Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1927-05-13 · Heft 20 (13.5.1927) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 20 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064299-3064319--15407-3088190
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 10 DIE WAHRHEIT MftUbrficke. St Margarethen, Levanttal. Seebad Weißensee. (Auf Briefen der Fremden verkehr skommission findet sich der Vermerk: „Juden sind am Weißensee ungebetene Gäste.") Tirol: Fügen. Hopfgarten. Wildbad brächen (Hochpustertal). St Jakob am Pillersee. („Nur Arier werden angenommen.") Mieders, StubaitaL (Das Gasthaus „Alte Post" ist mit einem Hakenkreuz versehen.) Fremdenverkehrswerbung In Oesterreich, Ein langer Konferenztisch fn irgendeinem Ministerium. Ringsherum würdige Herren, denen man schon von weitem ihren redlichen Willen und Ihre gute Absicht ansieht, den Fremdenverkehr in Oesterreich zu heben. Irgendein Minister erhebt sich und spricht: „Da die Hebung des Fremdenverkehrs für das wirtschaftliche Gedeihen unseres verarmten Landes eine Frage von besonderer Wichtigkeit ja geradezu eine Existenzfrage darstellt und die Regierung in dem dringenden Wunsche, nichts zu unterfassen, was das Wohl unseres geliebten Vaterlandes fördern zu können geeiget erscheint, die Initiative zu ergreifen gewillt ist, ein Zusammenarbeiten aller Faktoren, welche am Fremdenverkehr interessiert sind, in die Wege zu leiten, haben wir Sie hier zusammengerufen, um all die Mittel und Wege . . ." Spricht in diesem Sinne noch stundenlang weiter. Inzwischen ist der Sekretär der „F'remdenverkehrskommission (!) Seebad Weißensee in Kärnten" Christian Oberlercher damit beschäftigt, die auslaufende Post dieser Behörde mit der Stampiglie zu versehen: Juden sind an, ungebetene Gaste Wir wissen nicht, ob dieser Aufdruck auf Grund eines Gemeindebeschlusses dieses „Seebades" erfolgt oder ob die Frerndenverkelirskommission aus eigener Machtvollkommenheit bemüht ist, die östeweichischen Verfassiungsgesetze außer Kraft zu setzen, das eine aber wissen wir auf Grund mannigfacher Erfahrungen, die in dieser Hinsicht in Oesterreich gemacht werden konnten, daß auch alle anständigen Nichtjuden solchen hakenkreuzlerischen Sommerfrischen aus dem Wege gehen; denn es wäre immerhin möglich, daß auch sie, falls sie kein Hakenkreuz im Knopfloch tragen, nicht bei allen Gelegenheiten „Heil" schreien, für Juden gehalten und als solche geächtet werden. Auch die Sommerfrische Hansberg, Post St.Johann im Mühlkreis, macht Fremdenvericehrspropagärida, indem sie in Inseraten und Ankündigungen niemals unterläßt, Jior iär Arier!" in fetten Lettern hinzuzusetzen. Wenn dies Einzelfälle wären, dann könnte man ruhig darüber zur Tagesordnung übergehen, leider aber mehren sich die Fälle ausgesprochener Judenfeänd- Ifchkeit österreichischer Sonimerfrischen in letzter Zeit in einem Maße, daß auch nicht judenfeindliche Orte hierdurch schwer geschädigt werden; denn der In- oder Ausländer, der einige Wochen in Oesterreichs Bergen verbringen möchte, tat weder Lust noch Neigung, sich in jedem einzelnen Fall über die politische Gesinnung der Ortsbewohner vorerst zu informieren. Es gibt nämlich außer Oesterreich noch andere schöne Länder. „. . . Und in diesem Sinne bitte ich Sie, sehr geschätzte Herren, Ihre Bemühungen zu vereinen zu dem einen schönen Ziel, unserem geliebten Oesterreich durch Erweiterung, Vertiefung, Belebung und Intensivierung des Fremdenzustromes neue und fruchtbringende wirtschaftliche Kräfte zuzuführen, und wünsche Ihren Beratungen vollen Erfolg." Dorf Oberlängenfeld i. Oetztal. (Der Gasthof „Zum Hirschen" und dessen Dependence „Antonshaus", Besitzer Geschwister St rein, nehmen jüdische Gäste nicht auf. Kurbad Längenteid ist nicht antisemitisch.) Zillerthal. Vorarlberg: Gaschurn b. Montafon. Hotel „Rößle-Post". (Der Besitzer K e ß le r ziert seine Schreiben mit einem Hakenkreuz.) Schruns. (In den Gasthöfen „Löwe" und „Taube" sind Hakenkreuze angebracht.) Antisemitismus In den Bergen. Ein im Vorjahre in der Berliner „C.