persönlichen Haltung des gebildeten Menschen: er soll kein Echo, sondern eine Stimme sein." Wien und die Wiener Juden. Wir erhalten nachfolgende Zuschrift, der wir umso bereitwilliger Raum gewähren, als die Ansicht, welcher der geschätzte Einsender Ausdruck verleiht, von vielen unserer Glaubensgenossen wie auch von uns selbst einigermaßen geteilt wird: „Sehr geschätzte Redaktion! Die Ausstellung ,W i e n und die Wiener', die soeben eröffnet wurde, bietet gewiß ein umfassendes Bild vom Werden und Wesen unserer Stadt und dem Leben und Treiben ihrer Bewohner. Umso auffallender muß es erscheinen, daß diese schöne Ausstellung bei all ihrem Umfang und Reichtum einen Mangel aufweist, der gerade von dem, welcher die Rolle kennt, die das Judentum in der Geschichte unserer Stadt gespielt hat, schmerzlich empfunden werden wird, nämlich der Mangel einer „Jüdischen Abteil un g". Alle öffentlichen Organisationen und Körperschaften, der Bund, das Land Niederösterreich, insbesondere die Gemeinde Wien, aber auch zahlreiche private Vereinigungen haben sich bemüht, ein möglichst vollständige* BiW ihrer Tätigkeit im Interesse Wiens und seiner Bevölkerung zu geben, nur die Wiener israelitische Kultusgemeinde, die dazu berufen gewesen wäre, die Wiener, da bloß die jüdische Jugendfürsorge auf der Ausstellung vertreten ist, Juden auf der Ausstellung zu vertreten, macht eine Ausnahme. Es wäre wohl sicher nicht schwer gewesen, aus dem jüdischen Museum und dem Archiv der Gemeinde so manches zusammenzutragen, was von allgemein historischer und kultureller Bedeutung ist, es hätte auch ein Bild der hervorragenden fürsorglichen Institutionen und sozialen Leistungen der Kultusgemeinde den Juden und Nichtjuden geboten werden können. Es wäre gewiß von Interesse, zu erfahren, ob die Nichtbeteiligung der Kultusgemeinde an der Ausstellung innere oder äußere Ursachen hat, d. h. auf Widerstände seitens der Ausstellungsleitung oder auf zwingende Gründe seitens der KuKusgemeinde selbst zurückzuführen ist. Jedenfalls ist es sehr zu bedauern, daß eine so glänzende Gelegenheit nicht wahrgenommen wurde, um der Welt zu zeigen, was die Wiener Juden in dieser Stadt und für diese Stadt geleistet haben. Hochachtungsvoll Dr. F. H."