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Die Wahrheit · 1927-05-13 · Heft 20 (13.5.1927) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1927
Issue
Heft 20 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 7 gebracht, Staatsschulden konvertiert — seine Konversion der italienischen Obligationen 1906 hat das Land vor dem Bankerott gerettet —, hat 24 noch heute bestehende Handelsverträge abgeschlossen, internationale Arbeiterabkommen vereinbart. Damit ist die Liste seiner politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ethischen Taten noch lange nicht erschöpft. Es war ein beneidenswert reiches, fruchtbares Leben. Man hat ihn zuweilen den Sozialisten zugerechnet. Er pflegte sanft abwehrend zu sagen: „Ich bin ein Freund eines jeden lebenden Wesens." Und einer amerikanischen Glaubensgenossin schrieb Anfang 1926 der Fünfundachtzigjährige: „Der Glaube an die menschliche Güte vereint uns; er ist ein Bindeglied, das nicht nur hier auf Erden vereint!" Möge ihm in der Welt, an die er glaubte, der Lohn werden, den er überreichlich für sein Wirken auf dieser Welt verdient hat. C. A. B r a 11 e r. „Der Morgen". Zum Beginn des dritten Jahrganges. Das erste „Morgen'VHeft des dritten Jahrganges ist besonders reich an wertvollen Beiträgen. Zwei von ihnen seien zuerst genannt, weil sie den bisherigen Themenkreis des „Morgen" nach der wirtschaftswissenschaftlichen Seite hin erweitern. Qerhart Buer: „Die Stellung der Juden in der deutschen Metall- und Eisenindustrie" und Ernst Landsberg: „Die Juden in der Textilindustrie". Es sollen in der Folge in jedem Heft solche Beiträge zur wirtschaftspolitischen Lage der Juden in Deutschland erscheinen, um ein von Vorurteilen ungetrübtes Bild der wirtschaftlichen Existenz der deutschen Juden zu gewinnen. Neben dem Herausgeber hat sich der bekannte Volkswirtschaftler und Soziologe Dr. Norbert E i nstein in Berlin in der Anregung dieses Planes und als Berater bei der Durchführung besondere Verdienste erworben. Ein christlicher Studienrat, Dr. Müller-Claudius, behandelt das Problem, das alle jüdische Eltern angeht: „Das jüdische Kind in der Schule". Hier spricht ein seelisch feinfühliger Pädagoge die leise Tragik aus. die über dem Schulschicksal des jüdischen Kindes liegt, indem er, vorsichtig deutend, Tatbestände aufdeckt, die im Wesen der Schulumwelt und des Kindes liegen. Der Verfasser klagt nicht an — er legt nur dar, allerdings in einer auch sprachlich so eindringlichen Weise, daß er das Gev/issen der Lehrer und Leser weckt. Zum Verständnis des vorliegenden Problems hat dieser Aufsatz entscheidende Bedeutung. Rudolf Hallo (Kassel), ein Weggenosse von Franz Rosenzweig, schreibt über den Psalter. Was bedeutet er als Ganzes inmitten der Bibel? Welche Motive bewirkten seine Einteilung, seinen der Thora nachgebildeten Aufbau? Hallo wirft Fragen auf, die, über alles Philologische und Gelehrte hinausweisend, an die letzten religiösen Kräfte unseres Schrifttums rühren. Ernst Jacob (Saarbrücken) gibt den Schlußteil seiner Arbeit über Rathenau. Alles, was sich in Schriften und Briefen Rathenaus über sein Verhältnis zum Judentum, zum Zionismus und zum Deutschtum findet, wird dem Leser mit verdienstlicher Uebersichtlichkeit dargelegt. — Ernst Altkirch, ein vor einigen Monaten verstorbener Spinoza- Forscher, dessen wertvolle Arbeiten in dem bekannten philosophischen Verlag von Felix Meiner (Leipzig) erschienen sind, behandelt „Die Freunde Spinozas". Angesichts der Einweihung des Spinozas-Hauses im Haag — einen Bericht darüber von F. Schlerath enthält das vorliegende Heft ebenfalls — haben diese Ausführungen eine besondere Aktualität. Sie zeigen, wie