Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 20 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 l!i:'!!iii!!l!illll!!!ll!l!ll1ltlM DIE WAHRHEIT nehmungslustundSchaffensfreudigkeitdurch unerträglichen Steuerdruck und verkehrte Wirtschaftspolitik müssen bekämpft werden, weil sonst die Erfüllung der sozialen Pflichten, zu denen sich die bürgerlich-demokratische Partei aus Ueberzeugung bekennt, am allgemeinen Untergang scheitern müßte. Die bürgerlich-demokratische Partei sieht ihr Ziel in der Aufrichtung und Befestigung eines sozial gerechten Arbeitsstaates auf der demokratischen Basis der freien Persönlichkeit, jenes Staates, in dem jedem Werktätigen Arbeit. Behausung und Nahrung und der Weg seiner Entwicklung gesichert ist. Die bürgerlich-demokratische Partei erstrebt als den ersten Schritt auf diesem Wege die Aufhebung der naturwidrigen Abschnürung Oesterreichs von der großen Gesamtheit der deutschen Stämme, den staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Anschluß an die deutsche Republik und eine praktische, auf dieses Ziel gerichtete Politik. Die künstlich geschaffenen Zwangsvorstellungen, von denen die letzten Wahlen beherrscht waren, sind geschwunden. Die unerläßliche Notwendigkeit einer kräftigen demokratischen Partei ist weitesten Kreisen klar. Verstärkt unsere Reihen! Meldet Euren Beitritt, Eure Bereitwilligkeit zum Wiederaufbau einer durch den Geist ihrer großen unvergeßlichen freiheitlichen Führer gefestigten Partei, die zu wahrer Demokratie führen soll. Anmeldungen sind zu richten an das Sekretariat, Wien IX.. Währingerstraße 20, 1. Stock, Tür 10. Telephon 19-3-40: Anmeldungen für die Bezirksorganisation Leopoldstadt der Partei an Redakteur Oskar Hirschfeld, IL, Praterstraße 29. Telephon 48-7-21. Ein Denkmal der Demokratie. Ein Denkmal der Demokratie, ein Wahrzeichen der Gerechtigkeit und Menschenliebe, ein weithin leuchtendes Symbol der politischen Freiheit und des kulturellen und sozialen Fortschrittes soll Wien erhalten, ein Denkmal soll gesetzt werden für Dr. Julius Ofner dem unerschrockenen Kämpfer für Freiheit und Recht, für alle Notleidenden und Unterdrückten. Diesem Mann ein Standbild zu errichten, muß eine Ehrenpflicht aller wahrhaft demokratisch und freisinnig fühlenden Menschen sein, vor allem auch eine Ehrenpflicht der Wiener Judenschaft, aus deren Mitte er hervorgegangen und für deren Recht er mit derselben Hingebung gekämpft hat, mit der er sich aller derer angenommen hat. die in ihren staatsbürgerlichen und vor allem in ihren Menschenrechten verkürzt waren. Sein scharfer Geist, sein umfangreiches und tiefes Wissen, vor allem aber sein gütiges Herz waren der Schutz der Rechtlosen und Rechtsuchenden, sein Mut, seine Tatkraft und Charakterfestigkeit waren der Hort der Freiheit und Demokratie in Oesterreich. Darum hat der Aufruf, den Chefredakteur Maximilian Schreier zur Errichtung eines Ofner-Denkinales an alle freisinnigen Wiener ohne Unterschied der Partei gerichtet hat, so freudigen Widerhall gefunden, darum hat sich auch die Bürgerlich-demokratische Partei in die erste Linie derjenigen gestellt, die für die baldige Verwirklichung dieser schönen Idee arbeiten woi'len. Durch das Ofner-Denkmal, das wahrscheinlich im zweiten Bezirk errichtet werden wird, an jener Stätte also, an welcher Dr. Ofner den Kampf gegen die Reaktion begonnen hat, ehren wir nicht nur einen großen Politiker und einen noch größeren Menschen, wir ehren uns selbst und errichten unseren Kindern ein Wahrzeichen der Freiheit. i Luzzatti. Mit dem italienischen Staatsmann. Luigi Luzzatti, der kürzlich, 86 Jahre alt, dahingegangen ist, hat die Welt einen der edelsten Menschen verloren. Wirklich die Welt, nicht nur sein Vaterland. Diesem hat er als leitender Staatsmann, als Minister, Autorität auf dem Gebiete der Volkswirtschaft und Staatsrechtslehre sehr erhebliche Dienste geleistet; der Welt als ein leuchtendes Vorbild von Seelengröße, als ein Mensch von unendlichem Mitgefühl für die Armen und Bedrückten, als ein stets tätiger, antreibender Faktor des sozialen Fortschritts — ein Mann, dessen Wirken in den Wirrnissen der letzten Jahrzehnte sich im Bewußtsein der Zeitgenossen leider verwischt hat, so daß die heutige Generation kaum das richtige Verständnis für seine Größe aufbringen kann. Luzzatti war Jude. War fünfmal Finanzminister, war sogar Premierminister. Als Jude. Disraeli war gleichfalls Premier, aber als getaufter Jude. Luzzattii st Judegeblieben. Aufrechter, gläubiger Jude. In Italien ist ein Jude auch Kriegsminister gewesen. — O 11 o- 1 e n g h i. Wir wollen heute von naheliegenden Vergleichen absehen. Die publizistische Tätigkeit, die Luzzatti neben seinen mühe- und verantwortungsvollen amtlichen Obliegenheiten entfaltete, ist unübersehbar. Sein Hauptwerk sind die sechs Bände „Gott in der Freiheit". Im fünften Bande schildert er ausführlich die Verfolgungen, denen die Juden in Rumänien und Polen ausgesetzt waren, und seine Bemühungen, diesen Armen zu helfen. Er hat auch sonst die Lage der Juden in verschiedenen Ländern studiert und Hilfsgesellschaften organisiert. Er hat geholfen, wo und wie er nur konnte. Er hat von seinen Zeitgenossen den Beinamen „der Friedensstifter" erhalten. Denn sein Denken und Fühlen war ganz dem sozialen, politischen und religiösen Frieden geweiht. Frühere deutsche Geschlechter haben ihn geehrt, weil sie wußten, in welch hohem Ansehen er deutsches Wissen und deutschen sozialen Fortschritt hielt. Er war ein Anhänger Schultze-Delitzsch, ein Schüler, der das Wirken des deutschen Lehrers auf sein eigenes Vaterland übertrug. Er hat das Genossenschaftswesen auf italienischem Boden heimisch gemacht, hat die erste zwangsweise Alters- und Unfallversicherung eingeführt, hat das Auswanderun?swesen reformiert, bessere Wohnungsverhältnisse für die ärmeren Klassen geschaffen, Volksuniversitäten ins Leben gerufen, die Lage der Arbeiter in den Industriebetrieben untersuchen lassen, der Landwirtschaft unschätzbare Dienste geleistet,-indem er sich um bessere Bedingungen im Forst-, Drainage-, Wässerungs- und ländlichen Schulwesen kümmerte und bemüht war, die Rechte des kleinen Grundbesitzers vor Uebergriffen durch Ausbeuter zu wahren. Er hat dem Volksschulunterricht, der Besserung der Volkshygiene, einer Erweiterung des Wahlrechtes auf alle Bürger, mit Ausnahme der Analphabeten, seine Sorge gewidmet. Daneben Banken saniert, die Finanzen vieler Gemeinden in Ordnung