-V.-Zeitung" erschienener Artikel des Sekretärs der „Union deutschösterreichischer Juden" über die merkwürdigen Methoden mancher österreichischer judenfeindlicher Orte zur „Hebung des Fremdenverkehrs" hat im gleichen Blatte eine Antwort ausgelöst, die wir hier wiedergeben wollen, damit auf diese Weise dokumentiert wird, wie sich selbst uns Nahestehende von uns wenden, wenn wir weiter Barbarei statt 'Gastfreundschaft an den Tag legen. Wir halten wohl die Schlußfolgerungen der reichsdeutschen Glaubensgenossen für verfehlt, aber sie sind leider nur zu sehr verständlich. Die Zuschrift lautet vollinhaltlich: H i 1 d e s h e i m, im August 1926. An die Schriftleitung der „C.-V.-Zeitung". Unter der Ueberschrift „Q_du mein Land Tirol!" erschien in Ihrer Zeitung ein Artikel von Herrn Oskar Hirschfeld, Sekretär der „Union deutsch-österreichischer Juden in Wien." Wir Juden können, so glaube ich. dem Verfasser dankbar sein, daß er Tatsachen aufgedeckt hat, die manchen unter uns nicht bekannt waren. Ich, der ich seit 25 Jahren die österreichischen Alpen als Bergsteiger aufsuche, habe sehen müssen, wie schon lange vor dem Weltkriege seitens der Antisemiten in den Alpen jede Gelegenheit wahrgenommen wurde, gegen uns zu hetzen. Worte, wie „Jüdengesindel", „Saujud", las man in Schmäh- und Spottgedichten in Fremden- und Gipfelbüchern. Ich habe gesehen, daß jüdische Touristen, denen man den Juden auf den ersten Blick ansah, in Gasthäusern einfach nicht bedient wurden, trotzdem sie höflich und bescheiden auftraten. Ich kann auch bestätigen, daß im Salzburger Land, mit Ausnahme des Salzkammergutes, der Antisemitismus ganz besonders blüht. Selbst in G a s t e i n, wo in jedem Jähre zahlreiche Juden aus den verschiedensten Ländern ihre Kur gebrauchen, schläft der Antisemitismus nicht. Natürlich haben die jüdischen Kurgäste nicht unter der Bewegung zu leiden. So dumm ist man nicht, daß man nicht gern die teuren Pensionspreise von ihnen nimmt. Aber wer Gelegenheit hat, als Jude unerkannt Gespräche über die verdammten „Jutte" zu belauschen, der bekommt eine Ahnung, wie man über uns spricht, sobald die jüdischen Kurgäste abgereist sind. Sehr schlimm sind meine Erfahrungen, die ich in Kärnten gesammelt habe. In diesem schönen Land wo hnen meines Wissens überhaupt keine Juden. Man kennt sie also nur aus den Berichten der Kärntner Presse. Was in dieser seit langen Jähren an Judenhetze geleistet wird, grenzt an das Unglaubliche. In Gesprächen, die ich mit eingeborenen Kärntnern führte, hörte ich immer wieder den Satz: „Daran sind die Juden schuld." Der Haß hat sich so bei den Bewohnern festgesetzt, daß Personen, denen Juden schon sehr gefällig gewesen sind, heute Hakenkreuze tragen. Nach diesen Erfahrungen habe ich beschlossen, die österreichischen Alpen nicht mehr aufzusuchen. Ich halte es als Jude unter meiner Würde, meine Ferien dort zu verbringen, wo wir Juden als Menschen zweiter Klasseangesehenwerden. Hermann Heß (Hildesheim). ff /k M AI f f~> Melderu. Gummimäntel-Fabrik ■ JA 1 I VI r\ gl K Export nach allen Ländern J ■ ■ 1 W 11 1 ■ «W A m Zentrale: Wim II., GlOCkengaSSO 24 Tel. 48-4-79 Nr KuftyibaiH« «md V*r«lnsfunktio»8r« fftgtfn Legitimation 10V. Nach lall von d«n Im Schautanstor ■iliif MloHHept II* TtiberstrftSa 44 «rslchtlldton Vttrkausprolson

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.