wenig die Freunde sich der Größe Spinozas bewußt waren, wie wenig sie Sorge trugen, daß sein Nachlaß und seine Briefe der Nachwelt überliefert wurden. Berndt Götz, ein Berliner Psychiater, gibt in einem Aufsatz: „Analytische Darstellung der Träume und Träumer im Alten Testament" eine Typentehre der in der Bibel vorkommenden Träume. Mit der durch den Gegenstand gebotenen Ehrfurcht zeigt der Verfasser, wie auf diesem Gebiet die Bibel schon alles sachlich Bedeutsame in ihrer klassischen Gegenständlichkeit zum Ausdruck gebracht hat. — Schließlich sei noch auf einen Aufsatz von Julius Goldstein hingewiesen: „Die Irrtümer der Völkische n", der, ob er gleich geschlossen und für sich verständlich ist, als fünfte Fortsetzung des Themas: „Völkischer Antisemitismus" zu gelten hat. Goldstein weist in diesem Aufsatz historisch und prinzipiell nach, wie die Völkischen den Begriff des Volkstums für ihre antisemitischen Zwecke verengen und dadurch den Unterschied von Natur und Geist verwischen, ohne den alle Werte der höheren Kultur ihren Sinn verlieren. — Eine Arbeit von Herbert Loewe von der Universität Oxford über „Gaspar da Garna", einen jüdischen Seeabenteurer aus dem Zeitalter der Entdeckungen, eine Besprechung von Rudolf Hallo über die Darmstädter Ausstellung des bekannten Offenbacher Meisters Rudolf Koch, sowie eine Reihe von Buchanzeigen beschließen das inhaltsvolle Heft dieser Zweimonatsschrift, die sich zu ihrem geistig interessierten Leserkreise auch in diesem Jahre sicher neue Freunde erwerben wird. Glossen. Die „Reichspost" veröffentlichte vor einigen Tagen eine parteipolitische Danksagung, die mit der Versicherung begann: „Einen herrlichen Sieg haben wir errungen . . ." Nach dem Ausgang der Wahlen, bei denen sich die Christlichsozialen durch eine Reihe von Mißgriffen selbst die ärgsten Schlappen zuzogen, hat der Hinweis auf den „herrlichen Sieg" vielleicht manchen verblüfft. Aber man darf nicht vergessen: der schwerste, somit also wirklich auch der herrlichste Sieg ist der über sich selbst. * * * Die „Wipag", das städtische Plakatierungsinstitut, hat die Danksagung der christlichsozialen Partei, in welcher diese von einem „Wahlschwindiel" der Gegner spricht, zurückgewiesen. Die Motivierung ist eine geradezu ideale. Wahlschwindel, das seien „ehrenrührige Vorwürfe" und die „Wipag" übe von jeher die Praxis, derlei fernzuhalten. Nörgler finden sich immer. Und da fragen ein paar hunderttausend Passanten, wieso die „Wipag" bei dieser Auffassung Plakate der Hakenkreuzler affichieren ließ, die zum Mord und Totschlag aufforderten und in denen die Juden als Gauner und Schufte bezeichnet werden? Ach, welche Kurzsichtigkeit verrät sich in dieser Frage! Die „Wipag" duldet nicht, daß man anderen „ehrenrührige" Vorwürfe macht, aber sie nahm an, daß die Hakenkreuzler durch diese plakatierten Schurkereien eigentlich nur — sich selbst besudelten. Das werden jetzt hoffentlich die Juden schon begreifen? * * * Zu einer solchen Höhe der Auffassung kann man sich allerdings nur in einer Stadt wie in Wien emporschwingen, die wir in diesen Tagen wieder in allen lonarten als ein Kulturzentrum preisen hörten. In kleineren Städten, die nicht einmal des Segens einer für alles Hohe und Edle wirkenden Universität teilhaftig sind, kann man der Bevölkerung allerdings eine solche subtile Unterscheidungsfähigkeit nicht ohne weiteres zumuten. Für diese bescheidene Selbsterkenntnis zeugt z. B. auch die Verordnung, die der Gemeinderat von Feldkirch im September des Vorjahres über die Plakatierungsordnung erlassen hat. Wie wenn diese sich direkt auf die Wiener Ge-

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